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Tag der Befreiung

TElena Belovs Opa liegt im Grab des unbekannten Soldaten in Dollern

Blick auf das Grab des russischen Kriegsgefangenen Petr Filippowitsch Telegin (1904 - 1942) auf dem Friedhof in Dollern. Das Foto blieb der Familie.

Blick auf das Grab des russischen Kriegsgefangenen Petr Filippowitsch Telegin (1904 - 1942) auf dem Friedhof in Dollern. Das Foto blieb der Familie. Foto: Vasel/Archiv Belov

Auch am Grab ihres Großvaters werden am 8. Mai Blumen niedergelegt. Elena Belov begrüßt, dass NS-Opfer nicht vergessen sind. Lange wusste sie nicht, wo ihr Opa begraben ist.

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Von Björn Vasel
Donnerstag, 07.05.2026, 14:25 Uhr

Dollern. Dass am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen von Opfern des Nationalsozialismus und für Frieden und Versöhnung gesetzt wird, das lobt Elena Belov. „Ich danke allen von Herzen“, sagt sie. Belov ist die Enkelin von Petr Filippowitsch Telegin (1904 - 1942) - einem Kriegsgefangenen aus der früheren Sowjetunion. Dieser wurde bereits am 22. August 1941 gefangen genommen, am 22. Juni 1941 hatten die Nazis die UdSSR ohne eine Kriegserklärung überfallen.

Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Fußmarsch zum Lager Sandbostel.

Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Fußmarsch zum Lager Sandbostel. Foto: Archiv GLS

Mit dem „Unternehmen Barbarossa“ begann ein rassenideologisch, aber auch machtpolitisch und wirtschaftlich motivierter Vernichtungskrieg. Das NS-Regime wollte im Sinne seiner Ideologie einen „Lebensraum“ im Osten schaffen. Auf sowjetischer Seite verloren bis zu 27 Millionen Menschen ihr Leben. Petr Filippowitsch Telegin war einer von ihnen.

Unbekannter Toter bekommt Namen zurück

Er starb am 12. Februar 1942 in Dollern - an Entkräftung durch Unterernährung und Zwangsarbeit. Doch auf dem 1947 gesetzten Grabstein auf dem Friedhof in Dollern steht sein Name nicht. „Name unbek(annt)“ ist auf der Granitplatte eingraviert. Allein ein weiteres Opfer wird auf dem Grabmal mit drei Sternen namentlich erwähnt: Wassilij Kusmitsch Gornostajew (1910-1941). „Auf dem Stein ist das Todesjahr vertauscht worden“, sagt der Experte für die regionale NS-Geschichte, Michael Quelle, aus Stade. Die Samtgemeinde Horneburg werde jetzt einen Namensstein setzen.

„Über sein Leben weiß ich leider sehr wenig“, sagt Elena Belov dem TAGEBLATT. „Meine Mutter erinnerte sich kaum an ihn, und meine Großmutter sprach nie darüber“, sagt die Enkelin. Erst als Erwachsene habe sie durch Archivrecherchen erfahren, dass ihr Großvater im Jahr 1942 in der Kriegsgefangenschaft in Deutschland gestorben ist.

Telegin hinterließ drei Kinder

Dass sie den Ort gefunden habe, an dem ihr Großvater „endlich Frieden“ gefunden habe, bedeute ihr viel. Hier könne die Familie seiner gedenken. Belov: „Das ist für mich und meine Familie von unschätzbarem Wert.“ Der Besuch der Grabstätte „war ein sehr emotionaler Moment“.

Er sei am 1. Juni 1904 in Michnewo bei Moskau geboren worden. „Er war Bäcker, verheiratet und Vater von drei Kindern“, erzählt seine Enkelin. Nach seiner Gefangennahme durch die deutsche Wehrmacht sei er ins Reich verschleppt und im Kriegsgefangenenlager Stalag X B in Sandbostel interniert worden.

Blick auf die Personalkarte von Petr Filippowitsch Telegin aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag X B in Sandbostel.

Blick auf die Personalkarte von Petr Filippowitsch Telegin aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag X B in Sandbostel. Foto: Gedenkstätte Sandbostel

Den sowjetischen Soldaten, die ab Oktober 1941 nach Sandbostel kamen, habe die Wehrmacht aus ideologischen Gründen jeglichen Schutz durch das Völkerrecht verweigert. Tausende starben an Hunger und Krankheiten. „Der Vernichtungskrieg ist hier fortgesetzt worden“, erklärt der Gedenkstättenpädagoge und Lehrer am Athenaeum in Stade, Dr. Lars Hellwinkel.

„Russenbrot“ als Nahrung

Von den mehr als drei Millionen 1941 in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten verloren bis Frühjahr 1942 etwa zwei Drittel ihr Leben. In Sandbostel starben bereits im Winter 1941/1942 3000 Sowjets durch gezielte Mangelernährung und Gewalt.

„Russenbrot“ aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzel, Zell- und Strohmehl oder Laub, war neben Kartoffeln und einem Liter Wassersuppe meist die einzige Tagesration. Von Oktober bis Dezember 1941 kamen 20.000 sowjetische Soldaten nach Sandbostel. Es sollten mehr als 70.000 werden.

Blick auf das Kriegsgefangenenlager Sandbostel.

Blick auf das Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Foto: Privatbesitz, 1942 (ANg 2014-60)

Während der Nürnberger Prozesse sagte der ehemalige Kriegsgefangene Paul Roser als Zeuge aus. „Die Russen kamen in Fünfer-Kolonnen an und stützten sich gegenseitig, denn keiner von ihnen konnte alleine gehen. Wandernde Skelette ist wirklich der einzige zutreffende Ausdruck. Sie fielen reihenweise um, fünf Mann auf einmal; die Deutschen stürzten sich auf sie und schlugen sie mit Gewehrkolben und mit Peitschen“, so der Franzose.

Trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes seien die sowjetischen Kriegsgefangenen sofort auf Arbeitskommandos verteilt worden. Sie seien gesondert und oftmals schlechter als Gefangene anderer Nationen untergebracht worden - so auch in Dollern. Zum Kommando 1082 gehörten etwa 30 Gefangene. Sie arbeiteten auf den Bauernhöfen. Laut Ortschronik seien die „Russen“ auf dem Brink abends in den kalten, fensterlosen Milchkühler eingeschlossen worden.

Sie danke Michael Quelle und dem Team der Gedenkstätte Sandbostel für ihr Engagement, ihre Empathie und ihre Bereitschaft, die Erinnerung lebendig zu halten, so Belov. Sie halfen ihr bei der Suche nach ihrem Großvater. Er wurde nur 37 Jahre alt.

Dieses Foto von Petr Filippowitsch Telegin blieb der Familie.

Dieses Foto von Petr Filippowitsch Telegin blieb der Familie. Foto: Archiv Belov

Hier werden am 8. Mai im Kreis Stade Blumen niedergelegt

Ein überparteiliches Bündnis demokratischer Kräfte ruft auf, wieder Blumen zum Jahrestag der Befreiung an Gräbern und Gedenkorten von Opfern des Nationalsozialismus niederzulegen.

In diesem Jahr wird es am Freitag, 8. Mai, 18 Uhr, zentrale Blumenniederlegungen in Stade (Camper Friedhof) und in Buxtehude (Alter Friedhof in der Stader Straße, anschließend Ferdinandstraße) geben. Auch in Dollern sollen Blumen niedergelegt werden.

Blick auf das Grab von Petr Filippowitsch Telegin auf dem Friedhof in Dollern. Auch hier können am 8. Mai wieder Blumen niedergelegt werden.

Blick auf das Grab von Petr Filippowitsch Telegin auf dem Friedhof in Dollern. Auch hier können am 8. Mai wieder Blumen niedergelegt werden. Foto: Vasel

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