TEndlich in Sicherheit: Wie eine Buxtehuder Familie von Dubai nach Hause kam
Happy End: Thomas und Daniela Tidiks werden am Harburger Bahnhof von einem Freund abgeholt. Foto: privat
Hunderte Urlauber sitzen noch immer in Dubai fest. Das Ehepaar Tidiks nicht mehr. Sie sind zurück in Buxtehude - doch die Rückreise war abenteuerlich.
Buxtehude. Wie berichtet, ist aus dem Dubai-Urlaub von Thomas und Daniela Tidiks aus Buxtehude ein Aufenthalt im Kriegsgebiet geworden. Was in den ersten Tagen geschah, nachdem sie vom Hotelpool aus Raketen explodieren sahen, hat Thomas Tidiks an dieser Stelle bereits in Tagebuchform geschildert.
Nach immer wieder gebuchten und stornierten Rückflügen geht es weiter - mit erneuten Alarmen, schlaflosen Nächten, aber auch einem guten Plan, der Hoffnung macht. Hier sein Tagebuch (leicht gekürzt), das er dem TAGEBLATT zum Teil auch in Echtzeit per WhatsApp geschickt hat:
Donnerstag, 5. März, Dubai
Wir sind nach unten evakuiert und im „Schutzraum“ des Hotels. Interessant war, dass ich die Evakuierung anführen musste aus dem 24. Stock. Die Menschen wussten nicht, was tun und versammelten sich vor den Fahrstühlen. Wir haben das Treppenhaus gewählt und sind hinunter gelaufen. 9/11 hatten nur die überlebt, die sofort ins Treppenhaus und nach unten gelaufen sind.

Kein Zimmer mit Aussicht: Im Erdgeschoss des Hotels wurden Konferenzräume zu Schutzräumen umfunktioniert. Foto: privat
TAGEBLATT-Nachfrage per WhatsApp: Schlafen Sie auch im Schutzraum?
Wenn wir vernünftig wären … Zumindest werden wir wohl angezogen „schlafen“ mit gepacktem Rucksack.

Per App wird Tidiks nicht nur per Handy alarmiert, sondern auch direkt auf seiner Armbanduhr. Foto: privat
Der Donnerstag hat begonnen wie die Tage zuvor: E-Mails prüfen, die Lufthansa-App öffnen. Und wieder das gleiche Bild. Der zuvor bestätigte Rückflug für Samstag ist erneut gestrichen worden. Die Nachricht kommt diesmal von Emirates per E-Mail. In der Lufthansa-App hingegen wird der Flug weiterhin als aktiv angezeigt: „Check-in morgen ab 8:50 Uhr möglich“.
Von Lufthansa selbst kommt keine Mitteilung über die Streichung. Wir waren ursprünglich von Lufthansa auf Emirates umgebucht worden – doch die Absage kommt nun direkt von Emirates.
Ich rufe die Lufthansa-Hotline an. Dort fällt erstmals der entscheidende Satz: Man müsse verstehen, dass es sich um ein „außergewöhnliches Ereignis“ handele.
Dieser Begriff ist in der Luftfahrtbranche eine rechtliche Kategorie. Er bedeutet im Kern: Die Airline trägt keine Verantwortung für die Situation und ist auch nicht entschädigungspflichtig. Der Mitarbeiter am Telefon kann mir keine weiteren Flüge anbieten. Er erklärt, er habe keinen Zugriff mehr auf alternative Verbindungen – schon gar nicht auf Flüge anderer Airlines.
Auf meine Frage, ob man uns vielleicht auf eine andere Fluggesellschaft umbuchen könne, kommt die Antwort: Das ginge nur, wenn ich selbst bezahle. Wenn ich also meine Kreditkarte angebe, könne Lufthansa zwar eine neue Buchung vornehmen – aber nicht im Rahmen des bestehenden Tickets. Damit ist das Gespräch beendet.
Wir besprechen kurz unsere Optionen und ich wende mich an einen Reisekontakt in Deutschland. Ich bitte ihn, unbedingt nach Flügen ab Maskat zu suchen – möglichst ab Montag. Denn allein die Fahrt dorthin würde vermutlich zwei Tage Vorlauf erfordern. Parallel nehme ich Kontakt zu International SOS auf. Dort erklärt man sich bereit, den Transport zu organisieren. Die Planung beginnt sofort.

Erinnerungsfoto: Michael Tutte von International SOS (links) hat mit Daniela und Thomas Tidiks im Hotel in Dubai die Pläne für die Rückreise über Oman besprochen. Foto: privat
Freitag, 6. März, Dubai
9.08 Uhr: It‘s happening again: Notfallalarm.
9.13 Uhr: Nacht war ruhig. Alarm wird ausgelöst, sobald der Iran Raketen und Drohnen in unsere Richtung schickt.
9.30 Uhr: Entwarnung.
Heute ist der erste Morgen, an dem ich aufwache und nicht sofort feststelle, dass unser Flug wieder gestrichen wurde. Allerdings fliegen wir inzwischen auch nicht mehr mit Lufthansa ab Dubai, sondern mit Oman Air aus Maskat. Und selbst wenn auch dieser Plan ins Stocken geraten sollte: Am Sonntagmorgen steigen wir in eine Limousine oder einen SUV und fahren einfach los – raus aus den Emiraten.
Ich blicke aus dem Fenster auf den Burj Khalifa, mit über 800 Metern das höchste Gebäude der Welt. Er wirkt zum Greifen nah, tatsächlich sind es aber zwei Metrostationen bis dorthin. Vor dem Fenster stehen Tisch und Stuhl. Darauf liegt meine komplette „Fluchtausrüstung“: Kleidung, Rucksack, Geld, Pass, Powerbank, Brillen und Medikamente – alles vorbereitet für den Fall eines nächtlichen Alarms.

Blick auf das Burj Khalifa aus Tidiks Hotelzimmer in Dubai. Foto: privat
Diese Routine haben wir inzwischen verinnerlicht. Seit wann eigentlich? Es ist Tag sieben seit dem ersten Angriff, und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
Ein Luftalarm bedeutet hier, dass plötzlich ein lautes Dröhnen beginnt. Man hört Kampfjets starten. Das ist meist das Zeichen, dass Abfangmaßnahmen laufen. Manchmal folgt später ein dumpfer Knall – eine Erschütterung, die man deutlich spürt.
Dann begeben wir uns in den sogenannten Schutzraum des Hotels. In Wirklichkeit sind das große Konferenzräume im Inneren des Gebäudes. Sie sollen Schutz bieten, falls draußen etwas einschlägt.
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Ein Erlebnis dort werde ich nicht vergessen: Im Raum stehen Tische, daneben Feldbetten. Viele Gäste liegen darauf. Es ist spät am Abend, und eine beinahe unheimliche Stille liegt im Raum. Die Menschen flüstern nur noch.
Plötzlich beginnt ein Geräusch anzuschwellen. Erst leise, dann immer lauter. Ein tiefes Dröhnen, das sich steigert. Einige springen bereits auf und greifen nach ihren Sachen. Niemand weiß, was gleich passieren wird.
Bedrohlicher Lärm - und die Entwarnung
Dann stellt sich heraus: Es ist lediglich eine defekte Klimaanlage. Der Lärm hat sich so bedrohlich angehört, dass viele von uns überzeugt waren, eine Explosion oder ein Einschlag stehe unmittelbar bevor.
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Als später Entwarnung gegeben wird, bleiben wir trotzdem noch eine ganze Weile unten. Niemand hat das Bedürfnis, sofort wieder auf sein Zimmer zu gehen. Seit dem ersten Tag haben wir stets ein Notfallpaket griffbereit: Rucksack und Tasche mit Geld, Dokumenten und Medikamenten.
Gleich zu Beginn der Krise habe ich außerdem Bargeld abgehoben. In solchen Situationen ist Cash oft entscheidend – sei es, um spontan ein Taxi zu bezahlen, jemanden für einen Transport zu gewinnen oder an einer Grenze Prozesse zu beschleunigen. Man weiß nie, wofür es am Ende gebraucht wird.
Samstag, 7. März:
7 Uhr: Es geht wieder los. Wir befinden uns im gesicherten Bereich des Hotels und warten ab, was passiert. Diese Alarme treten inzwischen regelmäßig etwa alle 16 bis 20 Stunden auf.

Sonntag, 8. März, 10.09 Uhr: Die App auf Tidiks Handy zeigt Notfallalarm - wieder einmal. Foto: privat
Meist beginnt es damit, dass im Iran ein Angriff beziehungsweise ein Raketenabschuss erfolgt. Sobald erkennbar wird, dass sich die Raketen in diese Richtung bewegen, wird Alarm ausgelöst und man versucht, sich in die geschützten Bereiche zu begeben. Wahrscheinlich wird später wieder Entwarnung gegeben, und wir hoffen sehr, dass nichts in unsere Nähe kommt.

Über die App kommt die Entwarnung. Foto: privat
Um 21.30 Uhr gibt es erneut Alarm über Dubai. Wir kauern im Zimmer hinter einem Tisch, möglichst nah an den Innenwänden des Gebäudes. Später wird bekannt, dass bei den Abfangmaßnahmen eine Person durch herabfallende Trümmerteile ums Leben gekommen ist. Für uns steht fest: Wir müssen Dubai verlassen.
Sonntag, 8. März, Dubai/Oman
Am Sonntagmorgen um 7.50 Uhr beginnt unsere Reise durch die Wüste. Ein SUV holt uns direkt am Hotel ab. Ziel ist der Grenzübergang zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman.

Kurz vor der Abfahrt: Tidiks Gepäck wird in den SUV nach Oman geladen. Foto: privat
Die Fahrt aus Dubai hinaus führt zunächst über breite Stadtautobahnen, dann immer weiter in die offene Wüstenlandschaft. Nach etwa einer Stunde und vierzig Minuten erreichen wir den Grenzübergang.
Dort beginnt der eigentliche Grenzprozess – und der dauert deutlich länger als die Anfahrt. Vom letzten Kontrollpunkt auf der Seite der Emirate werden wir zunächst mit einem Bus über die eigentliche Grenze gebracht. Auf der omanischen Seite folgen mehrere Stationen, die alle mit demselben Bus angefahren werden. Immer wieder müssen wir aussteigen: zuerst für die Einreiseformalitäten bei der Immigration, anschließend für die Gepäckkontrolle und schließlich für den Transfer zum Übergabepunkt.
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Das Gepäck wird dabei mehrfach bewegt. Insgesamt drei Mal müssen die Koffer aus dem Bus geladen, kontrolliert und wieder verstaut werden. Nach Abschluss aller Formalitäten wartet auf omanischer Seite bereits der nächste Wagen. Von hier aus übernimmt ein SUV aus Oman den Weitertransport nach Maskat.

Daniela und Thomas Tidiks fahren drei Stunden durch Oman - mit Blick auf die karge Landschaft. Foto: privat
Die Strecke führt tief durch die karge Landschaft des Landes. Noch einmal mehr als drei Stunden Fahrt liegen vor uns. Nach fast drei Stunden und zehn Minuten erreichen wir schließlich Maskat. Zum ersten Mal seit Tagen haben wir das Gefühl, der Situation in Dubai wirklich ein Stück entkommen zu sein.
Montag, 9. März, Oman
Am Flughafen in Maskat erreicht uns noch eine E-Mail der deutschen Botschaft. Für die Nacht sei ein Evakuierungsflug der Lufthansa geplant. Wir würden über ein automatisiertes System angerufen und sollten dann bestätigen, ob wir ausgeflogen werden möchten. Der Anruf kommt nie.
Stattdessen steigen wir in unseren regulären Linienflug und fliegen nach Deutschland. Als wir etwa acht Stunden später in Frankfurt landen, wartet bereits die nächste Nachricht aus Maskat: Das automatische System habe leider nicht funktioniert. Man solle sich nun im Online-Portal des Auswärtigen Amts melden und dort angeben, ob man ausgeflogen werden möchte.
Wer diese erste E-Mail erhält und auf den angekündigten Anruf wartet, sitzt in einer unsicheren Lage fest – ohne zu wissen, ob und wann tatsächlich Hilfe kommt. Besonders für die Menschen, die in Maskat gestrandet sind, bedeutet das eine enorme Verunsicherung.
Dienstag, 10. März, Frankfurt/Buxtehude
Das war‘s! Der Rückreiseplan hat geklappt. Ein Freund hat uns am Bahnhof in Harburg abgeholt. Viele andere - die meisten davon sind nicht einmal Dubai-Urlauber, sondern internationale Transitreisende - warten immer noch in Dubai darauf, irgendwie einen Flug nach Hause zu bekommen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich als Beiratsmitglied den Service von International SOS inklusive Vorzugsbehandlung als „Familienmitglied“ bekommen habe.
Auch hier in Buxtehude wirken die Erlebnisse der letzten Woche noch nach: Das Geräusch am Himmel, wenn ein Airbus über die Stadt fliegt, lässt uns zusammenzucken. Das, was in der letzten Woche passiert ist, muss man erstmal noch verarbeiten.
Drohnenabsturz am Dubai International Airport
Nachtrag: Neue Abfangmaßnahmen gegen iranische Raketenangriffe wurden am 11. März gemeldet. Behörden bestätigten, dass am Morgen des 11. März zwei Drohnen in der Nähe des Dubai International Airport (DXB) abgestürzt sind. Dabei wurden mindestens vier Menschen verletzt.
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