TEr hörte Stimmen: 40-Jähriger in Stade wegen versuchten Totschlags angeklagt
Vor dem Landgericht wird gegen einen 40-Jährigen wegen versuchten Totschlags gegen seine Partnerin verhandelt. Foto: Vasel
Sie lernten sich über eine Internetplattform kennen. Dann hörte der 40-Jährige Stimmen und stach auf sie ein. Nun steht er wegen versuchten Totschlags vor Gericht.
Kehdingen. Im Oktober 2025 lernten sie sich kennen. Er 40 Jahre, sie 37. Sie überlegten, zusammenzuziehen. Doch dann hörte er Mitte Dezember Stimmen, die kein anderer hörte. Am 30. Dezember 2025 eskalierte ein Treffen in der Wohnung der 37-Jährigen. Sie floh, er holte sie ein und stach mit einem Küchenmesser sieben Mal auf seine Freundin ein, verletzte die Lunge lebensbedrohlich und trat auf sie ein.
Seit dem 7. Mai verhandelt die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Stade diesen Fall. Der 40-Jährige aus Kiel ist wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung angeklagt. Geprüft wird, ob der Beschuldigte zur Tatzeit schuldunfähig war und ob von ihm weiterhin Gefahr ausgeht und er daher in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen ist.
Opfer: „Ich hatte ihn beschützend wahrgenommen“
Die 37-Jährige, die in Kehdingen lebt, tritt als Nebenklägerin auf und hat sich entschieden, mit Anwesenheit der Öffentlichkeit auszusagen. Während ihrer Vernehmung sitzt eine Mitarbeiterin der Stiftung Opferhilfe Niedersachsen an ihrer Seite. Ruhig und sachlich erzählt die 37-Jährige, wie sie ihren Ex-Freund kennenlernte, dass sie sich oft geschrieben hätten und schon bald Telefonnummern austauschten.
Bei ihrem ersten Date in Hamburg hätten sie sich bei einem langen Spaziergang intensiv unterhalten. „Wir hatten sofort eine Verbindung“, erinnert sie sich. Es folgten viele Treffen. „Ich habe ihn sehr beschützend wahrgenommen, hatte das Gefühl, dass er auf mich aufpasst“, beschreibt sie sein Auftreten.
Doch Mitte Dezember veränderte sich sein Verhalten: Er habe von ihr wissen wollen, ob sie auch mit anderen Männern schlafe, was sie verneinte. „Er schlug gegen die Wände und packte mich am Hals“, erzählt sie. Da habe sie ihn rausgeworfen. Mehrere Tage hätten sie nicht miteinander gesprochen. Er habe später versucht, die Situation zu erklären, dass er in früheren Beziehungen enttäuscht worden sei, und er habe eine Therapie angekündigt.
Er kam mit einem Messer aus der Küche
Weihnachten verbrachten sie an der Nordseeküste. „Wir versuchten, die Beziehung zu kitten“, so die 37-Jährige. Auch stellte sie ihren neuen Freund den Eltern vor. Sie besuchten seinen Onkel. Und dennoch: Er habe immer wieder Vorwürfe geäußert. „Ich beruhigte mich: Er will eine Therapie machen. Das wird schon wieder.“
Es kam der 30. Dezember. Die 37-Jährige hatte eine Freundin besucht und kam um 20 Uhr nach Hause. Dort habe sie sich mit ihrem Freund kurz unterhalten, dann hätten sie miteinander geschlafen. Danach sei er aufgestanden und habe draußen eine Zigarette geraucht.
Als er wieder hereinkam, habe er damit begonnen, seine Sachen zu packen. Auf die Frage, was denn los sei, habe er zunächst nicht geantwortet. Erst nach weiteren Fragen habe er gesagt, sie sei nicht in der Lage zu lieben. Sie betrüge und hintergehe ihn.
Er sei in die Küche gegangen und mit einem Küchenmesser herausgekommen. „Er spielte mit der Klinge und sagte, dass ich Männer fertigmache und dass er das beenden müsse“, erinnert sich die 37-Jährige. „Ich habe ihn gebeten, zu gehen. Aber er reagierte nicht darauf.“
Angeklagter stach mehrfach auf sein Opfer ein
Die Situation spitzte sich zu. Der Hund der Betroffenen habe sich zwischen die beiden gestellt. Sie sperrte ihn zunächst ins Gästezimmer. Dann habe ihr Freund gefragt, ob es sie verletzen würde, wenn er dem Hund etwas antäte. „Da habe ich meinen Mantel und Stiefel angezogen, habe den Hund geholt und mich vor der Haustür von ihm verabschiedet und bin losgerannt.“
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Sie habe sofort gespürt, dass er ihr dicht folgte. „Dann spürte ich einen Stoß in den Rücken. Ich fiel auf den Boden und versuchte, mich so zu drehen, dass ich mich verteidigen kann. Doch er stach immer wieder auf mich ein.“ Zweimal habe er sie ins Gesicht getreten, dann habe sie das Bewusstsein verloren. Ihr Glück war, dass Nachbarn den Angriff mitbekamen und den Notruf wählten.
Nur wenige Meter von ihr entfernt hört der Angeklagte der Aussage seiner Ex-Freundin zu, mit verschränkten Fingern und ohne eine Miene zu verziehen. Er hatte bereits am Vortag die Geschichte aus seiner Sicht geschildert. Vieles deckt sich mit dem, was die 37-Jährige berichtet hat.
„Ich bin zwanghaft und psychotisch auf sie los“
Allerdings erzählte er auch von seinem Alkohol- und Kokainkonsum. Davon habe seine Freundin nichts mitbekommen. Er habe damit auf die Stimmen reagiert, die er seit Anfang Dezember und fast durchgängig gehört habe. Damals, so glaubt er, sei er im Schlaf vergewaltigt worden. Er habe auch seiner Freundin davon erzählt, „aber ich glaube, sie nahm das nicht richtig ernst“.
Die Geschehnisse am 30. Dezember habe er so wahrgenommen: Sie sei nach Hause gekommen, mit zerzaustem Haar. Er habe sie gefragt, was los sei. Nachdem sie miteinander geschlafen hatten, habe sie erzählt, bei einem anderen Mann gewesen zu sein. Da habe er seine Sachen gepackt. Auch sagte er aus, dass sie zuerst das Messer in der Hand gehabt habe. „Ich habe es ihr abgeknöpft und bin dann völlig wahnhaft und psychotisch auf sie losgegangen.“ An viel mehr könne er sich nicht erinnern.
Der Prozess wird am 13. Mai fortgesetzt.
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