TFaszination Fliegen: Mit dem LSV Stade auf Wolkenstraßen unterwegs
Schwerelos mit dem erfahrenen Segelflieger Christian Ückert. Foto: Bröhan
Der Mensch ist fasziniert vom Fliegen. Das Segelfliegen ist eine Möglichkeit, dem Gefühl sehr nahe zu kommen. Ein Besuch beim Luftsportverein Stade, inklusive Mitflug.
Stade. Es ist Schulungswoche in Ottenbeck. Ein Junge und ein Mädchen werden heute zusammen mit einem Fluglehrer im Doppelsitzer Praxisstunden sammeln. Die Bedingungen sind gut. Die ersten zwei Tage der Schulungswoche waren wegen des Wetters mit all seinen Facetten und Faktoren ausgefallen.
„Viele denken, einen Segelflugschein zu machen, sei teuer. Ich sage immer: Man braucht vor allem Zeit“, sagt Christian Ückert. Heißt: Wenn die Bedingungen stimmen, sollten sie genutzt werden können. Er ist selbst Fluglehrer und einer von zwölf Segelfliegern im LSV Stade, die auch in der Bundesliga aktiv sind. Ein monatlicher Vereinsbeitrag inklusive der Segelflugpauschale kostet beim LSV 50 bis 80 Euro, ist abhängig vom Alter und der Erwerbstätigkeit.
Noch nie eine brenzlige Situation erlebt
Der Himmel ist blau, durchsetzt von einzelnen kleinen, weißen Wolken. Der Wind bläst recht stark, genau entgegen der gut 1200 Meter langen Startbahn auf dem von Bäumen eingebetteten Flugplatz in Ottenbeck. Alles perfekt.

Udo Böttcher, 2. Vorsitzender, am Kontrollwagen. Er ist Fluglehrer „für alles“. Foto: Bröhan
Udo Böttcher, 2. Vorsitzender und „Fluglehrer für alles“, legt dem Reporter den Fallschirm an. „Wenn er sagt, raus, dann raus“, sagt Böttcher, während er den Mechanismus der aufklappbaren Kabinenhaube erklärt. Der verankerte Fallschirm öffnet sich beim Rausspringen von alleine.
Ückert winkt lächelnd ab. So weit wird es nicht kommen. Er fliegt seit 41 Jahren, hat mehr als 2800 Flüge gesammelt. Eine brenzlige Situation habe er noch nie gehabt, sagt er. „Mich hat das Fliegen schon im Kindergarten interessiert“, erzählt Ückert. Mit 12 Jahren wollte er das dann machen und mit 14 durfte er angefangen.
Segelflug-Pionier kommt aus Stade
Ab 14 Jahren darf man den Segelflugschein, genau den Luftfahrerschein, machen. Bis zum Abschluss braucht man dafür etwa zwei Jahre, wenn man regelmäßig fliegt. Die Anforderungen, theoretisch wie praktisch, sind natürlich komplex. Am Ende muss der Schüler einen 50 Kilometer langen Flug über Land selbstständig machen, danach kommt erst der Prüfer der Luftfahrtbehörde.
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„Je jünger man anfängt, desto besser“, sagt Böttcher, „die fliegen einfach drauflos.“ Bei den Erwachsenen setze oft das „Was-wäre-wenn-Denken“ ein. Der 1950 gegründete LSV Stade hat knapp 300 Mitglieder, verteilt auf die drei Sparten Motorflug, Segelflug, Modellflug. Mehr als 80 sind Segelflieger. Vier, fünf Einsteiger wollen pro Jahr das Segelfliegen lernen, sagt Böttcher.
Der LSV Stade hat sich den Beinamen „Günther Groenhoff“ gegeben. Der wurde 1908 in Stade geboren und war ein erfolgreicher Segelflug-Pionier. 1932 verunglückte er tödlich.
Auf der Suche nach warmen Aufwinden
Der Segelflieger ist an einem 1200 Meter langen Windenseil verankert. Das wird von einem mehr als 300 PS starken Motor angezogen. Die Fliehkraft beim Start ist kurz groß. Schon nach 30 Metern hebt der Doppelsitzer steil ab. Der Gegenwind hilft. Nach weniger als einer Minute ist der Segelflieger auf gut 500 Meter Höhe, das Seil klinkt aus. Alles geht ganz schnell und sanft. Das ist Schwerelosigkeit. Lautlos ist das Gleiten nicht, die Winde prasseln geräuschvoll auf die dünne Kunststoffkonstruktion.

Perfekte Sicht. Foto: Bröhan
Das Faszinierende greift sofort, die Perspektive, die gleitende Schwerelosigkeit, die Kunst, die Thermik zu nutzen. Nach dem Entkoppeln sinkt der Segelflieger auf 300 Meter. Ückert sucht kreisend warme Aufwinde. Die warme aufsteigende Luft hat die weißen, freundlichen Wolken auf etwa 750 Meter Höhe gebildet. „Höher dürfen wir nicht“, erklärt Ückert, während er mit all seiner Erfahrung die Thermik liest, fühlt, nutzt.
TAGEBLATT-Redakteur Jan Bröhan beim Segelfliegen mit dem LSV Stade
Mit dem Steuerknüppel und zwei Fußpedalen manövriert er, bedient die Querruder an den Flügeln und das hintere Höhenruder sowie Seitenruder. Segelflieger nutzen und orientieren sich an den thermischen Aufwinden unter den Wolken.
Die Kunst des Fliegens ist nur wenige Meter entfernt zu bestaunen. Ein Falke kreist elegant neben dem Segelflugzeug, lässt sich spielerisch fallen und steigt geschwind wieder auf.
Notlandungen sind in der Region kein Problem
Die Aussicht ist klar und weit. Die Perspektive erhaben. Der Rüstjer Forst wirkt von oben größer, grüner und gesünder. Lühesand scheint ganz nah, Kilometer sind in dieser Höhe scheinbar nur Wimpernschläge. Die gelben, grünen, braunen Felder reihen sich in verschiedenen Formationen im Sonnenlicht malerisch aneinander.
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Ückert hat zuletzt gerade einen fast 600 Kilometer langen Bundesligaflug hingelegt und erreichte dabei 116 km/h. Das brachte Wertungspunkte. Die Stader haben über eine ganze Saison gesehen klare Wetter- und damit Wettbewerbsnachteile zu anderen Gegenden wie beispielsweise Süddeutschland.
Das Ziel ist immer, wieder auf dem heimischen Flughafen zu landen. Die Thermik lässt das nicht immer zu. „In unserer Region ist das kein Problem, weil es so viele Felder zum Landen gibt“, sagt Ückert. Dann kommt ein Kollege, und das Flugzeug wird verladen. Im Hochgebirge müsse man genau wissen, wo es Landemöglichkeiten gibt.
Die Zeit vergeht wie im Flug - sprichwörtlich
Auf dem Weg Richtung Stade bringt Ückert den Segelflieger auf 550 Meter Höhe und gleitet mit knapp 100 km/h dahin. Das gern zitierte Freiheitsgefühl bekommt da einen Sinn. Man ist nur im Jetzt. Grenzenlos. Am liebsten nutzen Segelflieger sogenannte Wolkenstraßen. „Dann kommt man am schnellsten voran“, sagt Ückert.
Die Stader zieht es gern in die Lüneburger Heide. „Das ist die große Spielwiese der Segelflieger“, sagt Böttcher. Stade ist durch den Hamburger Flughafen Luftfahrtraum, da dürfen sie nicht über 1000 Meter hoch hinaus.

Links oben wird die Geschwindigkeit angezeigt, grüner Bereich ist okay. Rechts unten ist der Höhenmesser. Foto: Bröhan
Ückert kann stundenlang gleiten, kreisen, Strecke machen, Geschwindigkeiten variieren. Mit Erfahrung und Geschick, wie er es nennt, nutzt er die gegebenen Thermikbedingungen.
Der Tacho des Doppelsitzers zeigt an, dass man bis 180 km/h im grünen Bereich ist, ab 280 km/h beginnt der rote, also kritische Bereich. Der Höhenmesser endet bei 1000 Metern. Segelflugzeuge gibt es in allen Preisklassen, vier-, fünf-, sechsstellig. Ückerts Frau hat sich ein gebrauchtes für 1500 Euro gekauft und Arbeit investiert.

Ein kleiner Einsitzer. Foto: Bröhan
30 Minuten vergehen wie im Flug, sprichwörtlich, auch das Zeitgefühl verschwindet in der Luft.
Der Landeanflug hat etwas von Wehmut. Die Freiheit ist eben nicht grenzenlos. Ückert warnt vor. Auf Höhe der Baumkronen kommt es zu Verwirbelungen. Der Segelflieger ruckelt kurz, aber stark. Dann setzt er auch schon auf dem Grünstreifen auf und kommt schnell zum Stehen.
Der Probeflug macht Lust auf mehr, die Freiheit im Alltag ist leider begrenzt.

Christian Ückert nähert sich seinem 3000. Flug Foto: Bröhan
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