TErna geht's schlecht - doch Oldendorfs Rinderarzt hilft der kranken Kuh
Vorsichtig piekst Rinderarzt Dr. Gerrit Pöhlmann vom Futtertisch aus Erna in den Hals und verabreicht ihr ein Entzündungshemmungsmittel. Die Schwarzbunte hat eine der häufigsten Kuhkrankheiten. Foto: T. Meyer
Sie frisst nicht und gibt gelbe Milch: Dr. Gerrit Pöhlmann von der Rinderpraxis Oldendorf weiß, warum und was das für Erna und Verbraucher bedeutet. Ein Fall im Kuhstall.
Burweg. Rinderarzt Dr. Gerrit Pöhlmann (37) steht auf Spaltenböden und im Kuhmist, neben ihm Erna*. Er hält ein Reagenzglas hoch. Die Milch der Kuh ist gelblich. Da stimmt was nicht.
Schlechte Milch, das erinnert an das Kinderbuch des Krautsander Autors Jonas Kötz. In der Buchgeschichte „As de Melk suer wöör“ (Als die Milch sauer wurde) bemerkt Krautsands Bauer Dirk eines morgens beim ersten Schluck aus dem Glas: Die Milch schmeckt sauer. Bauer und Tierarzt rätseln, warum. Am Ende lüftet sich das Geheimnis - bei Rosa und auch bei Erna.
Kuh hat keinen Hunger: Pöhlmann kommt zur Hilfe
Eine halbe Stunde zuvor in Burweg: Gerrit Pöhlmann arbeitet bei der Rinderarztpraxis Oldendorf, die in Burweg stationiert ist, und behandelt seit 2019 Rinder in und um Oldendorf. Der Herdenmanager eines landwirtschaftlichen Betriebs in der Nähe hat angerufen. „Wir werden zu einer Kuh gerufen, die eine Euterentzündung hat und schon in Behandlung ist, aber noch nicht so richtig wieder angefangen hat zu fressen“, sagt der Arzt. Der 37-Jährige steigt in einen delfingrauen VW Caddy, in dem der Geruch verrät, wo es hingeht.
Es riecht nach Kuhstall, kleine Strohreste liegen im Fußraum. Seinen Sitz hat er sich „gemütlich“ eingestellt, denn „am Ende des Tages werde ich so zwei Stunden im Auto gesessen haben“, sagt Pöhlmann.

Pöhlmann horcht Erna mit dem Stethoskop ab. Sie ist krank. Besonders im Sommer und bei warmem Wetter seien Kühe gestresster. Wird die Futterhygiene schlechter, nimmt das bakterielle Wachstum zu. Foto: T. Meyer
Der 37-Jährige, aufgewachsen zwischen Rendsburg und Schleswig, wählt eine eingespeicherte Nummer auf dem Display. „Moin“, sagt Pöhlmann in die Freisprechanlage zum Herdenmanager, „wir sind auf dem Weg zu euch.“ „Alles klar.“
Oldendorfs Rinderarzt und der Betrieb sind ein eingespieltes Team
Der studierte Tiermediziner fährt Betriebe im Umkreis von 25 Kilometern ab. Die Autofahrt zu Erna ist kurz. Als Pöhlmann aussteigt, kommt die Hofhündin als Erstes an, der Herdenmanager und weitere Hofmitarbeiter sagen „Moin“. Man kennt sich gut. Für den Arzt sei dieser ein „gut organisierter Betrieb“ mit einer eingespielten Hofmannschaft. Die Eingespieltheit zeigt sich auch zwischen dem Betrieb und Pöhlmann.
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Der gebürtige Schleswig-Holsteiner weiß sofort, wo er alles für seinen Einsatz findet. In einem kleinen Büro am Stall hängt und steht alles parat. Pöhlmann streift sich einen grünen Untersuchungsmantel über und steigt in graue Gummistiefel, Schuhgröße 40. Auf dem Büroschreibtisch findet Pöhlmann alle Infos zur Patientin, ihre Ohrmarkennummer und Krankheit „Euterentzündung“, in der Fachsprache: Mastitis.
Pöhlmanns Erkenntnisse: Erna ist „ein bisschen beeinträchtigt, aber ...“
Die Patientin steht angebunden zwischen Dutzenden von anderen Schwarzbunten, die Pöhlmann bei der Arbeit zuschauen. Auch der Herdenmanager steht bei Erna im Boxenlaufstall. Pöhlmann untersucht und überprüft die Pansenmotorik in der Hungergrube. Die Hungergrube am Rücken des Wiederkäuers ist eingefallen. Das ist ein schlechtes Zeichen.

Dr. Gerrit Pöhlmann von der Rinderpraxis Oldendorf melkt die an einer Mastitis leidende Erna, um sich ein Bild von ihrer Milch zu machen. Mit Krankheiten wie dieser hat er es häufig zu tun. Foto: T. Meyer
Pöhlmann spritzt Milch aus jeder Zitze in eine der vier getrennten Schalen auf einer Testplatte. „Das sieht nicht mehr aus wie Milch. Das hat den Milchcharakter verloren“, sagt Pöhlmann beim Blick auf die gelbliche, wässrige Milch mit einigen Klumpen aus dem Euterviertel hinten links. Der Arzt führt den sogenannten Schalmtest durch.

Ernas Milch vor dem California-Mastitis-Test (CMT), dem Schalmtest. In einem Euterviertel (unten links) ist die Milch nicht in Ordnung. Foto: T. Meyer
Er spritzt ein fliederfarbenes Mittel auf die Milchprobe, um zu prüfen, wie viele Enzündungszellen in der Milch enthalten sind. Faustregel: Je mehr, desto stärker ist die Entzündung. „Pro Milliliter Milch sind ungefähr eine Million Entzündungszellen drin. Die Milchdrüse ist stark entzündet“, diagnostiziert Pöhlmann.

Der Schalmtest: Mithilfe dieses Test kann Dr. Gerrit Pöhlmann schätzen, wie viele Entzündungszellen sich in der Ernas Milch befinden. Foto: T. Meyer
Oldendorfs Rinderarzt fühlt ein geschwollenes Euter und misst eine erhöhte Körpertemperatur. Erna ist „ein bisschen beeinträchtigt, aber es kann viel schlimmer sein“, so Pöhlmann. Er streift sich einen Schulterhandschuh über und untersucht Erna rektal. Pöhlmann ertastet den Pansen und fühlt, dass dieser „sehr, sehr leer ist“. „Frisst sie jeden Tag weniger?“, fragt der Arzt den Herdenmanager. Der antwortet: „Heute etwas besser als gestern, aber noch auf niedrigem Niveau.“ Pöhlmann kann Ernas Stimmung fühlen und sehen.
Seit 22 Stunden kein Appetit: Die Kuh hat ein „Schmerzgesicht“
„Sie hat einen traurigen Blick, ein Schmerzgesicht.“ Ernas Augen sind gerötet. Die Schwarzbunte bewege ihre Ohren nicht so lebendig wie eine gesunde Kuh.
Kinder, die mit Rindern groß geworden sind, könnten deren Körpersprache gut lesen, so Pöhlmann, der als kleiner Junge seinen Vater oft bei dessen Hofterminen als Tierarzt begleitet hat. Das zahlt sich aus.

Ein Griff, der dazu gehört: Pöhlmann überprüft bei der transrektalen Untersuchung den Kot und die Pansenfüllung. Foto: T. Meyer
Die möglicherweise infektiöse Milch entsorgt Pöhlmann in einer Mülltonne neben der Milchkühe am Stall. Am Dienstauto bereitet er die Spritze für Erna vor, dann geht es wieder zu ihrem Stallplatz.
„Man muss die Tiere gut fixieren, weil die wissen ja nicht, dass ich nur was Gutes tun will“, sagt der Rinderarzt. Die Schwarzbunte bekommt einen starken Entzündungshemmer und ein Antihistaminikum für den Kreislauf.
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Die abgespülten Stiefel stellt er zurück auf die Matte im Büro, den Overall hängt er an den Haken. Auf dem PC-Bildschirm zeigt ein Diagramm die Fressaktivität aller Kühe. Der Herdenmanager deutet auf Ernas Fresskurve. Das letzte Mal habe sie vor 22 Stunden gefressen, wie das Halsband misst. „Eine Kuh frisst normalerweise alle fünf Stunden“, sagt Pöhlmann.
Kuh hat sich mit bedrohlichen Bakterien infiziert
Zurück in der Praxis verwahrt Dr. Gerrit Pöhlmann die Milchprobe im Kühlschrank des Labors. Der Mediziner verteilt ein wenig Milch auf einer Blutagar-Platte, anschließend kommt sie bei 37 Grad in den Brutschrank und wird für 24 Stunden gebrütet. Am Tag danach steht der Erreger fest.
Der bakterielle Keim Klebsiella löste die Infektion aus und könnte aus der Umwelt über den Strichkanal ins Euter gelangt sein. Dieser ist der Grund für die Mastitis. Und für Ernas hohe Fieber, ihre Niedergeschlagenheit und Appetitlosigkeit. Wenn es nicht rechtzeitig behandelt werde, könnten Kühe daran sterben, so der Rinderarzt.
Am Buchende löst Jonas Kötz die Pointe. Krautsands berühmteste Kuh feiert nachts heimlich mit ihren Tierfreunden im Stall eine Party und tanzt - und dabei schwingt ihr Euter und die Milch wird sauer. Gefeiert hat Erna nicht. Ist auch ihre Milch sauer? „Das habe ich noch nicht ausprobiert. Würde auf jeden Fall nicht nach Milch schmecken“, sagt Pöhlmann.
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Gelbe Milch sollte kein Verbraucher konsumieren. Wegen antibiotischer Behandlung darf die Schwarzbunte für vier Tage nicht in den Melkroboter. Fällt der nächste Test auf Rückstände des Antibiotikums negativ aus, landet Ernas Milch wieder im Tank und später als Käse, Quark & Co im Supermarkt.
*Hinweis: Die Kuh hat eine Ohrmarke, die zum Schutz des landwirtschaftlichen Betriebs - der Name ist der Redaktion bekannt - nicht öffentlich gezeigt wird. Für die Reportage hat der Herdenmanager die Kuh Erna genannt.
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