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TFertig mit den Nerven: Warum ein Kutenholzer keinen Pflegedienst findet

Der schwer kranke Klaus-Dieter Vollmers erklärt in seiner Stube in Kutenholz seine bewegende Geschichte.

Der schwer kranke Klaus-Dieter Vollmers erklärt in seiner Stube in Kutenholz seine bewegende Geschichte. Foto: Meyer

„Kutenholz wird ausgeschlossen“, sagt Klaus-Dieter Vollmers, der einen Pflegedienst sucht. Einblicke in seine Gefühlswelt, die Versorgungslage in Kutenholz und im Landkreis.

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Von Thies Meyer
Montag, 25.05.2026, 19:00 Uhr

Kutenholz. Das Schrauben an Autos und Angeln hat Klaus-Dieter Vollmers mal geliebt, doch wegen seiner Schwerbehinderung hat der 69-Jährige, Pflegegrad 4, längst alle Hobbys aufgegeben. Seine Pflegesituation beschäftigt ihn auch psychisch. Vollmers hat derzeit keine Hoffnung, dass sie sich verbessert: „Ist ja nichts mehr, was positiv stimmen kann.“

Er sitzt in seinem elektrischen Rollstuhl und spricht in einer Stube seines eingeschossigen Wohnhauses in Kutenholz über seine Vor- und Leidensgeschichte und aktuelle Pflegesituation.

Das ist Vollmers Vor- und Leidensgeschichte

Vollmers legt eine Liste auf den Tisch. Darauf stehen 34 Krankheitsdiagnosen. Er wendet das Blatt und deckt nochmal 28 Diagnosen auf, unter anderem einen Schlaganfall, Herzinfarkt, Wirbelsäulenveränderungen, eine Bandscheibenverlagerung und Arthrose. Sein Leben veränderte sich durch einen Autounfall.

1978 bekam der gelernte Kfz-Mechatroniker nach Wirbelbrüchen durch den Autounfall die Diagnose Spinalstenose, eine Verengung des knöchernen Wirbelkanals. Die Erkrankung verschlimmerte sich. Seit mehr als 25 Jahren sitzt Vollmers im Rollstuhl. Richtig pflegebedürftig wurde er 2021, als er einen Darmverschluss hatte.

Vollmers baute 1993 mit seiner ebenfalls pflegebedürftigen Frau Marlies das Wohnhaus in Kutenholz. Sein früheres Wohnhaus in Stade verkaufte er, weil ihm das Treppensteigen nicht mehr möglich war.

Das ist Vollmers aktuelle Pflegesituation

2025 kündigte ein Pflegedienst aus Stade den Vertrag mit Vollmers - warum, dazu darf der Pflegedienst zum Schutz von Persönlichkeitsrechten nichts sagen. Das Ehepaar bezieht Hauswirtschaftshilfe von einem Pflegedienst aus Bremervörde und täglich versorgt der kassenärztliche Notdienst den Diabetiker. Insulin kann er sich nicht mehr selbst spritzen. Ab und an helfen Bekannte Vollmers im Alltag.

Vollmers bereut es, nach Kutenholz gezogen zu sein. „Das war mein größter Fehler“, sagt Vollmers, denn kein Pflegedienst aus der Region kümmere sich um Kutenholz.

„Keine Kapazitäten“: Vollmers sieht sich in der Endlosschleife

Im Umkreis von 40 Kilometern um Kutenholz habe der Frührentner mehr als 30 Pflegedienste im Land- oder Nachbarkreis angefragt. Vollmers Bemühungen, Hilfe zu bekommen, enden im Frust. „Keine Kapazitäten“ höre er immer wieder als Argument. Ob in Stade, in seiner Gemeinde Kutenholz oder dem Landkreis: Vollmers Eindruck ist, dass niemand seiner Verantwortung nachkommt und sie weiter schiebt an den nächsten.

Ein Pflegedienst im 15 Kilometer entfernten Bremervörde betreut keine Kunden in Kutenholz und kann auch Vollmers nicht betreuen, wie die Leitende Pflegefachkraft auf Nachfrage mitteilt. Die ärztlich verordnete Krankenpflege, die Vollmers morgens, mittags und abends benötige, könne der Pflegedienst nicht leisten. Das erfordert medizinische Versorgung und mehr als das ambulante Pflegepersonal leisten kann. Das Unternehmen sei ebenso wie viele in der Branche vom Fachkräftemangel betroffen.

Warum die Versorgungslage im Landkreis angespannt ist

Vollmers schrieb ebenfalls den Pflegestützpunkt vom Landkreis Stade an. Von denen habe er nur eine Adressliste bekommen. Diese Pflegedienste habe er bereits vergeblich angefragt, erklärt Vollmers. „Das kostet alles meine Nerven. Wenn du in Rente gehst und nicht mehr kannst, wirst du abgeschrieben in Deutschland“, ärgert sich Vollmers über das Pflegesystem.

An die 18.000 Pflegedienste gibt es aktuell in Deutschland. Diese kümmern sich um circa 2,3 Millionen pflegebedürftige Patienten.

An die 18.000 Pflegedienste gibt es aktuell in Deutschland. Diese kümmern sich um circa 2,3 Millionen pflegebedürftige Patienten. Foto: Marijan Murat/dpa (Archiv)

Es ist nicht Aufgabe des beratenden Pflegestützpunkts, Suchenden wie Vollmers einen Pflegedienst zu besorgen, teilt der Landkreis mit. Landkreis-Pressesprecherin Nina Dede verweist: Wenn Pflegebedürftige keinen Pflegedienst finden, müssen sie sich an ihre Pflegekasse unter Bezug auf deren Beratungspflicht wenden.

Dede sagt, ambulante Pflegedienste können „im Rahmen ihres Versorgungsauftrags“ selbst bestimmen, ob sie einen Pflegebedürftigen übernehmen oder ablehnen. Dabei gelte es unter anderem abzuwägen, ob die Pflege eines Patienten mit der Routenplanung und der Verfügbarkeit des Personals vereinbar ist. Der Pflegedienst aus Stade, der Vollmers kündigte, nennt mit „Tourenplanung, Fahrtzeiten und personellen Kapazitäten“ ähnliche Kriterien, nach denen er seine Patienten auswählt.

Es existieren kreisweit Versorgungslücken in der Pflege, erklärt Dede - aber nicht in Kutenholz, weil es zwei ambulante Pflegedienste in der Gemeinde gebe. Klaus-Dieter Vollmers sagt, er stehe bei einem der beiden Pflegedienste „seit über fünf Jahren“ auf der Warteliste.

Die einen suchen Hilfe, die anderen können nicht helfen. Pflegesuchende und -dienste stecken in einem strukturellen Problem fest, das auch der aktuellste Pflegebericht des Landkreises von 2023 aufgreift. Durch die steigende Zahl und Nachfrage der Pflegebedürftigen kommt es in der ambulanten Pflege zu dieser Wartelisten-Situation. 72 Prozent der befragten Pflegedienste gaben an, sehr ausgelastet zu sein, ein Drittel bestätigte eine Vollauslastung.

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