TFrauen an der Waffe: Der Weg von der Ausbilderin ins Cockpit
Fregattenkapitän Bettina Semmler ist seit fast 20 Jahren Pilotin bei den Marinefliegern in Nordholz. Aktuell ist sie mit ihrer Profession die einzige Frau in ihrem Geschwader. Foto: Polgesek
360 Einsatztage, Silberne Einsatzmedaille und trotzdem kein Karrierefokus: Bettina Semmler* fliegt Hubschrauber und bleibt lieber im Cockpit, statt die ganz große Laufbahn anzustreben.
Wurster Nordseeküste. Bettina Semmler hatte einen Traum. „Seit ich sechs Jahre alt war, wollte ich Pilotin werden“, erzählt die 40-Jährige. Es ist der Film Top Gun, der sie inspiriert. Der Kino-Blockbuster erzählt die Geschichte von Lieutenant Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise), einem ehrgeizigen jungen Piloten, der für eine Elite-Ausbildung zum Kampfpiloten ausgewählt wird. Doch die Streitkräfte scheinen für die junge Fränkin zunächst unerreichbar.
Urteil eröffnet Perspektive, doch der Jetpiloten-Traum platzt
Bis 2001. Nach einem Gerichtsurteil öffnet sich die Bundeswehr für Frauen in allen militärischen Bereichen. 2003, mit der Fachhochschulreife in der Tasche, bewirbt sich Semmler für den Dienst bei der Luftwaffe. Wie ihr Filmheld Maverick möchte sie einen Kampfjet steuern. Doch der Plan geht nicht auf: „Aus medizinischen Gründen konnte ich leider keine Jetpilotin werden.“
Es fällt ihr schwer, doch dann denkt sie um. Sie sieht sich schon in einer Breguet Atlantic, einem Seefernaufklärer und U-Boot-Jäger. Die Piloten des Marinefliegergeschwaders (MFG) 3 „Graf Zeppelin“ fliegen das Waffensystem damals noch. „Ich hatte das Ziel, Flugzeugführeroffizier zu werden und dann das große Flächenflugzeug zu fliegen.“
Zuvor absolviert Semmler die normale Marineoffizierlaufbahn. Sie besucht die Marineunteroffiziersschule in Plön, die Marineschule Mürwik in Flensburg und sammelt unter anderem auf dem Segelschulschiff Gorch Fock und der Fregatte Bremen Erfahrungen. „Obwohl ich am Anfang immer seekrank werde, habe ich dort meine Liebe zur Seefahrt entdeckt.“
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Semmler gehört zum zweiten Offizierslehrgang, den Frauen bei der Bundeswehr überhaupt absolvieren dürfen. Sie habe den Umgang mit sich immer als „sehr fair und aufgeschlossen“ erlebt. Was ihr dabei geholfen hat, ist ihr Leitsatz: „Wer gleiche Rechte will, der muss auch die gleichen Pflichten übernehmen. Das heißt auch, dass ich eben alles mache, was die anderen auch machen.“
Auf der Fregatte erlebt sie auch den Einsatz von Bordhubschraubern. Und weil sie auf ihre Ausbildung zur Seefernaufklärer-Pilotin „noch eine gefühlte Ewigkeit“ hätte warten müssen, absolviert sie in Nordholz nach ihrer Offiziersausbildung ein Praktikum bei den Besatzungen des Bordhubschraubers „Sea Lynx“. Dabei stellt sie fest: „Ich möchte eigentlich lieber Hubschrauber fliegen, und zwar den Bordhubschrauber Sea Lynx.“
2007, gerade vier Jahre nach ihrem Eintritt in die Bundeswehr, darf sie mit 22 Jahren Sea Lynx fliegen. Sie will auch nichts anderes. Innerhalb von sechs Jahren sammelt sie 600 Einsatztage bei den Marinefliegern, Abwesenheitstage vom Heimatstützpunkt eingerechnet, sind es noch viel mehr.
Als erste Frau bei der Bundeswehr 360 Tage im Einsatz
Semmler fliegt für Enduring Freedom, eine militärische Großoperation, mit der die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dem Terrorismus den Kampf ansagten. Auch bei Einsätzen innerhalb der Operation Atalanta ist sie mehrmals dabei. Hauptzweck hier ist die Bekämpfung der Piraterie am Horn von Afrika.
„Das war eine super Zeit, man war ungebunden, es hat niemanden interessiert, dass man unterwegs war“, resümiert sie. Semmler ist die erste Bundeswehrsoldatin, die 360 Einsatztage sammelt. Und sie ist die Erste, die dafür die „Silberne Einsatzmedaille“ bekommt.
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Es ist der Zusammenhalt, der Teamgeist, von dem sie bis heute schwärmt. „Das ist richtig orchestriert, was wir da machen“, beschreibt die Pilotin das Zusammenspiel an Bord. „Es bringt halt nichts, wenn man den besten Taktiker hat, der aber niemanden hat, der ihn dahin fliegt, wo er hin muss oder umgekehrt. Und ohne den Operator, der hinten Sonar, Maschinengewehr, Winde, Außenlast und so weiter bedient, funktioniert das System auch nicht.“
Zwischen ihren Einsätzen arbeitet die Soldatin an ihrer Laufbahn, studiert an der Fernuni Elektrotechnik, steigt vom dritten Piloten an Bord zum Ersten auf. Schließlich wird sie Hubschraubereinsatzoffizier. „Damit ist man praktisch der Chef der Flieger an Bord.“
Semmler: „Ich bin das gute Gewissen des Geschwaders“
„Zwischendurch“ gründet sie eine Familie, wird Fluglehrerin, wechselt in die Ausbildungsstaffel und wird Ausbildungsleiterin für den Bordhubschrauber Sea Lynx. „Das war tatsächlich einer meiner Traumdienstposten“, resümiert sie.
Heute sei sie „das gute Gewissen des Geschwaders“, sagt die Pilotin und lacht. „Ich bin sozusagen die oberste Vorschriftenhüterin der Flieger.“ Sie übersetzt fliegerische Vorschriften, überprüft die übergeordneten Vorschriften, schult ihr Team, nimmt Checkflüge bei ihren - aktuell - ausschließlich männlichen Kollegen ab und prüft auch deren theoretisches Wissen.
Pilotin meistert zwei Triebwerksausfälle in ihrer Laufbahn
Neben der handwerklichen Fliegerei gehört es auch zu ihrem Job, mit den Flugschülern Extremsituationen im Hubschrauber zu trainieren. Das Fliegen mit ausgeschaltetem Triebwerk, zum Beispiel. „Das darf bei uns auch nur ein Fluglehrer. Ich drücke dann auf einen Knopf, dadurch wird das Triebwerk mehr oder weniger in den Leerlauf gefahren. Dann muss der Pilot nachweisen, dass er eben auch mit nur einem Triebwerk fliegen kann.“ Situationen, die Semmler auch im Einsatz zweimal erlebt hat.
Als Standardisiererin in ihrem Geschwader übt sie Kritik, wenn sich Piloten nicht an Vorschriften oder Standards halten. Und sie achtet darauf, dass alle an Bord die exakt selben Fachausdrücke verwenden. „Ich sag‘ immer, wenn sich einer ein Bein bricht und zwei Tage später muss ein Neuer den Job machen, darf keiner merken, dass der erst seit zwei Tagen da ist. Nur so funktioniert professioneller operativer Flugbetrieb mit bestimmten Stressfaktoren.“
Eine Karriere bis zur Admiralsebene wollte sie nie
Aktuell fliege sie etwa 140 Stunden im Jahr - in der Luft und im Simulator. Viel weniger als früher. Aber hätte sie, wie es ihr oft nahegelegt worden sei, die Karriereleiter weiter als bis zum Fregattenkapitän erklommen, würde sie heute gar kein Cockpit mehr betreten.
„Ich wollte nie in diese Karriereschiene. Ich wollte lange fliegen.“ Theoretisch könne sie das bis zum Ende ihrer Dienstzeit tun. Aktuell wäre das bis zum 61. Lebensjahr. „Aber die Erfahrung zeigt, ab 50 wird es tatsächlich schwierig, weil dann einfach die Medizin zuschlägt, und da ist die Bundeswehr extrem viel strenger als im Zivilen.“
Bettina Semmler wird zum Role Model für junge Frauen
Draußen vor dem großen Eingangstor der Marineflieger in Nordholz steht ein übergroßes Plakat mit einer Hubschrauberpilotin, die gerade in ihre Maschine einsteigt. Der Blick der Soldatin ist fesselnd, konzentriert. Es ist Bettina Semmler.
Sie erinnert sich an das Fotoshooting, das mittlerweile etwa sechs Jahre zurückliegt. Aufwändig sei es gewesen, und wirklich gerissen habe sie sich darum nicht. „Aber wenn wir Nachwuchs haben wollen, müssen wir halt auch für den Nachwuchs werben.“
*Hinweis der Redaktion: Der Name Bettina Semmler ist ein Pseudonym, das dem Schutz der Soldatin und ihrer Angehörigen verwendet wird.
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