TFrüher gab es Likör zum Küchenkauf - heute tickt Freiburg anders
Die fünfte und vierte Generation bei Möbel Wendler: Ralf (62) und Renate Wendler (84). Die 84-Jährige erklärt, warum sie auch als Rentnerin Freude an der Arbeit hat. Foto: Meyer
Renate Wendler verkauft auch mit 84 Jahren im Möbelbetrieb Engel und Sterne. Über eine unermüdliche Freiburgerin, zwei Stärken und das Traurige am Freiburger Dorfleben.
Freiburg. Renate Wendler (84) erinnert sich an eine Zeit, die sie nicht missen möchte. Als Kunden Küche, Kommode oder Couch kauften. Kunden ohne Hektik. Die Zeit hatten. Wer hier Möbel kaufte, für den endete der Möbelhausbesuch nicht mit der Bezahlung.
Sondern mit einem „Likör für die Damen“ und „Klaren für die Herren“ beim Plausch mit der Familie, erzählt Wendler. Heute ist diese Tradition nur noch Erinnerung. Geschäfts- und Dorfleben haben sich verändert.
Bei Wendler gibt es Seltenheiten zu kaufen
Renate Wendler gehört zu den Oldies, die Freiburg am Laufen halten. Das TAGEBLATT stellt unverzichtbare Freiburger vor, die mit ihrem Einzelhandel oder ihren Handwerksbetrieben das Dorfleben prägen.

Gefragte Sammlerstücke: Herrnhuter Sterne. Foto: Meyer
Das prägt sie seit 1960 mit. Damals zog es die Frau aus Pommern der Liebe wegen nach Freiburg. Sie kümmert sich auch im Alter von 84 Jahren fünfmal die Woche um den Dekoshop, zusammen mit drei Mitarbeiterinnen in Teilzeit. Hier verkauft sie das, was ihr gefällt. Keinen Kitsch. Ihr Mann und ihre Schwiegereltern ermutigten sie schon früh, sich auszuprobieren: Was passt ins Sortiment? Was könnte den Kunden gefallen?

Gefragte Sammlerstücke: Engel von Wendt und Kühn. Foto: Meyer
Jede Neuheit, die sich gut verkaufte, machte Wendler Mut und bestätigte ihren Scharfblick. Eine ihrer Stärken. In Dänemark im Urlaub warf sie ein Auge auf dänische Kerzen. In Deutschland gab es die damals noch nicht. In Freiburg kamen sie gut an.
Freiburger Dorfleben
T 81-Jährige frisiert immer noch - und hat einen Neben- im Hauptberuf
Herrnhuter Sterne leuchten über dem Verkaufstresen. In einer Vitrine spielt ein Orchester aus Miniaturfiguren. Es sind Engel von Wendt und Kühn. Beides sind seltene Sammlerstücke. Wendler könnte das letzte Geschäft zwischen Stade und Cuxhaven sein, das sie verkauft. „Das bringt natürlich Kunden.“
Was Renate Wendler traurig stimmt
Die Rentnerin sitzt im Arbeitszimmer des Familienbetriebs, wo ihr Sohn in seinem Elternhaus wohnt, sie aber nicht mehr. Sie blättert in der Betriebschronik zum 150. Geschäftsjubiläum 1998 und kramt einen alten Zeitungsbericht hervor.
Freiburger Dorfleben
T In Freiburg bestimmt eine Hündin den Spitznamen des Buchcafés
Er stammt aus dem Jahr 2000. Auf dem Familienfoto stehen Renate und Horst Wendler, Sohn Ralf und Schwiegertochter Kerstin mit den beiden Enkeln Nils und Inga vor der Möbelhalle.
26 Jahre später leitet ihr Sohn schon lange den Betrieb - seit 1996 - in der fünften Generation. Feste Mitarbeiter hat er nicht, die sucht er sich nach Bedarf. Ihr Enkel ist Lehrer, ihre Enkelin arbeitet für ein Handelsunternehmen. Die sechste Generation lebt weiter weg von Freiburg.
Freiburger Dorfleben
T Totlachen beim Lieblingskunden: Wie die Frieseckes Freiburger wurden
„Es war ja ein Leben in diesem Ort“, sagt Renate Wendler. Sie denkt zurück an ein lebendiges Freiburg. An das Krankenhaus, das Amtsgericht und die vier Ärzte. „Die Entwicklung von Freiburg macht mir ein bisschen Angst und mich auch ein bisschen traurig“, sagt Wendler. Und etwas macht sie „ganz traurig“.
Es waren einmal unkomplizierte Obstpflückerinnen
Die Schließung der Apotheke. Wendler weiß: Wenn jemand zur Apotheke wollte, fragte der sich: „Gehe ich noch mal zu Wendler?“ So war es. „Krüger ist auch ein Verlust“, ergänzt die 84-Jährige.
Apothekensterben
T Adler-Apotheke in Freiburg schließt – So geht es für die Kunden weiter
Geschäftsaufgabe
T Ende einer langen Tradition: Das Freiburger Schuhhaus Krüger schließt
Wendler vergleicht die Kundengespräche früher und heute. Es gab die Tradition, mit Likör und Korn auf den Möbelkauf anzustoßen. Die Kunden waren entspannter - und weniger anspruchsvoll. Obstpflückerinnen kauften sich von ihrem Verdienst ein Möbelstück. Das, was da war und sie schön fanden.

Die Weltkugel, den Mond oder einen Heißluftballon als Mini-Lampe gibt es im Dekoshop bei Renate Wendler. Foto: Meyer
Heute ist es komplizierter: „Gibt es das zehn Zentimeter größer? Gibt es das ein bisschen heller?“, imitiert Wendler. Das Zwischenmenschliche sei „ein bisschen“ auf der Strecke geblieben. Die Menschen seien weniger zufrieden und dankbarer als früher.
Renate Wendler macht weiter - „aber nicht, weil ich muss“
Doch Zeiten ändern sich. Renate Wendler sieht auch das Positive. Freiburg sei dennoch lebenswert. Seitdem es 50 Fußmeter von Wendler Sabine Koopmanns Buchcafé gibt, sagen sich vor allem alte Menschen: „Wir trinken bei Frau Koopmann Kaffee und shoppen bei Wendler.“
Jeden Morgen freut sich die Rentnerin auf ihre Arbeit. „Viele fragen mich oft, bist du eigentlich immer noch im Geschäft?“, sagt die Freiburgerin. „Ja“, antwortet sie mit sanfter Stimme und ernstem Blick, als würde ihr einer ihrer Stammkunden gegenübersitzen. „Aber nicht, weil ich muss - weil ich es gerne möchte. Und weil es mir Spaß macht.“
Sportstättenprogramm
T Hoffen auf Millionen-Summe: Nordkehdingen will Dreifachturnhalle sanieren
„Solange ein Beruf Spaß macht, sagt mir auch jeder Arzt, soll man ihn nicht aufgeben.“ Nur, wenn die Arbeit die Gesundheit gefährde. Aber manchmal braucht es Wendler und ihre 84 Jahre einfach. Die Mitarbeiterinnen rufen sie, wenn „ihr Jahrgang“ gefragt sei, sagt sie und lacht dabei. Ihre Stärke ist gefragt: beraten und klönen.
Ihr Jahrgang sind die 70- bis 80-Jährigen. Kunden, die von Hemmoor bis Buxtehude nach Freiburg kommen, deren Eltern und Großeltern schon bei Wendler Möbel gekauft haben. Ein Oldie hilft anderen Oldies.
Alle Teile der Serie Freiburger Dorfleben im Überblick
- Teil 1: Heike Hain
- Teil 2: Sabine Koopmann
- Teil 3: Ulrich und Inge Friesecke
- Teil 4: Renate Wendler
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.