TGleichstellungsbeauftragte sind empört: „Papa soll auch zu Hause bleiben“
Väter, die sich um den Nachwuchs kümmern, haben oft bessere Beziehungen zu ihm und fördern das Wohlbefinden der ganzen Familie. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
„Mama soll zu Hause bleiben“ lautet der Titel eines kürzlich erschienenen TAGEBLATT-Artikels. Den Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Stade ist er sauer aufgestoßen. Eine Einordnung.
Landkreis. Zugegeben: Die Überschrift „Mama soll zu Hause bleiben“ war überspitzt. Doch sie war nicht unzutreffend, denn sie bringt sehr verkürzt auf den Punkt, was in dem in der Kritik stehenden TAGEBLATT-Artikel über die Ergebnisse einer Langzeitstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stand.
Demnach stößt eine Vollzeitbeschäftigung von Müttern kleiner Kinder noch immer auf wenig Akzeptanz in der Gesellschaft. Nur ein knappes Viertel der Deutschen hält es für angemessen, wenn Mütter mit Kindern unter drei Jahren 30 Stunden pro Woche oder mehr arbeiten. 55 Prozent hielten eine Teilzeitbeschäftigung ab 15 Wochenstunden für angemessen.
Und was ist mit den Vätern?
„Die Studie sagt genau, ab wann Mütter arbeiten ‚dürfen‘ – aber wessen Arbeit wird gar nicht erst bewertet? Richtig: die der Väter“, schreibt Elena Knoop, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Stade, in einem Statement zu dem Artikel unter dem Titel „Papa soll auch zu Hause bleiben (dürfen)“. Offenbar gelte die Erwerbstätigkeit von Vätern automatisch als selbstverständlich, egal wie alt das Kind ist.

Elena Knoop, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Stade. Foto: Knoop
Sie ist nicht die Einzige, bei der das für Stirnrunzeln sorgt. Die erste, die Knoop auf den Artikel aufmerksam machte, war Ruth Meyer, Geschäftsführerin von Schloss Agathenburg. Das von Knoop verfasste Statement unterschreiben und unterstützen die hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten Gabi Schnackenberg (Buxtehude), Hiltrud Gold (Oldendorf-Himmelpforten), Daniela Subei (Horneburg), Michelle Baxmann (Lühe) und Hildegard Alberts (Apensen). Sie vermissen auch eine Einordnung der Studie - hier ist sie.
Auf Nachfrage gibt das IAB Auskunft, das von der Bundesarbeitsagentur mit der Untersuchung beauftragt wurde. Basis ist eine Langzeitstudie, nämlich das Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“. Warum aber fragt das Institut nur nach den Müttern und nicht nach der Einstellung zur Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit der Väter?
„Der Grund ist schlicht und einfach, dass uns dazu keine entsprechenden Befragungsdaten auf Basis der repräsentativen Panelbefragung im Zeitvergleich vorliegen“, antwortet eine IAB-Sprecherin auf Nachfrage. Seit 2007 wird in der Langzeitstudie nämlich immer das Gleiche abgefragt - sonst könnten die Antworten ja nicht verglichen werden.
Ist die Befragung suggestiv?
Aber suggeriert diese Befragung nicht schon, dass nur die Berufstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern kritisch zu sehen ist? „An dieser Stelle sei grundsätzlich angemerkt, dass Forschung üblicherweise einen bestimmten Untersuchungsgegenstand oder eine spezifische Fragestellung in den Fokus nimmt und folglich nicht sämtliche Aspekte eines Themas gleichzeitig abdecken kann“, antwortet das IAB.
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2025 waren 40 Prozent der Mütter und 89 Prozent der Väter (davon 90 Prozent in Vollzeit) mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig. Aufgrund dieser Ungleichheit, so das IAB, rücke die mütterliche Erwerbsbeteiligung in den Vordergrund. Deren Förderung sei ein zentrales Thema der Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitik, und Einstellungen zu Familie und Beruf in der Gesellschaft könnten dabei relevant sein.
Die Sicht kinderloser Männer
Aus der Studie geht auch hervor, dass gerade Männer ohne Kinder und Männer ohne minderjährige Kinder finden, dass Mama länger zu Hause bleiben muss. Frauen in der gleichen Lebenssituation setzen die „angemessene“ Zeit bis zur Berufsrückkehr laut der Studie niedriger an. Mütter und Väter mit sehr jungen Kindern unterscheiden sich in ihrer Einschätzung übrigens kaum voneinander.
Elena Knoop findet, dass es sinnvoller wäre, zu fragen, wie Mütter und Väter sich Erwerbs- und Care-Arbeit wirklich teilen – und wie es gerechter zugehen kann. „Auch im Landkreis Stade zeigt sich: Solange Väter nicht mehr Verantwortung übernehmen, bleiben Frauen wirtschaftlich abhängig, haben weniger Chancen im Beruf und weniger Möglichkeiten, politisch aktiv zu sein – oder im schlimmsten Fall eine belastende Partnerschaft zu verlassen.“
Wichtig: Wer macht die Care-Arbeit?
Gleichstellung funktioniere nur mit Rahmenbedingungen, die beiden Eltern erlauben, frei zu entscheiden, wer zu Hause bleibt – und für wie lange. Dazu gehörten verlässliche Betreuungsplätze, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, faire Teilzeitmodelle und eine angemessene Bezahlung auch in Berufen mit Care-Arbeit. „Vor allem aber sollten Väter sich stärker einbringen – nicht nur fürs Einkommen, sondern auch für Kinder und all die Aufgaben, die sonst auf den To-do-Listen der Frauen landen“, findet Elena Knoop.
Debatte um Teilzeit
Lifestyle oder Familienpflicht?
Wäre es für das IAB denkbar, in diese Richtung zu fragen? Zum Beispiel: „Wann und wie lange dürfen Väter in Elternzeit gehen?“ Die Antwort: „Der von Ihnen angesprochene Aspekt ist für die Forschung zu Familie und Erwerbsarbeit grundsätzlich relevant. Entsprechende Anregungen nehmen wir gerne auf und beziehen sie in unsere Überlegungen ein. Konkrete Planungen zu einer baldigen Veröffentlichung gibt es derzeit noch nicht.“
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