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TGrößtes Altholzkraftwerk Deutschlands: Warum sich das Projekt in Stade verzögert

So soll das Altholzkraftwerk später aussehen.

So soll das Altholzkraftwerk später aussehen. Foto: Hansekraft

Warum ist der Genehmigungsantrag noch nicht gestellt? Kann Altholzverbrennung CO₂-neutral sein? Die Geschäftsführer von Hansekraft beantworten diese und weitere Fragen zum Projekt.

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Von Anping Richter
23.06.2026, 12:45 Uhr

Stade. Ursprünglich wollte die Firma den Genehmigungsantrag für das größte Altholzkraftwerk Deutschlands bis Ende 2025 stellen. Jedes Jahr will sie dort etwa 500.000 Tonnen Altholz verheizen, um Dampf für die benachbarte Industrie, Wärme und Strom zu erzeugen.

Doch die Antragstellung verzögert sich: Erst war von Ende 2025 die Rede, aktuell ist der Spätsommer 2026 anvisiert. Woran das liegt und andere Fragen zum Projekt hat die Hansekraft bei einem Besuch vor Ort beantwortet.

Frage 1: Warum dauert es mit dem Genehmigungsantrag so viel länger als geplant?

Der Gedanke mag naheliegen, aber: Nein, es liegt nicht in erster Linie an der Bürokratie. Laut den Geschäftsführern Stefan Schmidt und Jörg Dobbrunz ist es vielmehr so, dass Hansekraft ihre Unterlagen noch einmal umfassend überarbeitet und eine Machbarkeitsstudie durchgeführt hat. Denn sie sehen in der CO₂-Abscheidung noch großes Potenzial.

Im Stader Hafen (hinter ihnen) und auf dem Gelände im Industriepark, auf das sie blicken, haben Jörg Dobbrunz (links) und Stefan Schmidt, die Geschäftsführer der Hansekraft, noch viel vor. Foto: Richter

Im Stader Hafen (hinter ihnen) und auf dem Gelände im Industriepark, auf das sie blicken, haben Jörg Dobbrunz (links) und Stefan Schmidt, die Geschäftsführer der Hansekraft, noch viel vor. Foto: Richter Foto: Richter

Eine CO₂-Abscheidungsanlage war bereits eingeplant, um beim Verbrennungsprozess CO₂ zu binden, aufzufangen und der Industrie zur Verfügung zu stellen für Prozesse, bei denen bisher fossiles CO₂ zum Einsatz kommt - zum Beispiel bei der Herstellung von synthetischen Kraftstoffen, Kunststoffen und anderen Chemieprodukten.

Eine neue Gesetzeslage erlaubt es jetzt aber auch, abgeschiedenes CO₂ dauerhaft einzulagern, zum Beispiel tief unter der Nordsee. Der Fachbegriff dafür: CCS (Carbon Capture and Storage). Da das CO₂ damit dem natürlichen Kreislauf dauerhaft entzogen wird, könnten laut Hansekraft sogar Negativemissionen realisiert werden.

Nun plant Hansekraft um. Wenn die CO₂-Speicherung marktreif ist, soll eine wesentlich größere Abscheidungsanlage problemlos an die bestehende angekoppelt werden können. Hansekraft sieht es als großen Vorteil, dass sie in Stade nicht auf den Bau einer CCS-Pipeline warten muss, sondern das CO₂ auch direkt vor Ort Richtung Nordsee verschiffen könnte.

Frage 2: Wie kann Altholzverbrennung überhaupt klimaneutral sein oder sogar Negativemissionen ermöglichen?

Christian Gollmer, Ingenieur für Umwelt- und Energietechnik bei Hansekraft, erklärt das so: Kohlenstoff aus fossilen Energieträgern war über Millionen Jahre in der Erde gebunden. Wird er verbrannt, erhöht sich die CO₂-Menge in der Atmosphäre dauerhaft. Holz funktioniere anders: Bäume entziehen beim Wachstum CO₂ aus der Luft und speichern den Kohlenstoff über Jahrzehnte - später auch in Produkten wie Bauholz oder Möbeln.

„Der Baum hat das CO₂ aus der Umgebungsluft aufgenommen. Beim Verbrennen des Holzes wird es wieder freigesetzt. Wird es in diesem Moment aufgefangen und dauerhaft gespeichert, befindet sich am Ende weniger CO₂ in der Atmosphäre als zuvor“, sagt Gollmer. Das Prinzip nennt sich BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage). Die Internationale Energieagentur zähle BECCS zu den wenigen Technologien, die gleichzeitig Energie erzeugen und CO₂ dauerhaft entfernen können.

Auch bei Nutzung in industriellen Prozessen kann CO₂ gespeichert werden - durch Verwendung in einem Produkt. Das ist in der aktuellen Planung bereits vorgesehen. Die Befürchtung, das sei nur ein Feigenblatt - die Frage wurde ihnen schon aus den Reihen der Stader Politik gestellt - sei unbegründet, sagen die Hansekraft-Geschäftsführer. Sie seien vor Ort bereits mit interessierten Abnehmern im Gespräch.

Den CO₂-Fußabdruck (PCF/Product Carbon Footprint) für die geplanten Produkte der Anlage hat Hansekraft von dem Unternehmen Climate Partner Deutschland erstellen lassen. Demzufolge betrage der PCF für die Bereitstellung je Kilowattstunde (kWh) Dampf/Wärme oder Strom 19,7 Gramm CO₂-Äquivalent-Emissionen. Zum Vergleich: Laut Statista wurde der CO₂-Emissionsfaktor für den Strommix in Deutschland auf 344 Gramm pro Kilowattstunde geschätzt.

Frage 3: Hansekraft spricht von einem Biomassekraftwerk. Was außer Altholz soll noch verbrannt werden?

In der Hauptsache soll Altholz aller vier Klassen verbrannt werden - von naturbelassenem (A1) bis zu belastetem (A4), das mit chemischen Holzschutzmitteln behandelt wurde. Wie hoch der Anteil welcher Klasse sein wird, sei noch nicht zu sagen. Doch sogar, wenn es ausschließlich A4-Holz wäre, würde das Modell funktionieren, weil die mehrstufige Rauchgasreinigung dafür bürgen würde, dass die geltenden Grenzwerte der BImSchV (Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes) sicher eingehalten würden.

Beim Verbrennen des Altholzes wird das Material in vier verschiedene Arten eingestuft.

Beim Verbrennen des Altholzes wird das Material in vier verschiedene Arten eingestuft. Foto: Richter

Darüber hinaus will Hansekraft in der Lage sein, auch aus anderer Biomasse Energie zu gewinnen. Im Altholzkraftwerk Emlichheim, dessen Geschäftsführer Jörg Dobbrunz ist und dessen jüngere, größere Schwester das Stader Kraftwerk werden soll, wird unter anderem Kaffeesatz verfeuert. In Stade gab es eine Anfrage, ob Treibsel (entlang der Deiche am Spülsaum angeschwemmtes, organisches Material) verwertet werden könne. Hansekraft wolle dafür offen sein. Welche Biomassen infrage kommen, soll nach bestimmten Schlüsseln im Genehmigungsantrag definiert werden.

Frage 4: Woher soll das Altholz kommen?

In großen Teilen würde es aus europäischen Ländern importiert - woher genau, richtet sich nach der Marktlage. Aktuell zeichnet sich vor allem in den Beneluxstaaten und Großbritannien Exportbedarf ab. Doch auch Altholz aus Deutschland, beispielsweise von Karl Meyer (Nehlsen), könnte direkt abgeliefert werden.

Frage 5: Was soll in Stade mit dem Holz passieren?

Es würde vorsortiert und in zerschnitzelter Form im Industriehafen anlanden. Elektro-Lkw würden es zur weiteren Aufbereitung in die Anlage bringen. Die soll dort entstehen, wo die inzwischen abgerissenen Silos der einst geplanten Müllverbrennungsanlage standen. Das Baumaterial liegt sortiert vor Ort und soll im Neubau wiederverwendet werden.

Wenn die Norderweiterung des Industriehafens kommt, soll ein Förderband direkt vom Hafen zur Anlage führen. Durch optische Verfahren und KI soll das Material vor Ort noch feiner sortiert werden, so dass noch Verwertbares - zum Beispiel für Spanplatten, sofern es Abnehmer gibt - wieder in den Stoffkreislauf zurückgehen kann. Auch Metallreste würden gesondert zur Wiederverwertung gesammelt. Unzerkleinertes Material, beispielsweise von nahen Entsorgungsanlagen, könne auch vor Ort sortiert und aufbereitet werden.

Beim Verbrennungsprozess sollen Dampf, Strom und Wärme entstehen. Auch Fernwärme wäre nach wie vor möglich, zum Beispiel für Wohnsiedlungen in Bützfleth, sofern das Interesse der Anwohner groß genug ist. Wie berichtet, hatte Airbus Stade Interesse bekundet, war dann aber aus ungenannten Gründen abgesprungen.

Frage 6: Welche Emissionen wird es geben?

Das Holz soll in einer zirkulierenden Wirbelschicht bei relativ niedrigen Temperaturen verbrannt werden. Das sei laut Dobbrunz effizienter und emissionsärmer. Die Bürgerinitiative Bützfleth sieht bei niedrigeren Brenntemperaturen die Gefahr, dass bestimmte Toxine nicht zerstört werden. Hansekraft widerspricht dem und führt die mehrstufige Rauchgasreinigung nach neuestem Stand der Technik und strenge gesetzliche Grenzwerte an.

Blick auf das Hansekraft-Gelände im Juni 2026: Das Gebäude der einst geplanten Müllverbrennungsanlage ist nur noch in Form von Materialhaufen sichtbar, die im Neubau verwendet werden sollen.

Blick auf das Hansekraft-Gelände im Juni 2026: Das Gebäude der einst geplanten Müllverbrennungsanlage ist nur noch in Form von Materialhaufen sichtbar, die im Neubau verwendet werden sollen. Foto: Richter

Frage 7: Wie sieht der Zeitplan aktuell aus?

Hansekraft geht von einer Genehmigung innerhalb eines Jahres nach Antragstellung aus. 2028 würde die Anlage errichtet und 2030 erstmals in Betrieb genommen. 2031 soll der Regelbetrieb beginnen.

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