T„Habe keine Kraft mehr“: COPD-Patient kämpft um sein Zuhause
Henry Reuter geht den Schriftverkehr mit dem Sozialamt durch. Der an COPD erkrankte Mann fühlt sich von den Behörden alleingelassen. Foto: Willing
Weil das Sozialamt die Miete zahlt, soll sich der 76-Jährige eine günstigere Wohnung suchen. Das zermürbt den ehemaligen Seemann und belastet den Lungenkranken zusehends.
Zeven. Seine grauen Haare und der Bart sind sorgfältig gestutzt. Er trägt einen weißen Rollkragenpullover. Neben den bereitgestellten Keksen liegen fein säuberlich sortierte Unterlagen. Nichts soll vergessen werden.
Die 58 Quadratmeter große Wohnung in Zeven ist sein Zuhause geworden. Vor etwa vier Jahren zog er hier ein. An den Wänden hängen Erinnerungen an ein anderes Leben: Bilder von Segelschiffen, maritime Knoten, ein Anker, eine Schiffsglocke, ein Rettungsring. Henry Reuter fuhr einst zur See, war Marinesoldat, bereiste später die Welt und arbeitete im Ausland. Heute sagt er, er wünsche sich nur noch eines: „Ich möchte in Ruhe alt werden, das ist doch nicht zu viel verlangt.“
Sozialamt fordert niedrigere Wohnkosten
Nach seiner Darstellung begann seine Sorge im November 2025. Das Sozialamt habe ihn aufgefordert, seine Wohnkosten zu senken und entsprechende Bemühungen nachzuweisen. Er zeigt Schreiben, in denen verschiedene Möglichkeiten genannt werden: die Untervermietung einzelner Räume, Verhandlungen mit dem Vermieter über eine niedrigere Miete, die Senkung von Nebenkosten oder ein Umzug in eine günstigere Wohnung. Andernfalls, so schildert Reuter die Inhalte der Schreiben, müsse er mit Änderungen seiner Leistungen rechnen.
„Ich weiß, es ist alles teurer geworden“, sagt Reuter. Nicht die Aufforderung zur Kostensenkung belaste ihn am meisten, sondern die Art, wie mit ihm umgegangen werde. „Man wird behandelt wie der letzte Dreck.“ Er habe das Gefühl, dass für seine persönliche Situation zu wenig Verständnis aufgebracht werde. „Das Inhumane stört mich. Kein Herz. Gesetze werden zu Drohungen.“

Jede Wohnungsanzeige fotografiert Henry Reuter nach eigenen Angaben als Nachweis seiner Suche nach einer günstigeren Wohnung. Foto: Willing
Der Landkreis Rotenburg bestätigt auf Anfrage der „Zevener Zeitung“, dass der Fall bekannt sei. Die Behörde betont zugleich, sie sei gesetzlich verpflichtet, die Angemessenheit der Unterkunftskosten zu prüfen und Leistungsbeziehende gegebenenfalls aufzufordern, ihre Wohnkosten zu senken.
Zugleich weist der Landkreis darauf hin, dass ebenfalls gesundheitliche Einschränkungen in die Entscheidungsfindung einbezogen würden. „Die vorgelegten Atteste von Herrn Reuter wurden berücksichtigt“, teilt Kreissprecherin Stefanie Heitmann mit. Wenn ein Umzug aus gesundheitlichen Gründen nicht zumutbar sei oder trotz nachgewiesener Bemühungen keine passende Wohnung gefunden werde, könnten höhere Unterkunftskosten unter Umständen auch länger übernommen werden. Voraussetzung sei jedoch unter anderem, dass die Wohnungssuche auch auf einen größeren Umkreis ausgedehnt werde.

Mit seinem Elektromobil, das er liebevoll „Hutschefiedel“ nennt, erledigt Henry Reuter die meisten Wege im Alltag. Foto: Willing
COPD erschwert die Suche nach einer neuen Wohnung
Reuter lebt von einer Rente von etwas mehr als 500 Euro und erhält nach eigenen Angaben ergänzende Leistungen. Rund 200 Euro blieben ihm monatlich zum Leben. Er erzählt, inzwischen Pfandflaschen sammeln zu müssen.
Sein Alltag ist von Krankheiten geprägt. Er leidet an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), kann nur etwa 100 Meter laufen und bewegt sich überwiegend mit seinem Elektromobil fort. Liebevoll nennt er es sein „Hutschefiedel“. Hinzu kommen Folgen einer Wirbelsäulenoperation. Er hat einen Grad der Behinderung von 30 Prozent und Pflegegrad 2, sagt er.
Ein Umzug komme für ihn kaum infrage. Er benötige eine Erdgeschosswohnung, weil ihm Einkäufe und Treppen schwerfielen. Sein Hausarzt, berichtet Reuter, habe ihm attestiert, dass er aus medizinischer Sicht nicht in der Lage sei, einen Umzug durchzuführen. „Ein Umzug bedeutet für mich eine Katastrophe.“ Er habe Wohnungsanzeigen dokumentiert, sich bei Wohnungsbaugesellschaften beworben und sogar handgeschriebene Suchzettel aufgehängt. Einmal sei er dabei auf Schnee und Eis gestürzt.
Sein gesamtes Umfeld befinde sich hier, sagt er. Der Hausarzt, Einkaufsmöglichkeiten, vertraute Wege. Angehörige habe er nicht. Seine Wohnung habe er nach seinen Bedürfnissen eingerichtet, die Küche selbst gekauft. Hinter der Terrassentür liegt ein kleiner Außenbereich. Im Winter habe er zeitweise nur noch einen Raum geheizt, obwohl ihm Wärme aufgrund seiner Erkrankung guttue.
Anhaltende Kritik an „Kürzungsreform“ für die Pflege
Angst vor Leistungskürzungen belastet den Rentner
Wie sehr ihn die Situation belastet, wird im Gespräch immer wieder deutlich. Er schildert, inzwischen an einer Gürtelrose erkrankt zu sein, die er mit dem anhaltenden Stress in Verbindung bringt. Einen besonders dunklen Moment beschreibt er mit stockender Stimme: Er habe zeitweise sogar daran gedacht, sich das Leben zu nehmen.
Im Mai sei zunächst kein Geld vom Sozialamt eingegangen. Erst mit Unterstützung des Sozialverbands Deutschland (SoVD) habe sich die Situation geklärt. Reuter weiß, dass seine Wohnung nach den Vorgaben als zu teuer gilt. Die wirtschaftlichen Zwänge, sagt er, verstehe er. Was er sich wünsche, sei etwas anderes.
„Ich habe keine Kraft mehr“, sagt der 76-Jährige. Dann blickt er auf die Schiffsbilder an seiner Wand. „Ich wollte hier in Würde alt werden.“
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