T„Hallo Puppe, höre ich ziemlich oft“: Das berichten Frauen in Stade
Frauen - und Männer - demonstrieren in Stade für Gleichberechtigung. Foto: Felsch
Die Bewegung Töchterkollektiv hatte zu einem Aktionstag für Gleichberechtigung aufgerufen. In Stade gingen Frauen auf die Straße und berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit.
Stade. In mehr als 80 Städten forderten Menschen Lohngerechtigkeit, Wertschätzung und Schutz vor Gewalt. Gleichstellung sei ein Grundrecht, betont Nadine Gruber - ein Recht, das endlich umgesetzt werden müsse.
Wenn Frauen streikten, zeige sich, was passiere, was sonst unsichtbar bleibe, erklärt Lara Thomsen, die mit Gruber den Frauenstreik als Aktionstag in Stade organisiert hat. Beide gehören der bundesweiten feministischen Bewegung Töchterkollektiv an, die sich vor einem Jahr gegründet hat - auch als Antwort auf die fragwürdige Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
„Es sind eben nicht irgendwelche Migranten, die Frauen Gewalt antun, wie der Bundeskanzler behauptet“, so die 42-Jährige, die es selbst erlebt hat.
Sexuelle Übergriffe, anzügliche Kommentare und Benachteiligung
So wie Stephanie Senkbeil, die als junges Mädchen von einem älteren Mann angegrapscht wurde. „Ich hoffe, dass solche Aktionstage was bringen“, begründet die 56-Jährige ihr Kommen.

Stephanie Senkbeil will, dass sich für die Frauen etwas ändert. Foto: Felsch
„Gegen Macker und Sexisten“ steht auf einem Plakat. Wenn den Opfern nicht geglaubt werde, die Übergriffe sogar heruntergespielt würden, sei das ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht, erklärt Amadeus von Quest - Queeres Stade e.V. in seiner Grußbotschaft und erinnert an die zunehmende Zahl an Femiziden. „Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex getötet.“
Gleichberechtigung
T Ein Aufstand der Erschöpften: Staderinnen rufen zum Frauenstreik
Antonia berichtet von anzüglichen Bemerkungen, die ihr Männer zurufen. „Hey Süße oder hallo Puppe, höre ich ziemlich oft“, erzählt die 16-Jährige.
„Das unangenehme Anstarren im Zug hörte erst auf, als ich meinen großen Hund mitnahm“, berichtet Lara Thomsen und macht auf andere Ungerechtigkeiten aufmerksam: Männer würden oft bevorzugt, wenn es um höhere Positionen gehe und verdienten mehr als ihre Kolleginnen, selbst dann, wenn sie den gleichen Job ausübten.
Frauen übernähmen wie selbstverständlich die Hausarbeit, die Erziehung der Kinder und die Pflege von Angehörigen - zusätzlich zu ihrer eigenen Berufstätigkeit. Forderten sie ihre Rechte ein, stießen sie auf Hindernisse.
Sie begnügten sich mit Teilzeitjobs, was Altersarmut zur Folge habe. „Als Krankenschwester verdiente ich weniger als die Pfleger, das darf nicht sein“, so die selbstständige Familienberaterin.
Frauen leisten die meiste Care-Arbeit
„Null Verständnis, als meine Kinder krank waren und ich vom Homeoffice aus meine Aufgaben erledigt habe. Trotzdem sah der Chef mich schief an“, erinnert sich Aleksandra Maria Jahnke.

Aleksandra Maria Jahnke: „Die Politik muss mehr für Alleinerziehende tun.“ Foto: Felsch
Die Alleinerziehende hätte sich vom Staat mehr Unterstützung gewünscht, sie sah keine andere Möglichkeit, als zu kündigen und sich selbstständig zu machen. Heute gibt die 43-Jährige als Coach ihren Geschlechtsgenossinnen Tipps, ihren Selbstwert zu erkennen und sich durchzusetzen.
Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht
„Mach dich sichtbar“, so lautet der Titel des Buches von Jessica Schonk, die die Moderation des Nachmittags übernahm. Frauen ließen sich leider von Angst bremsen, was dem eigenen Business schade. Jeder verdiene es, gesehen zu werden.
„Mein Vater, Jahrgang 1940, hat mir und meiner Schwester als Kind beigebracht, sich nichts gefallen zu lassen, das hat mich wohl stark gemacht“, meint Alexandra Kleine-Natrop nachdenklich.

„Schon Mädchen sollten lernen, sich durchzusetzen“, sagt Alexandra Kleine-Natrop. Foto: Felsch
Die Unternehmerin, die sich im Vorstand von Bündnis 90/ Die Grünen engagiert, ist der Ansicht, dass das Umfeld den Menschen forme. „Mädchen, die zur Anpassung erzogen worden sind, trauen sich als Erwachsene nicht, den Mund aufzumachen. Das darf nicht sein“, sagt die 55-Jährige und fügt hinzu: „Frauen sind ein zentraler Teil der Gesellschaft, deshalb ist es Zeit, dass wir mitentscheiden.“
„Obwohl sich einiges für uns verbessert hat, muss noch viel getan werden in puncto Gleichberechtigung“, bestätigt Sigrid Koppelmann, die am Montag dabei ist, um auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.
Sie persönlich könne sich gut durchsetzen, sagt die SPD-Ratsfrau. „In der Schule, in der ich arbeite, muss ich das nicht, aber in der Politik kann man beobachten, dass Männer uns weniger zutrauen.“

„Manche Männer trauen uns immer noch nichts zu“, sagt Sigrid Koppelmann. Foto: Felsch
Ein Band aus bunten Tüchern knüpft Carola Kühler auf dem Platz. Damit will die Künstlerin zeigen, dass die Menschen nur etwas erreichen, wenn sie zusammenhalten. Männer, Frauen, Diverse. Daran glaubt die bekennende Christin, die sich an dummen Sprüchen von Männern nicht mehr stört. Aber in Ordnung sei das natürlich trotzdem nicht.

Carola Kühler: „Gleichberechtigung gelingt, wenn alle an einem Strang ziehen.“ Foto: Felsch
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