TIHK-Expertin: Hertie-Aus war gut für Stade
Kathrin Wiellowicz von der IHK Elbe-Weser aus Stade weiss, worauf Innenstädte zum Überleben setzen sollten. Foto: Teja Adams/IHK
Die Schließung des Hertie-Kaufhauses hat Stade einen Vorsprung verschafft, sagt Kathrin Wiellowicz von der IHK. Sie weiß, worauf es ankommt, damit die Innenstadt nicht stirbt.
Stade. Innenstädte verändern sich, sagt Kathrin Wiellowicz, Expertin der IHK Elbe-Weser für Handel und Stadtentwicklung. Das werde besonders beim Blick auf große Kaufhäuser deutlich. Die seien früher die großen Zugpferde der Innenstadt gewesen.
Ihren Wegfall spürten viele Städte deshalb stark. Stade sei hier früh dran gewesen. „Die Umnutzung des Ex-Hertie-Gebäudes kam zu einer Zeit, als viele noch am klassischen Warenhaus festhielten“, sagt Kathrin Wiellowicz.
Die Rolle der Kaufhäuser hat sich verändert
Im Rückblick sei das ein Vorsprung im Umgang mit großen Handelsimmobilien und Stade seiner Zeit voraus gewesen. Entscheidend sei, dass große Flächen neu gedacht würden: offener, vielfältiger, gemischt genutzt.
Kaufhäuser seien zwar keine Auslaufmodelle, aber ihre Rolle habe sich verändert. Sie funktionierten nicht mehr als alleinige Frequenzbringer, sondern als ein Baustein unter vielen. Vor allem in Mittelzentren wie Stade hätten sie an Bedeutung verloren.
Innenstädte seien heute längst nicht mehr nur Einkaufsort, sondern multifunktionale Lebens-, Erlebnis- und Begegnungsräume. „Wir erleben gerade eine kleine Renaissance“, sagt Kathrin Wiellowicz.
Denn schon im Mittelalter seien die Stadtkerne Orte mit vielfältigen Funktionen gewesen. Erst im 20. Jahrhundert seien Arbeiten, Wohnen und Freizeit strikt getrennt worden.
Menschen geben 200 Euro pro Innenstadtbesuch aus
Heute wachse zusammen, was lange getrennt war. Das sei eine Chance, so Wiellowicz. Der Handel spiele dabei eine zentrale Rolle. Gerade in Städten wie Stade sei er nach wie vor der wichtigste Besuchsgrund.
Das zeige die aktuelle IHK-Zentrenstudie für Niedersachsen. In Stade würden demnach pro Innenstadtbesuch im Schnitt 200 Euro ausgegeben, deutlich mehr als im Landesdurchschnitt.
Stade punkte vor allem mit inhabergeführten Geschäften, die für Vielfalt und Identität sowie den besonderen persönlichen Austausch stehen. Nicht zu unterschätzen sei zudem die Nähe zum Wasser als Anziehungspunkt für die gesamte Innenstadt. Immer mehr an Bedeutung gewinne auch die Gastronomie, weil sie die Aufenthaltsdauer verlängere.
Lokale Wirtschaft
T Offener Sonntag: Darum setzt der Handel auf dieses Angebot
Einzelhandel
T Stader Innenstadt: C&A ist weg, dieses neue Kaufhaus kommt
Statt „kaufen und gehen“ laute das Motto heute „kommen, bleiben und erleben“. Dafür brauche es Atmosphäre, Aufenthaltsqualität sowie ein gutes Gefühl von Sicherheit und Sauberkeit. Denn nur wo Menschen sich wohlfühlen, verweilen sie länger, geben im besten Fall mehr Geld aus und kommen auch wieder.
Vom Versorgungsstandort zum Lieblingsort
Stade zeichne sich durch eine lebendige Mischung aus Handel, Gastronomie, attraktiven Plätzen und Veranstaltungen aus. Events wie das Hanse Song Festival, der Wochenmarkt, vielfältige Kulturangebote und die verkaufsoffenen Sonntage schafften Erlebnisse, die Besucher über klassische Einkaufszeiten hinaus mobilisierten.
Kneipensterben
T Schnapsidee? Student will das Apropos in Stade retten
So sei die Innenstadt nicht nur funktionierender Versorgungsstandort, sondern werde zum Lieblingsort und zur Bühne des Alltags. „Genau darin liegt die Zukunft einer starken Innenstadt“, sagt Kathrin Wiellowicz.
Frequenz entstehe dort, wo Konsum und Nicht-Konsum zusammenkommen. Diese Kombination funktioniere in Stade durch das engagierte Stadtmarketing in Kombination mit einer überdurchschnittlich aktiven Standortgemeinschaft - Stade aktuell e.V. - hervorragend.
Bessere Erreichbarkeit und mehr für junge Leute
Für eine gut frequentierte Innenstadt sei aber auch die Erreichbarkeit entscheidend: ob mit dem Auto, dem Rad oder elektrisch und multimodal. „In diesem Punkt wurde unsere Region leider nicht so gut bewertet, darauf sollte deshalb besonderes Augenmerk gelegt werden“, sagt Kathrin Wiellowicz.
Ehemaligentreffen
T Parkhaus-Feten und Sektpyramiden: Ex-Hertie-Mitarbeiter erinnern sich
Die jüngere Generation dürfe ebenfalls nicht vergessen werden. Junge Menschen suchen Erlebnisse, Treffpunkte und Orte, die auch ohne Konsum funktionieren. Wer diese Zielgruppe nicht mitdenke, verliere die Kundschaft von morgen.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.