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Berufsleben

TJürgen Lange zum AKW-Aus in Stade: „Wir fühlten uns wie ein Bauernopfer“

Vor der fast freigelegten Kuppel des ehemaligen Kernkraftwerks in Stade: Jürgen Lange.

Vor der fast freigelegten Kuppel des ehemaligen Kernkraftwerks in Stade: Jürgen Lange. Foto: Strüning

Er hat viele Phasen des Kernkraftwerks in Stade miterlebt, jetzt auch den Rückbau. Wie geht es Jürgen Lange damit, den Abriss seines ehemaligen Arbeitsplatzes ständig vor Augen zu haben?

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Von Lars Strüning
14.08.2026, 09:00 Uhr

Stade. Jürgen Lange macht keinen unglücklichen Eindruck. Entspannt sitzt er am Tisch und erzählt seine Geschichte. Nicht zu viele Worte, dafür umso mehr Fachbegriffe und Abkürzungen.Schnell wird klar: Der heute 65 Jahre alte Lange hat seinen Job intensiv gelebt.

Bedrückende Nachricht vom Aus des Stader AKW

Umso bedrückender war die Nachricht von dem Aus des AKW Stade. „Wir hatten damals das Gefühl, ein Bauernopfer zu sein“, sagt er noch heute etwas trotzig. Damals, das war im Jahr 2003, als sich PreussenElektra auch auf politischen Druck hin entschlossen hatte, den im Vergleich zu anderen Standorten eher leistungsschwächeren Reaktor in Stade für immer runterzufahren. Den Tag des Abschaltens hat er nicht im Betrieb erlebt. War wohl auch besser so.

Gern erinnert er sich an die Zeit, als er zum Schichtbeginn in der kalten Umkleide seine privaten Sachen ablegte und in der heißen Kammer die Dienstkleidung samt Overall, Sicherheitsschuhen, Helm und Unterwäsche anzog, sich aufwendig ein- und ausschleusen und „freimessen“ lassen musste.

Jürgen Lange in früheren Jahren am Abklingbecken.

Jürgen Lange in früheren Jahren am Abklingbecken. Foto: Privat

Der Dosimeter zum Messen der radioaktiven Strahlen war immer dabei, wenn er am Becken arbeitete, wie es die Kenner nennen, das Abklingbecken für die Brennelemente. Lange war hier zum Beispiel als Kranführer eingesetzt, wenn es zum Wechsel der Brennelemente kam und die Castoren zum Abtransport bereitstanden.

Am liebsten war ihm die „Reisezeit“. Das hat in diesem Fall nichts mit Urlaub zu tun. Insider reden von Reisezeit, wenn das Kernkraftwerk in Betrieb war, also Strom produzierte und gutes Geld verdiente.

Gefährliche Strahlung? „Habe immer ein gutes Gefühl gehabt“

Hatte er nie Sorge um seine Gesundheit? „Ich habe immer ein gutes Gefühl gehabt“, sagt er. Die Kollegen vom Strahlenschutz seien den Auflagen entsprechend sehr streng gewesen. Quartalsweise wurde die Belastung mit radioaktiven Strahlen ausgewertet. Etwas Ernsthaftes ist nicht passiert.

Das gute Gefühl war kurz getrübt, als Stades Ende kam, damit andere weiter produzieren durften. Die hohe Identifizierung mit dem Stader Reaktor blieb. „Hätten meine Kollegen mich nachts angerufen, wäre ich gekommen. Das wussten die auch“, sagt er.

Der Vorteil: Jürgen Lange hatte einen kurzen Anfahrtsweg. Er ist Altländer, die Entfernung zwischen Wohnhaus und Arbeitsstelle beträgt zehn Kilometer. „Der kurze Arbeitsweg“, meint Lange, „ist nicht mit Geld zu bezahlen.“ In der Freizeit schlägt sein Herz für den Fußball, vor allem für den HSV. Vor der Fusion zur SG Lühe hat er für Hollern-Twielenfleth gekickt.

Die Liebe zum HSV verbindet ihn mit seinem damaligen Kollegen und heutigen Chef, Standortleiter Marco Albers. Albers ist Spezialist für den Rückbau, Lange hat sich reingearbeitet. Ein Arbeitsleben lang.

Ein Schlosser macht seinen Weg im Kernkraftwerk

Jürgen Lange ist gelernter Maschinenschlosser, er fing als Azubi am 1. August 1980 unweit des KKW Stade beim Kraftwerk Schilling an, das heute längst Geschichte ist. Es hat aus Schweröl Strom produziert, vor allem zur Versorgung Hamburgs. Als er zur Atomkraft wechselte, hieß sein neuer Arbeitgeber noch Norddeutsche Kraftwerke AG und später PreussenElektra.

Der Abbau der Betonkuppel über dem Reaktorbehälter ist eine zeitaufwendige Angelegenheit.

Der Abbau der Betonkuppel über dem Reaktorbehälter ist eine zeitaufwendige Angelegenheit. Foto: Elsen

Der 65-Jährige arbeitete als Schlosser in der Werkstatt. Dann kam der Ruf ins Innere des Reaktors, dem Lange folgte. Als das Ende besiegelt war, entschloss er sich bewusst, aktiv am Rückbau mitzuwirken. Das, was er „immer in Schuss“ gehalten hat, wie er es formuliert, musste er nun aufwendig abbauen, zum Teil mit einer Säge zerschneiden. „Das fiel schon schwer“, sagt Lange rückblickend. Die Entscheidung sei dennoch gut gewesen.

Lange profitierte, machte seinen Weg, wurde zum VdA. Das steht für „Verantwortlicher der Arbeit“. Jeder Arbeitsschritt musste genau geplant, genehmigt und dokumentiert werden. Sicherheit stand an erster Stelle. Stade ist vermutlich der erste Druckwasserreaktor der Welt, der komplett zurückgefahren wird. Das war auch ein großes Versuchsfeld. Von den Erfahrungen in Stade profitieren jetzt andere Standorte. Mittendrin: Jürgen Lange.

Schreibtischarbeit? Das fiel ihm anfangs schwer

Zusammen mit Marco Albers hat er pro Jahr etwa 1000 Aufträge geschrieben, damit zum Beispiel der RDB, der weithin sichtbare Reaktordruckbehälter mit der charakteristischen Betonkuppel, rückgebaut und abgerissen werden konnte. Ein Schlosser am Schreibtisch? Schwer vorstellbar. „Da habe ich mich am Anfang schwer mit getan“, gesteht Lange ein. Aber er kannte die Anlage aus dem Effeff, spricht die Sprache der Arbeiter. Das passte.

Lange ist in die neue Aufgabe reingewachsen. „Rückbau ist ein ständiges Lernen“, sagt seine Kollegin Astrid Schomacker, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Lange hat sich dem gestellt. Sein Vertrag wurde auch deswegen noch mal um ein Jahr verlängert, obwohl er schon Rentner ist. Jetzt freut er sich auf den gemeinsamen Ruhestand mit seiner Frau im neuen Jahr.

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