TKatastrophen und Klimakrise: Zwei Experten erklären, warum Küstenschutz so wichtig ist
Fast ohne Ebbe türmten sich die Wellen am Nachmittag des 3. Januars 1976 meterhoch auf. Vor allem in der Gemeinde Drochtersen wurden weite Flächen überflutet. Foto: NLWKN
Es waren die höchsten Pegelstände an der deutschen Nordseeküste. Dennoch ist die Sturmflut 1976 nicht so im Bewusstsein geblieben wie die Flut von 1962. Warum das so ist, erklären zwei Experten.
Landkreis. Die schwere Sturmflut vom 03. Januar 1976 war gewaltiger als die Flutkatastrophe von 1962 - aber sie hatte nicht so verheerende Folgen. Denn vielerorts zeigten die ergriffenen
Küstenschutz-Maßnahmen Wirkung. Was hatte sich in nur 14 Jahren verändert – und mit welchen Herausforderungen sehen sich Küstenschützer heute, fünfzig Jahre später, konfrontiert? Ein Gespräch mit der Direktorin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Anne Rickmeyer und dem NLWKN-Küstenschutzexperten Peter Schley.
TAGEBLATT: Was lief 1976 anders als bei der Sturmflut 1962?
Anne Rickmeyer: Zunächst muss betont werden, dass die Sturmflut von 1976 keinesfalls spurlos an der niedersächsischen Küste vorüberging: Insbesondere im Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch nicht hinreichend erhöhten Deiche in Kehdingen richtete sie in Folge mehrerer Deichbrüche und Überspülungen erhebliche Schäden an.

NLWKN-Direktorin Anne Rickmeyer. Foto: NLWKN
Aber es stimmt, dass sich diese mit einigen Ausnahmen – das Zentrum von Freiburg an der Unterelbe etwa wurde vollständig überschwemmt – vor allem auf landwirtschaftlich genutzte, weniger dicht bewohnte Flächen auswirkten. Die Folgen waren also durchaus erheblich, aber die große menschliche Katastrophe blieb aus.
Das ist vor allem den Lehren zu verdanken, die man aus den schweren Sturmfluten 1962 mit über 300 Toten und rund 60 Deichbrüchen sowie 1953 mit über 2.000 Opfern gezogen hatte. Auch wenn 1976 noch längst nicht alles umgesetzt war, weil Maßnahmen des Küstenschutzes zwangsläufig Mammutprojekte mit erheblichem Aufwand sind: Die Küste war unterm Strich besser vorbereitet, weil nicht zuletzt Deiche verstärkt und in Höhe und Geometrie angepasst worden waren.
Mit welchen Strategien waren die Küstenschützer den zuvor gemachten Erfahrungen begegnet?
Peter Schley: Im Nachgang zur Sturmflut 1962 war eine gründliche Analyse der Schäden, Schadensmechanismen und Defizite durch eine eigens eingesetzte Kommission vorgenommen worden.

Der Stader NLWKN-Betriebsstellen- und Geschäftsbereichsleiter Peter Schley. Foto: NLWKN
Eine wesentliche Konsequenz war die Optimierung des Deichprofils: Heute bietet dieses durch flachere Böschungen und dickere Kleischichten mehr Sicherheit gegen Sturmflutschäden durch Welleneinwirkung. Diese Kurskorrekturen haben 1976 bereits Wirkung gezeigt. Durchgehende Wege für die Deichverteidigung im Sturmflutfall ermöglichen zudem das Erreichen der Schadensstellen, was 1962 ein großes Problem war. Vor allem aber erfolgte eine konsequentere Realisierung der Pläne, was wegen Geldnot und widerstrebender Interessen zuvor oft nicht gelungen war.
Man hatte zudem mit dem Bau von Sperrwerken an den Nebenflüssen von Weser und Elbe begonnen, wo sich Fluten verheerend ausgewirkt hatten. Die Sperrwerke Abbenfleth, Lühe und Freiburg waren 1976 betriebsfähig. Andere Sperrwerke dagegen wie am Ruthenstrom wurden erst Ende der 70er Jahre in Betrieb genommen. Ein wichtiger Baustein war eine bessere, intensivere und pflichtbewusstere Pflege und Unterhaltung der Deiche: Wo früher grasende Rinder, Pferde, Gänse und Hühner anzutreffen waren, erfolgt heute vor allem eine Pflege der Grasnarbe durch Schafe.
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Außerdem gab es eine bessere Überwachung durch regelmäßige Deichschauen und einen konsequenteren Schutz der Deiche gegen Beschädigungen. Schließlich wurden Generalpläne für den Küstenschutz und Finanzierungsprogramme aufgestellt und das niedersächsische Deichgesetz - ein in Deutschland bis heute einmaliges Gesetzeswerk - räumte dem lebenswichtigen Küstenschutz einen klaren Vorrang vor anderen, individuellen Interessen ein.
Hat sich der Blick der Gesellschaft auf den Küstenschutz durch die Sturmfluterfahrungen verändert?
Anne Rickmeyer: Unbedingt. Insgesamt hatte der Küstenschutz in den 1960er/1970er Jahren gesamtgesellschaftlich einen höheren Stellenwert als zuvor. Die verheerenden Bilder von Deichbrüchen vor Augen, erhielten entsprechende Ziele politischen Rückenwind und eine bessere finanzielle Ausstattung.
Es war aber auch eine gesteigerte Akzeptanz etwa bei Anwohnern spürbar für Küstenschutzvorhaben und die mit ihnen verbundenen Eingriffe. Leider müssen wir feststellen, dass diese Akzeptanz stellenweise wieder nachlässt. Das mag auch damit zu tun haben, dass sich dank der getroffenen Maßnahmen ähnlich dramatische Bilder bei späteren Sturmfluten zum Beispiel 1994 nicht wiederholten.
Wird der Küstenschutz also gewissermaßen Opfer seiner eigenen Erfolge?
Peter Schley: Je länger solche einschneidenden Sturmflutereignisse wie 1976 zurückliegen, desto mehr schwindet die Bereitschaft zu Einschränkungen als Privatperson oder bei den Vertretern anderer Belange - etwa wenn es darum geht, Flächen zur Verfügung zu stellen oder die Verbauung von Meerblick in Kauf zu nehmen. Da Küstenschutz vorsorgend ausgerichtet ist und eine lange Perspektive hat, machen es diese Ansprüche den Küstenschützern in Summe immer schwerer, dringend benötigte Deichverstärkungen umzusetzen. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch eine grassierende Klimawandelskepsis und eine Zunahme von Wissenschaftsfeindlichkeit in Teilen der Gesellschaft. Beides ist gerade hier an der Küste fatal.
Wie gut ist Niedersachsen heute und in Zukunft für Sturmfluten gewappnet?
Anne Rickmeyer: Seit den 1960er Jahren haben Bund und Land mit fortwährenden Investitionen im Rahmen von umgerechnet rund 3,4 Mrd. Euro dafür gesorgt, dass wir heute das beste Schutzniveau haben, das es in der Geschichte des Küstenschutzes je gab.
Küstenschutz wird eine Daueraufgabe bleiben, die kein Verharren im Status Quo duldet. Das erleben wir auf den besonders exponierten Ostfriesischen Inseln, die durch ihre Wellenbrecher-Funktion auch das niedersächsische Festland schützen. Das erleben wir aber auch an der Elbe, wo die Sperrwerke aus den 60er und 70er Jahren wieder an die aktuellen Bedarfe des Küstenschutzes angepasst werden müssen. Über allem steht der Generalplan Küstenschutz.
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Die Herausforderungen werden durch den Klimawandel steigen. Seine Auswirkungen, etwa wenn es um den prognostizierten Meeresspiegelanstieg geht, fließen heute schon in die Konzeption von Küstenschutzanlagen ein. Das gedachte Vorsorgemaß für zukünftige Auswirkungen des Klimawandels wurde vor wenigen Jahren auf 100 Zentimeter erhöht.
Der neue niedersächsische Klimadeich ermöglicht für den Fall ungünstiger Entwicklungen eine Deicherhöhung um einen weiteren Meter. All diese Maßnahmen brauchen in Zeiten rasant steigender Baupreise auch die finanzielle Ausstattung - der Bedarf an Geldmitteln zum Schutz der niedersächsischen Küste wird künftig noch steigen - aber auch der Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren, um diese Planungsaufgaben zu bewältigen.
Bedenkt man, dass Küstenschutzanlagen schon heute rund 6500 Quadratkilometer und damit 14 Prozent der Landesfläche, 1,1 Millionen Menschen und Sachwerte im dreistelligen Milliardenbereich schützen, ist jeder Euro, der in den Küstenschutz fließt, gut investiert.
Zur Person: Peter Schley leitet seit 2023 die Betriebsstelle Stade des NLWKN. Der Diplom-Ingenieur ist als Geschäftsbereichsleiter unmittelbar für die Küstenschutzplanungen und Projekte in der Region zuständig.
Anne Rickmeyer leitet seit Mitte 2016 als Direktorin den NLWKN. Der Landesbetrieb ist in ganz Niedersachsen allein mit elf Betriebsstellen präsent.
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Anlässlich des 50. Jahrestags der Flut vom 3. Januar 1976 veröffentlicht das TAGEBLATT die historischen Ausgaben mit der Berichterstattung über die Jahrhundertflut. Hier lesen Sie das E-Paper dazu.