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TKrawall-Jugendliche in Hemmoor unterwegs? Das sagt die Polizei

Im aktuellen Fall sollen Jugendliche mit ihren Rollern auch nachts in Hemmoor für Unruhe sorgen.

Im aktuellen Fall sollen Jugendliche mit ihren Rollern auch nachts in Hemmoor für Unruhe sorgen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Im Kreis Cuxhaven sorgt ein Facebook-Beitrag über „terrorisierende Jugendliche“ auf Motorrollern für Aufregung - inklusive harter Vorwürfe und drastischer Kommentare.

Von Bengta Brettschneider und Tamina Francke Montag, 11.05.2026, 09:40 Uhr

Hemmoor. In sozialen Netzwerken werden viele Themen aus der Region schnell und emotional diskutiert. Oft stehen am Anfang echte Beobachtungen, Ärger oder Sorgen. Gleichzeitig ist nicht immer sofort klar, wie groß ein Problem tatsächlich ist und was sich belegen lässt.

Der Beitrag, der für Aufsehen sorgt

Ein aktuelles Beispiel kommt aus Hemmoor-Basbeck. In einer Facebook-Gruppe sorgt ein Beitrag für Aufsehen, in dem von Jugendlichen die Rede ist, die mit ihren Rollern „alles terrorisieren“. Beschrieben werden zu schnelles Fahren, fehlende Helme, nächtliche Touren bis in die frühen Morgenstunden und laute, manipulierte Fahrzeuge. In den Kommentaren spitzt sich die Diskussion schnell zu.

Es ist von fehlender Erziehung die Rede, von Respektlosigkeit - einzelne Beiträge gehen sogar so weit, Gewaltfantasien zu formulieren. Gleichzeitig taucht ein altbekanntes Muster auf: die Behauptung, die Jugend sei heute schlimmer als früher. Andere widersprechen und verweisen darauf, dass auch frühere Generationen Grenzen ausgetestet hätten.

An diesem Punkt beginnt die Recherche.

Das weiß die Polizei

Die Polizeiinspektion Cuxhaven bestätigt auf Anfrage der „Cuxhavener Nachrichten“, dass die angesprochene Gruppe bekannt ist. Gleichzeitig ordnet sie das Phänomen ein: Manipulierte Roller oder Mofas sind nichts Neues, solche Fälle gab es schon vor Jahrzehnten. Der Unterschied liegt heute vor allem in der Sichtbarkeit.

Durch soziale Medien verbreiten sich einzelne Vorfälle schneller und erreichen deutlich mehr Menschen. Was früher lokal blieb, wird heute öffentlich diskutiert - oft ohne Einordnung.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt zudem kein eindeutiges Bild einer zunehmenden Jugendkriminalität. 2022 wurden 732 Taten registriert, 2023 waren es 844, im Jahr 2024 dann 709 und 2025 insgesamt 711. Daraus lässt sich kein klarer Anstieg ableiten.

Auffällig ist vielmehr, dass ein erheblicher Teil der Delikte heute im Zusammenhang mit digitaler Kommunikation steht, etwa durch das Weiterleiten strafbarer Inhalte.

Das sagen Pädagogen

Für eine gesellschaftliche Einordnung haben wir mit Timm Esemann gesprochen, Diplom-Sozialpädagoge und Leiter der Einrichtung „Schleuse“, der seit Jahren mit straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet. Seine Einschätzung ist eindeutig: Weder statistisch noch aus seiner Erfahrung lasse sich sagen, dass die Jugend schlimmer geworden sei. Solche Wahrnehmungen gebe es seit Jahrhunderten. Er verweist auf ein über 4000 Jahre altes Zitat, in dem bereits über eine „zuchtlose Jugend“ geklagt wird.

Für ihn gehört es zur Entwicklung junger Menschen, Grenzen auszutesten und auch Regeln zu überschreiten. Entscheidend sei, dass sie dabei begleitet werden und stabile Bezugspersonen haben. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass sich die Lebensrealitäten vieler Jugendlicher verändert haben. Ein großer Teil der von seiner Einrichtung betreuten jungen Menschen wächst in belastenden Verhältnissen auf. Perspektivlosigkeit und fehlende Angebote verschärfen die Situation zusätzlich.

Auch Oliver Wachtel, Jugendpfleger am Jugendzentrum B4 in Hemmoor, sieht in den aktuellen Vorfällen vor allem typisches jugendliches Verhalten. Gerade nach der Corona-Zeit gebe es bei vielen jungen Menschen einen Nachholbedarf an Freiräumen. Neu sei das alles nicht. Was sich verändert habe, sei die Wahrnehmung. Während früher Nachbarn direkt das Gespräch gesucht hätten, verlagere sich heute vieles in soziale Netzwerke, wo Diskussionen schneller eskalieren.

Besonders kritisch bewertet er die teils drastischen Reaktionen in den Kommentaren. Gewaltfantasien seien nicht akzeptabel und trügen eher zur Eskalation bei. Seine Erfahrung zeigt, dass direkte Ansprache oft wirksam ist: Wenn man auf Jugendliche zugeht und mit ihnen spricht, lassen sich viele Konflikte klären.

Warum Einordnungen Zeit brauchen

Die Recherche zeigt ein differenzierteres Bild als das, was sich in den sozialen Netzwerken verbreitet. Gleichzeitig bestätigen weder Zahlen noch Fachleute die These einer grundsätzlich „immer schlimmer werdenden Jugend“. Vielmehr wiederholen sich bekannte Muster - nur unter veränderten Bedingungen.

Zwischen einem schnellen Eindruck im Netz und einer belastbaren Berichterstattung liegt ein Unterschied. Ohne jene Einordnung würde vor allem das bleiben, was sich am schnellsten verbreitet: zugespitzte Aussagen, starke Emotionen und einfache Erklärungen. Eine solche Informationslage kann das Miteinander verändern.

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