TLong Covid: Was Selbsthilfegruppen im Kreis Stade Betroffenen ermöglichen
Sie ist selbst betroffen und gründete die erste Selbsthilfegruppe in Stade: Nadine Beckmann-Kruse. Foto: Berlin
Bis heute leiden viele an den Langzeitfolgen von Corona. Nadine Beckmann-Kruse, Mitgründerin der Long-Covid-Selbsthilfegruppen im Kreis Stade, schildert die Lage und Hilfsmöglichkeiten.
Landkreis. 5 bis 10 Prozent aller Menschen, die eine Corona-Infektion hatten, entwickeln danach Long Covid. Der 15. März wurde zum jährlichen Internationalen Tag des Bewusstseins für Long Covid ausgerufen, um daran zu erinnern.
„Es gibt immer mehr Betroffene, aber nicht mehr Hilfe“, sagt Nadine Beckmann-Kruse. Sie und ihre Mitstreiter von der Long-Covid-Selbsthilfegruppe in Stade spüren die Folgen der Corona-Erkrankung bis heute am eigenen Leib. Lungenprobleme, Konzentrationsstörungen, schwere Erschöpfung und Schmerzen sind Symptome, mit denen viele zu kämpfen haben.
Forschung: Bisher kaum Fortschritte
Frauen sind wesentlich öfter betroffen als Männer. Viele sind wegen Long Covid nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig. Doch viele Fragen zu Ursache und Therapie bleiben offen, sagt Beckmann-Kruse: „Es gibt in der Forschung bisher kaum Fortschritte.“
Zu ihrer Stader Selbsthilfegruppe gehören heute zwölf Personen. Landkreisweit gibt es insgesamt fünf Gruppen. Betroffene tauschen sich dort über Ärzte, Fachärzte und Therapien aus: „Wir haben zum Beispiel einen tollen Arzt in Hamburg entdeckt, der Therapien anbietet, die hilfreich sind, weil sie mehr Lebensqualität bringen.“
Ihr Wunsch nach einem Long-Covid-Versorgungszentrum in Stade habe sich bisher nicht erfüllt. Es gebe hier auch noch keinen Long-Covid-Spezialisten. „Aber wir haben Fachärzte, die sehr bemüht sind“, sagt Beckmann-Kruse.
Zwei Menschen aus den fünf Gruppen sind genesen
Bisher seien nur zwei Menschen aus den fünf Selbsthilfegruppen tatsächlich genesen: „So, dass sie ihr altes Leben fast zurückhaben und ihrer Arbeit und ihren Hobbys wieder nachgehen können.“ Wichtig sei, dass Betroffene sich gegenseitig unterstützen, denn Familie und Freunde seien oft mit der Situation überfordert.
„Wir kennen die Probleme aus eigener Erfahrung und fangen uns auf“, erklärt Nadine Beckmann-Kruse. Über die Gruppe habe sie Menschen kennengelernt, die darüber hinaus ihr Leben bereichern und gute Freunde geworden sind.
Beckmann-Kruse steckte sich als Krankenschwester am Elbe Klinikum in Stade im Januar 2021 bei einer Patientin an. Die damals 33-jährige Mutter von drei Kindern erkrankte schwer, musste stationär in die Kardiologie aufgenommen werden und ist bis heute nicht genesen.
„Aber ich bin jetzt in der Erwerbsminderungsrente. Ich muss nicht mehr daran denken, wie ich meine Rechnungen bezahle und nicht mehr kämpfen, um zu beweisen, dass ich wirklich krank bin. Das nimmt mir viel Stress.“ So habe sie die Zeit, sich auf ihre Familie und ihre Genesung zu konzentrieren.
Alle sechs Wochen ist sie in der Charité in Berlin in Therapie. Sie bekam diese Chance, nachdem über ihren Fall in einer TV-Reportage berichtet wurde. „Das tut mir gut, aber die Möglichkeit haben längst nicht alle“, weiß sie.
Wenn Patienten nicht ernst genommen werden
Sie weist besonders auf das Problem des „Medical Gaslighting“ hin: Oft werden Beschwerden nicht ernst genommen, besonders bei Personen mit schwer diagnostizierbaren Erkrankungen wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), das durch extreme Erschöpfung gekennzeichnet ist und oft bei Long Covid auftritt.
Frauen leiden doppelt so oft an Long Covid und den Langzeitfolgen wie Männer. „Wäre es umgekehrt, wären wir bei der Forschung schon auf einem anderen Level. Frauenkrankheiten werden weniger erforscht, das ist bewiesen“, sagt Nadine Beckmann-Kruse. Auch das möchte sie am Long-Covid-Tag ins Bewusstsein rufen.
Wo Betroffene Unterstützung finden
Betroffene können sich bei der Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen unter 04141/ 3856 oder per Mail unter selbsthilfe-stade@paritaetischer.de melden. Offene Sprechstunde: dienstags 9 bis 13 Uhr und 14 bis 16 Uhr, donnerstags 9 bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung. Nadine Beckmann-Kruse ist unter post-covid-shg@gmx.de erreichbar.
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