TMega-Bauprojekt: 7 spannende Fakten zur neuen Gaspipeline im Kreis Stade
Steffen Reger, Projektleiter für den Bau der Pipeline ETL 182, steht auf dem Rohrlagerplatz 3 in Deinste. Foto: Richter
Riesige Stahlrohre, Kräne, Lagerplätze von der Elbe bis nach Deinste: Im Landkreis entstehen zwei neue Gaspipelines. Ein Baustellenbesuch zeigt, wie viel Know-how und Arbeit dahinterstecken.
Fakt 1: Es gibt nicht nur im Landkreis Stade, sondern deutschlandweit einen Rohrleitungsbau-Boom.
Die Baubranche schwächelt. Aber der Rohrleitungsbau erlebt in Deutschland einen beispiellosen Boom. Dafür sorgen vor allem zwei Trigger, erklärt Steffen Reger, Projektleiter der Energietransportleitung (kurz: ETL) 182 von Elbe-Süd bis Achim. Erstens: Der russische Krieg gegen die Ukraine, der in Deutschland mit einem Schlag Alarmstufe Rot für die Energieversorgung auslöste.
Nachdem die Quelle im Osten versiegte, mussten Alternativen gefunden werden - und neue Transportlösungen. Vorher floss mehr als die Hälfte des Gases von Ost nach West. Nun änderte sich die Richtung, was Umbauten erforderte. Heute ist Norwegen mit einem Anteil von fast 50 Prozent Deutschlands wichtigster Erdgaslieferant.

Die Karte zeigt die Trasse der Pipeline ETL182 von Elbe-Süd in Richtung Achim bei Bremen durch den Landkreis Stade. Bei Deinste wird die Pipeline ETL 179/200 von Bützfleth an sie angebunden. Foto: Richter
Eine weitere Folge des Kriegs war der schnelle LNG-Ausbau: Die neue 87 Kilometer lange Pipeline ETL 182 soll Gas vom LNG-Terminal Brunsbüttel bis zur Verdichterstation Achim West bei Bremen transportieren. Die kleinere 17,9 Kilometer lange Pipeline ETL 179/200 wird von Bützfleth kommend an die ETL 182 angeschlossen und Gas vom künftigen Stader LNG-Terminal über die Rohrlagerplätze Götzdorf, Stadermoor, Wiepenkathen und Hagen bis Deinste transportieren.

Die orange Linie zeigt die Trasse der Pipeline ETL 179/200, die von Bützfleth nach Deinste führt. Foto: Gasunie
Hinzu kommt die Energiewende als Trigger: Bis 2032 entsteht mit dem Wasserstoff-Kernnetz das größte Wasserstoffnetz Europas. Für den Wasserstofftransport werden Neu- und Umbauten nötig. Oft können auch alte Leitungen weiterverwendet werden. Wie die schon in den 60er/70er Jahren gebaute ETL 45 im Kreis Stade, die noch Erdgas führt, aber ohne Probleme zur Wasserstoffleitung umgewandelt werden kann - und soll.
Fakt 2: Ein Rohr, ein Lkw: Der logistische Aufwand für den Bau einer neuen Gaspipeline ist gigantisch.
Gasunie, ein niederländisches Unternehmen in Staatsbesitz, verbaut in der Pipeline ETL 182 rund 5000 Stahlrohre. Sie bestehen vor allem aus deutschem Stahl. Das Standardrohr ist 18 Meter lang, hat einen Durchmesser von 1,40 Metern und wiegt 12 bis 15 Tonnen. Die Rohre bestehen aus deutschem Stahl und wurden von der Bahngesellschaft EVB mit fünf Zügen pro Woche aus dem Stahlwerk Mülheim/Ruhr nach Stade gebracht. Von dort ging es per Lkw weiter zu den Rohrlagerplätzen: ein Rohr pro Lkw.

Per Seilkran schwebt eines der Rohre für die neue Pipeline ETL 182 über den Lagerplatz 3 in Deinste. Das Rohr ist aus 20 Millimeter dickem Stahl, 18 Meter lang und wiegt 12 Tonnen. Foto: Richter
Fakt 3: Die Rohre werden an die Topografie angepasst und dafür vor Ort zurechtgebogen.
Der Rohrlagerplatz in Deinste ist ein wichtiger Logistikhub für die Pipeline ETL 182: Hier liegen 550 gerade Rohre bereit. Zum Teil müssen diese Rohre an die Topografie der Fläche angepasst werden. Wo das möglich ist, werden die Rohre kalt in einer Biegemaschine unter hohem Druck so geformt, dass sie die topografischen Anforderungen erfüllen. Einige werden heiß gebogen. Das erfordert einen sehr großen Energieeinsatz und geschieht nicht in Deinste.

Biegemeister Bruno Trifone am Stahlrohr, hinter ihm die Biegemaschine. Foto: Richter
Fakt 4: Auf den Baustellen im Kreis Stade arbeiten Hunderte Pipeline-Spezialisten aus aller Welt.
Der Biegemeister auf dem Rohrlagerplatz 3 in Deinste heißt Bruno Trifone. Er kommt aus Italien und bedient die Biegemaschine, in der zwei Kolben mit mehreren 100 Tonnen Kraft Druck auf das Rohr ausüben. Der Bau wird federführend von Gasunie in einer Arbeitsgemeinschaft (ARGE) umgesetzt, zu der die Friedrich Vorwerk Group aus Tostedt, die Firma Bohlen & Doyen aus Wiesmoor und die österreichische Habau Group gehören.
Beim Bau der ETL 182 sind aktuell 182 Mitarbeiter im Einsatz. Zu Spitzenzeiten werden es bis zu 470 sein, erklärt Projektleiter Martin Berghof von der Firma Vorwerk. Heinrich Grave, Projektleiter für die ETL 179/200, hat zurzeit rund 120 Mitarbeiter auf seiner Baustelle. Zu Spitzenzeiten werden es bis zu 250 sein.

In Deinste laufen ihre beiden Pipelines zusammen: Steffen Reger, Projektleiter für die ETL 182 von Elbe-Süd bis Achim, und Heinrich Grave, Projektleiter für die ETL 179/200 von Bützfleth nach Deinste, blicken auf die Baustelle. Foto: Richter
Fakt 5: Eine milliardenschwere Investition - und ab 2045 soll kein fossiles Gas mehr durch die Pipelines fließen.
Das gesamte Projekt soll eine halbe Milliarde Euro kosten. Doch was wird aus den Pipelines, wenn fossile Energie passé ist und kein LNG mehr transportiert wird? „2045 ist es damit vorbei. Das ist Gesetzeslage“, sagt Gasunie-Pressesprecher Dr. Philipp von Bergmann-Korn.
Die Pipelines seien deshalb „H2-Ready“ gebaut, also auch für den Transport von Wasserstoff ausgelegt. Bisher nur Zukunftsmusik, aber prinzipiell möglich wäre auch der Transport von abgeschiedenem CO2 aus deutschen Industriegebieten in Richtung Nordsee, wo es in Speichern unter dem Meer gelagert werden könnte.
Fakt 6: Die Verlegung von 300 Metern Pipeline im Mikrotunnel unter einem Naturschutzgebiet kostet zwei Millionen Euro.
Wo die Rohrleitung im klassischen Offengraben-Verfahren in etwa einem Meter Tiefe verlegt werden kann, entstehen für 100 Meter Leitung Kosten im fünfstelligen Bereich. Doch unter Bauwerken verläuft die Pipeline in mehreren Metern Tiefe - sogar unter Bauwerken, die es noch gar nicht gibt.
Dazu gehören die A26 zwischen Drochtersen und Stade und der geplante Surfpark. Da diese Bauwerke schon planfestgestellt sind, muss die Rohrleitung so verlegt werden, dass die Umsetzung möglich bleibt. Dafür wird ein Mikrotunnel ausgehoben und eine Bohrung gemacht, während der die Pipeline gleichzeitig in einem einzigen Arbeitsschritt in den Boden geschoben wird.

Baugrube zur Bohrung für die Gasunie-Pipeline unter der Steinbeck. Foto: Richter
Das passiert aktuell gerade vor einem idyllischen Wäldchen im Naturschutzgebiet Steinbeck im Schwingetal. Die Presse, die den Bohrkopf hinein- und die Rohrleitung gleich hinterherschiebt, bringt bis zu 520 Tonnen Kraft auf. Die Baugrube, betoniert und mit einer Spundwand versehen, nimmt die Kraft so auf, dass sie in den Boden abgeleitet wird und keine Vibration entsteht, erklärt Jan Busch, der Leiter der Bauüberwachung. Die Rohre werden in der Baugrube verschweißt, so dass immer weiter nachgeschoben werden kann.
Fakt 7: Pipelinebauer sind eine ganz besondere Community.
Wir sehen: Der Pipelinebau steckt voller Herausforderungen. Gerade das reize ihn und seine Kollegen, sagt Projektleiter Steffen Reger: „Jeder, der Pipelines baut, liebt das.“ Pipeliner seien eine Community für sich, bestätigt auch sein Kollege Martin Berghof von Vorwerk: „Danach will man nichts anderes mehr machen.“
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