TMercosur: Was Verbraucher im Landkreis Stade davon haben
Ein Arbeiter in Brasilien hält Acai-Beeren. Bei uns werden die Beeren aus dem Amazonasgebiet oft zu Smoothies verarbeitet. Sie unterstützen den Zellschutz und fördern die Verdauung, heißt es. Foto: Paulo Santos/AP/dpa
Das Handelsabkommen mit Südamerika könnte sinkende Verbraucherpreise bewirken. Viele Unternehmen aus dem Landkreis Stade machen dort bereits Geschäfte.
Landkreis. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay sowie die EU beabsichtigen, Handelsbarrieren abzubauen: Mehr als 90 Prozent aller Zölle sollen in den nächsten Jahren wegfallen für Güter, mit denen diese Länder untereinander handeln. Mercosur-Abkommen mit der EU nennt sich diese Vereinbarung.
Der Begriff Mercosur ist eine Abkürzung und bedeutet ins Deutsche übersetzt: gemeinsamer südamerikanischer Markt. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay haben ihn gegründet. Er ist der fünftgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Seit Juli 2024 gehört auch Bolivien dazu. Bolivien ist aber zunächst nicht Teil des Mercosur-Abkommens mit der EU.
Abkommen könnte sich auf Supermarkt auswirken
Die Handelspartner von der Südhalbkugel scheinen weit entfernt. Wie könnten Verbraucher aus dem Landkreis Stade von dem neuen Freihandelsabkommen profitieren?
Trotz Widerständen
Merz rechnet mit schnellem Start für Mercosur-Freihandel
Da die Südamerikaner in der Vergangenheit vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse in die EU importiert haben, könnte sich das Mercosur-Abkommen langfristig an der Supermarktkasse bemerkbar machen.
Preise für Südfrüchte dürften sinken
Davon jedenfalls zeigt sich der Außenhandelsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Elbe-Weser überzeugt: „Alle landwirtschaftlichen Produkte, die in Südamerika hergestellt werden, sollten in Europa günstiger werden“, sagte Hubert Bühne dem TAGEBLATT.
Da die Mercosur-Länder auf der Südhalbkugel liegen, kämen dann im Winter vorwiegend Produkte nach Europa und in den Landkreis Stade, die hier im Winter gar nicht wachsen. Zum Beispiel Orangen, Mangos oder Weintrauben.
In Europa gefragte spezielle Früchte könnten in größeren Mengen als bisher in den Supermarktregalen im Landkreis Stade auftauchen. Als ein Beispiel nennt Hubert Bühne die Acai-Beere. Die dunkelviolette Beere aus dem Amazonasgebiet wird in Deutschland als sogenanntes Superfood vermarktet.
Dass sich die europäischen Märkte für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Südamerika öffnen, sorgt Landwirte in Deutschland. Sie befürchten, von Billigimporten überrollt zu werden. Vor allem Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Soja würden in großen Mengen den Weg nach Europa finden.

Ein Schild mit der Aufschrift „Stop!!! Mercosur“ ist an einem Traktor in Mecklenburg-Vorpommern befestigt. Foto: Philip Dulian/dpa
Um den europäischen Markt und damit Landwirte auch im Landkreis Stade zu schützen, seien bei einigen Produkten Schutzklauseln in das Abkommen eingefügt worden. Diese sollen verhindern, dass hohe Importe europäische Bauern in Bedrängnis bringen
Mit dem Mercosur-Abkommen sichert sich die EU Zugang zu Rohstoffen: Europa wolle die Rohstoffabhängigkeit von China verringern, sagt die Bundeszentrale für politische Bildung klipp und klar. Es gehe um Lithium und andere seltene Erden, die für Smartphones, Elektromotoren, künstliche Intelligenz und Photovoltaikanlagen notwendig sind.
Handeln Firmen aus dem Landkreis mit Südamerika?
Die EU-Kommission rechnet zudem damit, dass die Exporte europäischer Unternehmen nach Lateinamerika um bis zu 39 Prozent steigen könnten. Könnten auch Unternehmen aus dem Landkreis Stade von dem Mercosur-Abkommen profitieren?
Fünf Unternehmen aus dem Landkreis Stade haben laut IHK im vergangenen Jahr mit Mercosur-Staaten Handel betrieben. Welche das sind, nennt die Kammer nicht - Begründung: Datenschutz. Diese fünf Firmen hätten ein Ursprungszeugnis beantragt - deshalb seien sie bekannt. Geschäfte zu machen, ginge aber auch ohne das. Vermutlich seien es mehr Unternehmen aus dem Landkreis Stade, die auf dem Mercosur-Markt tätig sind, sagt Hubert Bühne.
24-Stunden-Reportage
T Implantcast aus Buxtehude: Knochenarbeit im Wettlauf gegen die Zeit
Chemie- , Pharma- und Automobilzulieferer würden der IHK zufolge von dem Abkommen im hohen Maße profitieren. Das Chemieunternehmen Synthopol in Buxtehude handelt im Mercosur-Raum. „In sehr, sehr überschaubarem Rahmen“, sagt Geschäftsführer Henning Ziemer auf Nachfrage dem TAGEBLATT.
Synthopol produziert Ausgangsstoffe für die Farben- und Lackindustrie. Was das Geschäft mit Südamerika erschwert: „Unsere Produkte sind erklärungsbedürftig“, sagt Hennig Ziemer. Mitarbeiter müssten dorthin fliegen. Grundsätzlich begrüße er das Abkommen.

Blick in die Produktion von Implantcast in Buxtehude. Das Medizintechnikunternehmen exportiert Produkte nach Brasilien, Argentinien und Uruguay. Foto: Richter
Das Medizintechnikunternehmen Implantcast aus Buxtehude macht nach eigenen Angaben Geschäfte mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und einigen assoziierten Staaten wie Chile, Peru und Ecuador.
Das Mercosur-Abkommen mit der EU ist zwar feierlich unterzeichnet - aber noch nicht in Kraft getreten. Das Europäische Parlament hat mit knapper Mehrheit eine Überprüfung durch den Europäischen Gerichtshof beschlossen.
Wie geht es jetzt mit dem Abkommen weiter?
Das Abkommen könnte allerdings trotzdem vorläufig in Kraft treten, sobald der erste Mercosur-Staat den Vertrag ratifiziert hat. Dies wird im März in Paraguay erwartet. Ob sich dann die EU-Kommission für die vorläufige Anwendung des Handelsabkommens entschließt, ist offen.
„Wir erhoffen uns eine verbesserte Wettbewerbssituation, letztendlich mehr Handel, mehr Produktion und mehr Arbeitskräfte“, sagt Implantcast-Chef Jens Saß. „Wir sind sehr traurig über die erneute Unterbrechung.“
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