TMitten in der Krise: Zwei junge Frauen machen sich in Buxtehude selbstständig
Tafelwerk-Inhaberin Maren Fischer (von links) steht mit ihren Nachfolgerinnen Elena Vereschagin und Milena Meyer vor der Keramikwerkstatt in Hoyers Gang - wunderschön in der Altstadt gelegen. Foto: Sulzyc
Die Keramikwerkstatt in der Buxtehuder Altstadt regelt die Nachfolge erfolgreich. Warum sich Elena Vereschagin und Milena Meyer in die Selbstständigkeit trauen.
Buxtehude. Immer mehr Unternehmer geben auf. Das schrieb die Bundeszentrale für politische Bildung im Juni in einem Beitrag mit dem Titel „Gehen Deutschland die Unternehmer aus?“. Weil es sich nicht mehr lohnt oder weil die Inhaber alt werden und sich niemand findet, der den Laden übernimmt.
In Buxtehude dagegen ist in einem Fall die Unternehmensnachfolge gelungen: Die Inhaberin der Keramikwerkstatt Tafelwerk, Maren Fischer (57), hört auf. Ab dem 1. September übernehmen zwei junge Neuunternehmerinnen: Elena Vereschagin und Milena Meyer, beide 28 Jahre alt.
In der Werkstatt bemalen Elena Vereschagin, Milena Meyer und Maren Fischer (von links) Keramikrohlinge. Foto: Sulzyc
Im Jahr 2015 hat Maren Fischer das Tafelwerk gegründet. Mit dem Geschäftsmodell war sie damals Pionierin in Buxtehude: In einer offenen Werkstatt bemalen, glasieren und brennen Kunden Keramik - Teller, Becher, Schalen oder Kerzenständer.
Wichtig dabei: Die Menschen sind in Gesellschaft kreativ tätig, beim Töpfern begehen Frauen Junggesellinnenabschiede, Familien feiern Kindergeburtstage. Geburtstagsfeiern ihrer Kinder seien ein wichtiges Thema bei Eltern, sagt Maren Fischer. Kaum jemand möchte zu Hause feiern. Die Keramikwerkstatt sei eine Antwort darauf.
Töpfern ist im Trend. Immer mehr Menschen besuchen Kurse in modernen Studios, um Gegenstände mit ihren Händen zu erschaffen - ein Ausgleich zum digitalen Alltag. Internetplattformen wie Instagram oder TikTok lenken in Videos die Aufmerksamkeit auf Töpferarbeiten. Am bundesweiten Tag der offenen Töpferei im März beteiligten sich mehr als 500 Betriebe.
Darum hört Maren Fischer auf
Vom Eintritt in den Ruhestand ist Maren Fischer mit 57 Jahren noch weit entfernt. Töpfern ist beliebt wie lange nicht. Warum hört sie ausgerechnet jetzt auf?
Die Antwort ist verblüffend: „Der Boom hat mich gezwungen. Die Arbeit ist so viel geworden“, sagt Maren Fischer. Sie habe niemanden gefunden, um gemeinsam das Tafelwerk weiterzuführen. Zudem hätten stark gestiegene Betriebskosten sie in ihrer Entscheidung bekräftigt. Ihre berufliche Zukunft lässt die gelernte Bankkauffrau offen.
Das steckt hinter dem Namen Keramikdate
Nahtlos geht es in der Keramikwerkstatt weiter. Den Inhaberinnenwechsel bringt ein neuer Name zum Ausdruck: Aus Tafelwerk wird Keramikdate. Unter dem englischen Begriff Date versteht man eine Verabredung, um sich näher kennenzulernen.
Mit dem neuen Namen betont die neue Unternehmensführung einen wichtigen Aspekt des Geschäftsmodells: Menschen sind hier in Gesellschaft kreativ tätig. Zudem lasse sich der Begriff Keramikdate besser im Internet vermarkten, so die Idee.
Alles, was das Tafelwerk so beliebt gemacht hat, bleibt. Neu wird sein, dass die Nachfolgerinnen von Maren Fischer die Keramikwerkstatt in den sozialen Medien vermarkten. „Wir werden zeigen, was im Werkstattalltag passiert“, kündigt Milena Meyer an.
Hier haben sich die Nachfolgerinnen kennengelernt
Elena Vereschagin und Milena Meyer sind Freundinnen. Beide sind in Buxtehude aufgewachsen und zusammen in der damaligen Realschule Nord (heute: IGS Buxtehude) zur Schule gegangen. Elena Vereschagin lebt in Buxtehude, Milena Meyer in Hamburg.

Elena Vereschagin (links) und Milena Meyer zeigen ihre Lieblingsarbeiten aus dem Tafelwerk. Sie werden die Keramikwerkstatt übernehmen. „Keramikdate“ wird der neue Name des Unternehmens sein. Foto: Sulzyc
Das Töpferhandwerk haben Elena Vereschagin und Milena Meyer im Tafelwerk gelernt. Schöpferisches Arbeiten mit den eigenen Händen erlebt zwar zurzeit einen Boom. Mut beweisen die beiden Neuunternehmerinnen dennoch.
Beide geben jeweils ihre sicheren Beschäftigungsverhältnisse in nachgefragten Berufen auf. Elena Vereschagin ist zahnmedizinische Fachangestellte, Milena Meyer Sozialpädagogin.

Milena Meyer glasiert einen Teller. Damit erhält die Keramik eine feine, schützende Schicht. Foto: Sulzyc
Deutschland steckt in der längsten wirtschaftlichen Schwächephase seit 1949. Menschen machen sich immer mehr Sorgen, ob sie Wohnen, Gesundheitsversorgung, Rentenvorsorge und Energiepreise noch bezahlen können.
Keine Angst vor der Wirtschaftskrise?
Ausgerechnet in dieser Krisenatmosphäre machen sich die beiden Frauen selbstständig. Keine Furcht vor einem möglichen Scheitern? „Wir übernehmen ein seit Jahren bestehendes Unternehmen. Das gibt mir Sicherheit“, sagt Elena Vereschagin.
Das Unternehmerwesen bereits verinnerlicht hat Milena Meyer: „Ich habe Lust, das zu machen, dazuzulernen und zu wachsen.“ Wie lange solle sie warten, bis es endlich wieder gut wird, fragt sie. Und schiebt die Antwort hinterher: „Wir sind nur einmal 28 Jahre alt. Wir glauben an unseren Erfolg.“
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.