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Mutter-Kind-Haus

TNach Schüssen in Stade: „Fortführen, was meine Mutter aufgebaut hat“

Kiara Lindner, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Stethu.

Kiara Lindner, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Stethu. Foto: Richter

Nach dem 29. Juni schien es zuerst undenkbar. Doch jetzt wurde die Mutter-Kind-Einrichtung in Stade wieder eröffnet - mit einem symbolischen Akt der Hoffnung und Heilung.

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Von Anping Richter
19.10.2026, 19:55 Uhr

Stade. Fast vier Monate sind vergangen, seit in einer Mutter-Kind-Einrichtung der Stehu-GmbH sechs Jugendhilfe-Mitarbeiter erschossen wurden. Zu den Opfern gehörten drei Stethu-Mitarbeiter - auch die 55-jährige Gründerin Ilka Lindner. Kiara Lindner, ihre Tochter, hat am Montag mit Landrat Kai Seefried ein rotes Band an der Tür durchschnitten und die Einrichtung in der Dankersstraße 29 wieder eröffnet.

21-Jährige tritt in Fußstapfen der Mutter

Es ist kein Festakt. Doch das gemeinsame Durchschneiden des Bands hat tiefe Bedeutung: Hoffnung, Heilung, Solidarität. „Als ich die ersten ein, zwei Male nach der Tat hier angekommen bin, war auch für mich der Gedanke sehr fern, hier wieder anzufangen“, sagt Kiara Lindner. Der 29. Juni war ein tragisches Ereignis, mit dem das Haus verbunden bleibe. Das solle auch nicht verdrängt werden.

Die 21-jährige Kiara Lindner hatte schon vorher in der Einrichtung gearbeitet. Sie studiert Soziale Arbeit und wollte beruflich in die Fußstapfen ihrer Mutter treten - eines Tages. Nach der Tat war plötzlich alles anders: „Aber je öfter ich hierhergekommen bin, desto leichter ist es mir gefallen, auch positive, wundervolle Momente mit diesem Ort zu verbinden. Da war für mich auch klar: Ich möchte das, was meine Mutter hier aufgebaut hat, fortführen, weil ich weiß, wie viel Kraft und Liebe sie in diesen Ort und in diese Arbeit investiert hat.“

Mit Kiara Lindner suchten auch die anderen Mitarbeitenden der Stethu nach einer Antwort auf die Frage: Wie kann es weitergehen? „Uns war sehr schnell klar: Diese schreckliche Tat darf nicht das letzte Kapitel in der Mutter-Kind-Einrichtung sein. Unsere Haltung ist: Jetzt erst recht“, sagt Vanessa Stabel, die jetzt eine der zwei pädagogischen Leitungen ist. Kein einziger Kollege habe gekündigt.

Schutzengel für Kinder und Jugendliche

Landrat Kai Seefried sagt, er sei voller Hochachtung für den Zusammenhalt und das Miteinander des Stethu-Teams. „An diesem Tag richtet sich mein Blick natürlich auf den 29. Juni. Wir wollen immer wieder deutlich machen, dass die Opfer und ihre Angehörigen nicht alleine sind“, sagt Seefried. Bevor er mit ihr das rote Band durchschneidet, übergibt er eine kleine Schutzengel-Figur an Kiara Lindner: „Ihr seid Schutzengel für andere. Möge dieser hier euch alle bei eurer Arbeit immer beschützen.“

Geste von großer Bedeutung: Kai Seefried und Kiara Lindner schneiden zur Wiedereröffnung der Mutter-Kind-Einrichtung der Stethu ein Band durch.

Geste von großer Bedeutung: Kai Seefried und Kiara Lindner schneiden zur Wiedereröffnung der Mutter-Kind-Einrichtung der Stethu ein Band durch. Foto: Richter

Zur Stethu gehören, neben dem Mutter-Kind-Haus in der Dankersstraße, das Rund-um-die Uhr-Betreuung bietet, auch eine Einrichtung mit Teilzeitbetreuung und ein Kinderschutzhaus für Inobhutnahmen im Stader Raum. Die 21-jährige Kiara Lindner, die ihr Studium der Sozialen Arbeit fortführen will, ist jetzt Alleingesellschafterin der Stethu GmbH. Sie hat sich aber sehr schnell einen erfahrenen Unterstützer an ihre Seite geholt: Heiner Böckmann, der aktuell gemeinsam mit ihr die Geschäfte führt.

Die Hürden des Neuanfangs

Böckmann ist ein alter Bekannter ihrer Mutter. Sie kannten sich über den VPK (Landesverband privater Träger der Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe), dessen Vorsitzende Ilka Lindner viele Jahre war. Schon im Juli war Böckmann und dem 15-köpfigen Stethu-Team klar: Die Angebote der beiden anderen Stethu-Einrichtungen sollten aufrechterhalten bleiben. Das vollstationäre Angebot in der Dankersstraße wollten sie neu aufstellen. Das war nicht leicht.

Blick in ein Wohn- und Aufenthaltszimmer im wiedereröffneten Mutter-Kind-Heim in der Dankersstraße.

Blick in ein Wohn- und Aufenthaltszimmer im wiedereröffneten Mutter-Kind-Heim in der Dankersstraße. Foto: Christian Charisius/dpa

„Für so einen Fall gibt es keine Absicherung“, sagt Böckmann. Durch die Schließung der vollstationären Einrichtung fehlten Einnahmen. Doch es gab finanzielle Reserven, die Kiara Lindner einsetzte, um weiterzumachen. „Und der Landkreis Stade hat zu uns gehalten, indem er uns weiter Klienten geschickt hat“, sagt Böckmann. Um das Personal abzusichern, konnten Kollegen in den anderen Einrichtungen untergebracht werden.

Das Haus in der Dankersstraße weiterzuführen, war nicht nur eine emotionale Entscheidung. „Das Haus ist auf unser sozialpädagogisches Konzept ausgerichtet“, sagt Kiara Lindner. An einem anderen Ort wäre ein aufwendiges neues Genehmigungsverfahren nötig gewesen. Und nicht zuletzt bräuchten die Jugendämter die Plätze für Mütter mit Kindern dringend.

Wichtig sei gewesen, die Mitarbeiter zu fragen, was sie brauchen, um sich gut und sicher zu fühlen. „Wir haben viele Gespräche geführt. Im Endeffekt sind wir dann alle zusammen Schritt für Schritt diesen Weg gegangen“, sagt Kiara Lindner. Die vier Monate nutzen sie, um das Haus organisatorisch und personell weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch das Schutzkonzept, über das aus Sicherheitgründen keine Details genannt wurden. Das Team wurde und wird weiterhin therapeutisch unterstützt.

Ein Raum bleibt geschlossen

Kiara Lindner und ihr Team, aber auch Freunde und Angehörige packten auch beim Renovieren mit an. Das habe ihnen ein gutes Gefühl gegeben, sagt Vanessa Stabel. Nur ein Raum im ersten Stock wird für immer geschlossen und ungenutzt bleiben: Der, in dem sich die Tat am 29. Juni ereignete.

Schon am Dienstag wird die erste Mutter mit ihrem Kind wieder in das Haus der Stethu einziehen.

Schon am Dienstag wird die erste Mutter mit ihrem Kind wieder in das Haus der Stethu einziehen. Foto: Richter

Wie kann die Erinnerung an eine solche Tragödie erhalten werden und auch die Lehre daraus? Diese Frage stellten sich das Stethu-Team und Kai Seefried. Ihre Antwort: Durch die Gründung einer Stiftung mit Ilka Lindners Namen. Sie soll ihre Idee des Schutzes von Kindern und Jugendlichen weitertragen. Der Landrat wird Schirmherr, und der Gründungstag steht schon fest: der 29. Juni 2027.

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