TOberschule Stade: Warum fehlen hier mehr Lehrer als anderswo?
Wollen mit ihrer Schule aus der Negativliste rauskommen: Oberschulleiter Alexander Eßer und sein Stellvertreter David Ochmann. Foto: Stehr
Die Stader Oberschule steht in puncto Unterrichtsversorgung weit oben auf der Negativliste. Warum ist das so und welche Folgen hat das? Schulleitung und Elternrat geben Antworten.
Stade. Mit 74 Millionen Euro ist der Bildungscampus in Stades neuestem Stadtteil Riensförde das größte Investitionsprojekt der Hansestadt aller Zeiten. Ein Teil davon ist die 2023 eröffnete Oberschule. Trotz des großzügig gestalteten Neubaus und des modernen Unterrichtskonzepts ist der Lehrermangel hier eklatant - oder vielleicht gerade deswegen?
Lieber erstmal an einer bekannten Schule arbeiten
Lehrkräfte zu finden, die gerade mit ihrem Referendariat fertig sind, sei besonders schwer, sagt Schulleiter Alexander Eßer. Viele wünschten sich erstmal Sicherheit an einer bekannten Schule, anstatt an der Oberschule mit ihrem etwas anderen Konzept anzufangen.
Nach dem Vorbild der Alemannenschule Wutöschingen in Baden-Württemberg und der Siebengebirgsschule in Bonn will die Oberschule Riensförde weg vom klassischen Frontalunterricht und hin zum selbstständigen, begleitenden Lernen.
Wer an der Oberschule anfange, könne aktiv am Konzept mitarbeiten und gestalten. Das könnte abschreckend auf unerfahrene Kollegen wirken, sagt Alexander Eßer. Entsprechende Rückmeldungen habe er schon öfter bekommen.
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Zum neuen Schuljahr konnten immerhin zwei neue Stellen besetzt werden, davon eine Referendarin, sagt Alexander Eßer. Das reicht aber bei weitem nicht.
Zum Stichtag 28. August 2025 lag der Wert für die Unterrichtsversorgung an der Oberschule bei nur 72,4 Prozent. Die Schule behält damit ihren zweiten Platz auf der Negativliste im Landkreis Stade und hat sich gegenüber dem Vorjahr sogar leicht verschlechtert.
Nur die Hauptschule Thuner Straße - die sich ebenfalls im Bildungscampus Riensförde befindet - steht mit einer Unterrichtsversorgung von 69,9 Prozent noch schlechter da. Zum Vergleich: Der schulformübergreifende Wert für den Landkreis Stade liegt bei 91,1 Prozent. Landesweit beträgt die Unterrichtsversorgung 97,2 Prozent.

An der Oberschule Stade unterrichten derzeit 19 Stamm-Lehrkräfte und 28 abgeordnete Lehrkräfte von anderen Schulen. Foto: Alexandra Bisping
Die 361 Fünft- bis Siebtklässler werden aktuell von 19 Stamm-Lehrkräften unterrichtet. Dazu kommen 28 Lehrkräfte von anderen Schulen mit besserer Unterrichtsversorgung wie der Halepaghen-Schule Buxtehude oder dem Vincent-Lübeck-Gymnasium Stade. Manche der abgeordneten Lehrkräfte sind sechs Stunden in der Woche in Riensförde und pendeln teilweise hin und her. Andere unterrichten in Vollzeit an der Oberschule.
Eine große Herausforderung für alle
„Das Erstellen des Stundenplans ist nicht die einzige Herausforderung“, sagt Alexander Eßer. Schulfremde Lehrkräfte müssten sich an neue Schüler und Abläufe, zum Beispiel den 80-minütigen Unterrichtsrhythmus gewöhnen. Schüler müssten sich auf wechselnde Bezugspersonen einstellen. Die krasseste Auswirkung des Lehrermangels zeige sich beim Sportunterricht.
Pro Klasse pro Halbjahr fallen sieben Wochen aus. Der Mathe- und Deutschunterricht in allen fünften Klassen findet parallel statt. Wenn eine Lehrkraft ausfalle, könne das Team, zu dem auch pädagogische Mitarbeiter und Förderschullehrer gehören, das meistens auffangen. Der Physik- und der Biologieunterricht im Jahrgang fünf wurden zusammengefasst.
Ab dem kommenden Halbjahr sollen die Schüler zudem ins selbstregulierte Lernen starten. In den ersten 40 Minuten setze dann ein Fachlehrer Impulse, in den nächsten 40 Minuten arbeiten die Schüler mit Unterstützung von fachfremden Lehrern oder pädagogischen Mitarbeitern an ihren Arbeitsaufträgen.
Um die Ausfälle insgesamt gering zu halten, sei viel Kreativität gefragt, sagt Alexander Eßer. Die Kolleginnen und Kollegen gingen dabei teilweise über ihre Belastungsgrenzen hinaus.
Eltern: Lehrer haben immer ein offenes Ohr
Jessica Burmester vom Schulelternrat bedauert, dass die Klassen aufgrund des Lehrermangels teilweise etwas voll seien. Die Stundenpläne seien oft lückenhaft, sodass zum Beispiel der Unterricht erst später beginne und dafür an anderen Tagen länger dauere. Dass einige Fächer nur noch wenig bis gar nicht unterrichtet werden, sei sehr schade.
„Die Lehrer geben sich aber große Mühe und haben immer ein offenes Ohr für die Kinder. Die Schule steht für Vielfalt. Dass sie eröffnet wurde, ist ein Segen“, sagt Jessica Burmester.

Die Oberschule ist auf dem neuen Bildungscampus Riensförde beheimatet. Foto: Archiv
Wie sich die Schülerzahlen an der Oberschule entwickeln, lasse sich nicht vorhersagen, teilte Annette Müller-Borghardt, Leiterin des Fachbereichs Bildung und Soziales, kürzlich im Schulausschuss mit. Problematisch sei aber der anhaltend hohe Zulauf an Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf.
Ihr Anteil liegt an der Oberschule bei fast 30 Prozent. Weil diese Kinder bei der Klassenbildung doppelt zählen, sei der siebte Jahrgang jetzt sechszügig. Ausgelegt ist die Oberschule nur für eine Fünfzügigkeit, also fünf Parallelklassen pro Jahrgang..
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