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Spendenkampagne

TOldendorferin schützte ihren Diensthund - seitdem kämpft sie ums Leben

An manchen Tagen geht es Tanja Eweleit gut, an vielen anderen legen sie die Symptome flach. Foto: Privat

Sie drückte eine defekte Klappe weg, um ihren Hund zu schützen. Seitdem kann Tanja Eweleit kaum Zähne putzen. Ihre Hoffnung liegt in den USA - und in Spenden. Aber die Zeit drängt.

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Von Lars Wertgen
Samstag, 14.03.2026, 17:50 Uhr

Oldendorf. Der 3. Oktober 2024, der Tag der Deutschen Einheit, wird für Tanja Eweleit aus Oldendorf der Tag sein, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach teilt. Sie lädt ihren Diensthund in das Auto, als die elektrische Heckklappe eine Fehlfunktion hat, herunterfährt und ihren Hinterkopf trifft.

Der Einklemmschutz versagt. Die Klappe übt weiter Druck aus. In Sekundenbruchteilen trifft Eweleit eine Entscheidung: „Ich habe instinktiv gegengedrückt, um den Hund vor dem Einklemmen zu schützen“, sagt die 37-Jährige. Sie sichert erst den Hund, dann befreit sie sich. Im ersten Moment denkt sie, dass sie Glück gehabt hat. Sie irrt sich.

Nichts ist, wie es war

Bereits am nächsten Tag ist sie benommen und extrem lichtempfindlich. Mit jedem Tag kommen neue Symptome hinzu: Muskelzucken, Sehstörungen, Schwankschwindel. „Es war, als hätte ich K.-o.-Tropfen genommen“, so Eweleit.

Dazu kommen brennende Schmerzen, die in den linken Arm ziehen, und ein Herz, das aus dem Takt gerät. Der Blutdruck liegt selbst im Liegen manchmal bei 170, weil der Vagusnerv - der Körperfunktionen wie Herzschlag und Atmung steuert - durch die Instabilität dauerhaft eingeengt wird.

Eine Halskrause ist für Tanja Eweleit ein ständiger Begleiter geworden.

Eine Halskrause ist für Tanja Eweleit ein ständiger Begleiter geworden. Foto: Wertgen

Physiotherapeutin: Irgendwas stimmt nicht

Ein erstes MRT vom Kopf zeigt keine Auffälligkeiten. Ihre Physiotherapeutin will sie aber kaum anfassen. „Sie hat mir gesagt, dass sich meine Halswirbelsäule nicht richtig anfühlt und sie nicht mehr kaputt machen möchte“, erinnert sich Eweleit.

Also fährt Eweleit nach Hamburg und macht ein sogenanntes Upright-MRT - eine Kernspintomographie, bei der die Patientin sitzt statt liegt und die so belastungsabhängige Beschwerden erfassen kann, die im liegenden MRT unsichtbar bleiben.

Besonders tückisch: Genau diese Unsichtbarkeit hatte dazu geführt, dass ihr unmittelbar nach dem Unfall nahegelegt wurde, sie leide wohl an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Symptome seien psychosomatisch.

Für Eweleit sind Beatmungen, Infusionen und Spritzen Alltag geworden.

Für Eweleit sind Beatmungen, Infusionen und Spritzen Alltag geworden. Foto: Privat

Der Schmerz bekommt einen Namen

Das Upright-MRT räumt jeden Zweifel aus. Der erste Verdacht lautet: Genickbruch. Erst ein zweites MRT vom Hals präzisiert die wahre Diagnose: Der Unfall hat bei Tanja Eweleit unter anderem kraniozervikale Instabilität (CCI) und atlantoaxiale Instabilität (AAI) verursacht.

Die tragenden Bänder können Schädel und Halswirbel nicht mehr ausreichend halten. Dabei schützen diese Strukturen normalerweise den empfindlichsten Bereich des Körpers - dort, wo das Rückenmark in das Gehirn übergeht.

Schon kleinste Kopfbewegungen reizen Hirnstamm, Rückenmark und Blutgefäße, das Gehirn wird nicht mehr ausreichend versorgt, Stoffwechselprodukte stauen sich.

Die Folgen betreffen den gesamten Körper: Schwindel, Sehstörungen, Herzrhythmusstörungen, Konzentrationsstörungen, Verdauungsstörungen, Erschöpfung bis hin zu vegetativen Zusammenbrüchen - und das ist nur ein Teil dessen, womit Eweleit täglich kämpft.

Zweiter Nackenschlag

Mit dem Befund geht sie zurück zu ihrem Arzt. Seine Worte treffen sie wie ein Nackenschlag. „Er sagte, dass wir jetzt halt gucken müssen, wie wir mir den Rest des Lebens noch so angenehm wie möglich gestalten“, erinnert sich Eweleit.

Sie fühlt sich von der Medizin alleingelassen und beginnt, selbst zu recherchieren. Was sie in dieser Zeit über Wasser hält, sind familiäre Kontakte - über die sie Zugang zu osteopathischer Behandlung bekommt.

Irgendwann führt die Suche sie schließlich zu einem der wenigen Spezialisten in Deutschland: einem Arzt in Bad Schwartau, der auf CCI spezialisiert ist und ihr im Rahmen der hierzulande erlaubten Möglichkeiten hilft.

Diese Krankheit bringt mich nicht um - aber sie nimmt mir das Leben.

Tanja Eweleit

Was sie vermisst

Früher ist Eweleit dreimal pro Woche zehn Kilometer gejoggt. Multitasking war früher ihre Stärke: Sie kochte, stellte gleichzeitig die Waschmaschine an, räumte die Spülmaschine aus und half dem elfjährigen Sohn mit den Hausaufgaben.

Heute muss sie sich zwischen einzelnen Tätigkeiten pro Tag entscheiden - und selbst das ist nicht immer möglich. Gassi gehen und Training mit ihren Hunden, früher selbstverständlich, ist zur Ausnahme geworden.

„Zähne putzen wirft mich aus der Bahn“, sagt sie. „Meine Haare sind mir heilig - aber ich habe überlegt, sie abzurasieren“, weil Haare waschen zur Tortur geworden ist.

Tanja Eweleit vermisst das Training und die Ausflüge mit ihren Hunden.

Tanja Eweleit vermisst das Training und die Ausflüge mit ihren Hunden. Foto: Privat

Kinder, die über sich hinauswachsen

Die Liste dessen, was sie verpasst, ist lang. Kino mit der 16-jährigen Tochter - unmöglich. Das Handballspiel ihres Sohnes - kaum aushaltbar wegen der schnellen visuellen Reize. Kuscheln mit ihrem Mann Dominique war lange nicht möglich. „Es fühlte sich an, als würde ein Laster über meinen Arm fahren“, sagt sie über zärtliche Berührungen.

Sie war immer die starke Mutter - die, die alles im Griff hatte. Nun mussten beide Kinder schneller selbstständig werden als andere in ihrem Alter. Beide haben das mit einer Reife bewältigt, die ihre Eltern täglich staunen lässt. Und ihr Mann ist der Pol, der die Familie zusammenhält - derjenige, der funktioniert, wenn Tanja Eweleit es nicht kann.

Familie und Freunde sind es, die in den düstersten Momenten Licht bringen. Die Dunkelheit, die diese Erkrankung mit sich bringt, kennt sie trotzdem. Dass manche Betroffene irgendwann keinen anderen Ausweg mehr sehen, weiß sie. Sie selbst denkt nicht daran. Sie will kämpfen.

Vor dem Unfall ist Eweleit häufig laufen gewesen - heute unmöglich.

Vor dem Unfall ist Eweleit häufig laufen gewesen - heute unmöglich. Foto: Privat

Nervensystem massiv geschädigt

Seit Oktober 2025 bekommt Eweleit endlich regelmäßig Nährstoffinfusionen und Sauerstofftherapie. Beides ist entscheidend: Durch die Einengung an der Halswirbelsäule hatte sich bei ihr eine Mitochondriopathie entwickelt - die Zellkraftwerke des Körpers arbeiteten kaum noch, die körpereigene Energieproduktion war fast vollständig eingestellt.

Ohne ausreichend Nährstoffe und Sauerstoff, die das geschädigte Nervensystem nicht mehr zuverlässig transportieren kann, kommt oben schlicht nichts mehr an. Zwischen Weihnachten und Neujahr konnte sie zum ersten Mal sagen: Es wird besser.

Aktuelle Therapie: teuer und nur temporär

Im Januar begann sie mit der Prolotherapie - einer Behandlung, bei der eine Glukoselösung in die noch intakten Bänder am unteren Schädel gespritzt wird, um dort zusätzliche Stabilität zu schaffen. 55 Injektionen über fünf Wochen, elf pro Sitzung. Die defekten Bänder selbst, die zwischen Schädel und erstem Halswirbel liegen, lassen sich von außen nicht erreichen - eine dauerhafte Lösung ist die Behandlung deshalb nicht.

Nicht im Leistungskatalog

Die Spritzen, die Sauerstofftherapie, die Arztbesuche - bis Dezember 2025 hat die Familie mehr als 17.000 Euro aus eigener Tasche bezahlt. Finanziell wird es kritisch. Die Familie verkauft Möbel, leiht sich Geld.

Dabei handelt es sich um einen Dienstunfall. Doch das macht die Kostenübernahme nicht einfacher. Die Rechnungen werden zunächst übernommen, dann häufiger abgelehnt - zum Beispiel, weil ein Arzt eine Diagnose geringfügig anders formuliert hatte als sein Vorgänger oder Beschwerden als nicht anerkanntes Krankheitsbild gewertet wurden.

Der Grund dafür liegt im System: CCI ist in Deutschland zu wenig erforscht und in den Erstattungssystemen von Unfallfürsorge, Beihilfe und Krankenkasse nicht als anerkanntes Krankheitsbild verankert. Therapien wie Prolotherapie oder Stammzellenbehandlungen gelten hierzulande als experimentell.

Ein Fall für den Tatort

Selbst der Fernsehkrimi „Tatort“ hat das Thema schon aufgegriffen. In der Folge „Querschläger“ (2019) hatte eine Tochter eine Halswirbelsäuleninstabilität, die Kasse übernahm nicht - und der Vater versuchte, kriminell Geld zu beschaffen.

Was im Krimi Extremfall war, ist im echten Leben Alltag. Die kriminelle Abkürzung nimmt niemand. Aber die Verzweiflung kennen viele. „Man hat kaum Zeit zu genesen, weil man ständig mit der Kostenfrage beschäftigt ist“, so Eweleit.

Die Hoffnung liegt in Denver

Der Arzt in Bad Schwartau hat in seinem Bericht klar festgehalten, was als nächster Schritt notwendig wäre - und auf einen Spezialisten verwiesen, den Eweleit durch eigene Recherche längst kannte: Dr. Christopher J. Centeno aus Denver, Colorado.

Im vergangenen Oktober schickte sie ihre Aufnahmen dorthin. Centeno nahm den Fall an und führte einen Telemedizin-Termin durch. Eine Stammzellbehandlung ist notwendig, legt er sich fest.

Und die Zeit drängt: Bei einer unfallbedingten CCI sind die Heilungschancen innerhalb der ersten 18 Monate nach dem Unfall am höchsten - für Tanja Eweleit wäre das bis April 2026.

Bis zu 80 Prozent Erfolgsquote

In den USA würden morgens Stammzellen aus Eweleits Hüfte entnommen, im Labor zu einer Injektionslösung verarbeitet und direkt durch den Rachen an die defekten Bänder injiziert - der einzige anatomische Zugang zu dieser Stelle.

Für die Diagnose vor Ort setzt Centeno zudem auf die DMX-Bildgebung, ein Röntgenverfahren, das Bewegungen als Video aufzeichnet und mehr zeigt als die Schichtbilder deutscher MRTs. Die Erfolgsquote gibt der Arzt mit 50 bis 80 Prozent an.

QR-Code zur GoFundMe-Kampagne von Tanja Eweleit.

QR-Code zur GoFundMe-Kampagne von Tanja Eweleit. Foto: GoFundMe

USA wollen Sicherheiten

Die Kosten kann sich die Familie nicht leisten. Dominique Eweleit startet daher eine GoFundMe-Kampagne und setzt 85.000 Euro an. Sie werden wahrscheinlich mehr brauchen. Bislang sind fast 16.000 Euro zusammengekommen.

Hinzu kommt: Wer für eine medizinische Behandlung in die USA einreist, muss für das Visum nicht nur nachweisen, dass man sich die Behandlungskosten leisten kann, sondern darüber hinaus auch einen zusätzlichen finanziellen Puffer.

„Ich bin eigentlich immer die Erste, die anderen hilft“

Ihr Ehemann forcierte die Kampagne. Sie zögerte. „Ich habe den ganzen Tag geheult“, erinnert sie sich. Nicht aus Scham - sondern weil der Schritt, öffentlich um Hilfe zu bitten, so weit weg war von dem, was sie bisher von sich kannte. „Es ist schrecklich, sich so verletzlich zeigen zu müssen“, sagt sie. „Ich bin eigentlich immer die Erste, die anderen hilft.“

Jetzt ist sie diejenige, die auf andere angewiesen ist. Was das bedeutet, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Es steckt in jedem nicht gegangenen Spaziergang, in jeder Berührung, die wehtut, in jedem Moment, den die Kinder ohne ihre Mutter bewältigen müssen.

Tanja Eweleit will alles daran setzen, das zu ändern. Noch muss sie sagen: „Diese Krankheit bringt mich nicht um - aber sie nimmt mir das Leben.“

GoFundMe-Kampagne

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