TPreisträger: Warum die Goldmarie so gut zu Amadeus Schwone passt
Stolz: Amadeus Schwone mit der Goldmarie, dem queeren Preis für Fleiß. Foto: Richter
Seit 2014 vergibt das Queere Netzwerk Niedersachsen jedes Jahr die „Goldmarie“, den queeren Preis für Fleiß. Diesmal geht sie an den Stader Amadeus Schwone. Ein Porträt.
Stade. Die Goldmarie aus dem Märchen tut Dinge, weil jemand sie tun muss: Sie holt das Brot aus dem Ofen und die reifen Äpfel vom Baum und schüttelt das Bettzeug von Frau Holle so lange, bis es schneit. Zu Amadeus Schwone passt das sehr gut. Er ist keine Märchenfigur - aber er macht Träume wahr.
Eine queere Parade in Stade
„Wir stehen hier heute für alle Minderheiten, die nicht frei und sicher leben können“, sagt Schwone am 25. Juni 2022 auf der Bühne. Es ist der zweite Christopher Street Day (CSD) in Stade. Eigentlich der erste richtige CSD, denn 2019, vor Corona, gab es nur einen Infostand. Diesmal ist es eine Pride-Parade mit 200 Menschen. Überall wehen Regenbogenfahnen.

200 Menschen im Zeichen des Regenbogens beim CSD 2022. Foto: Knappe
Der CSD in Stade war sein Traum: 2020 stießen Amadeus Schwone und sein Freund Patrick Tiedemann zur Arbeitsgemeinschaft SPDqueer, die sich schon beim ersten CSD-Infostand engagiert hatte. „Uns ist schnell aufgefallen, dass es wichtig ist, etwas parteilich nicht Gebundenes zu organisieren, damit sich möglichst viele angesprochen fühlen“, sagt er. Und so kam es. Zuletzt, im Juni 2025, waren beim CSD in Stade 750 Menschen dabei.
„Seit 2021 liegt ein Block neben meinem Bett. Da notiere ich meine Träume“, sagt der heute 37-jährige Amadeus Schwone. In den Block hat er auch den Namen für den Verein geschrieben, den er gründete und dessen Vorsitzender er bis heute ist: Quest. Das steht für das englische „Suche“ - und für Queeres Stade.
Quest ist der erste queere Verein in Stade - „soweit ich weiß, der erste und einzige im Elbe-Weser-Dreieck“, sagt er. Für die queere Community und ihre Fürsprecher, auch Allies* genannt, wolle Quest ein sicherer Hafen sein.
Heute hat der Verein 23 Mitglieder und noch viel mehr Mitstreiter. Zum queeren Stammtisch „Quasselbunt“ kommen eigentlich immer 15 bis 20. Sie treffen sich an jedem ersten Mittwoch im Monat im Havenbüro auf dem Ankerplatz.
Der Ankerplatz als Safer Space
„Die Queer-Community hat den Ankerplatz von Anfang an als Safer Space gesehen“, sagt Schwone. Beim ersten Turnier in Kleinfußballfeldern auf dem Platz trat eine queere Mannschaft an. „Das war toll. Wir waren von Anfang an mittendrin“, schwärmt Schwone.
„Für uns war es toll, dass Menschen wie Amadeus kamen, die etwas bewirken wollen und andere mitziehen“, sagt Wiebke Wilkens vom Ankerplatz-Verein. Auch dann, wenn es nicht so glatt läuft - wie beim gemeinsam organisierten Christopher Street Day 2023: Es regnete in Strömen.
„All die Arbeit mit den Vorbereitungen - und dann das. Die Bühne war auch nicht pünktlich da“, erinnert sich Schwone. Doch am Ende sagte eine Teilnehmerin zu ihm: „Danke, dass ich heute mal sein konnte, wie ich bin.“
„Bei so etwas wird einem warm ums Herz“, sagt Patrick Tiedemann. Bei ihm ist Schwone, wie er selbst sagt, „seit neun Jahren in festen Händen“. Im Vorstand von Quest steht Tiedemann als Kassenwart an seiner Seite.
Schwarzer Gürtel im Judo
Der Sport ist ein weiteres von Schwones ehrenamtlichen Steckenpferden. Das liegt in der Familie: Seine Eltern hatten eine Judoschule. Er selbst hat den schwarzen Gürtel, eine Trainer B-Lizenz für Selbstverteidigung und eine C-Lizenz für Breitensport.
„Dieses Jahr will ich Selbstverteidigungskurse für die Queer-Community und Allies* anbieten“, kündigt er an. Bei der Sportjugend des Kreissportbunds Rotenburg ist er queere Vertrauens- und Ansprechperson und in der Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen aktiv.
Amadeus Schwone war noch sehr jung, als er in seiner Familie eine schwere Krankheit miterlebte. „Vielleicht wollte ich deshalb schon als Kind Arzt werden.“ Heute ist er Krankenpfleger - und studiert Medizin.
Ein überzeugter Stader Waldorfschüler
In der Grundschule in Oldendorf wurde Schwone gemobbt. Seine Rettung waren einfühlsame Eltern und ein Wechsel zur Waldorfschule in Stade. Dort gefiel es ihm: „Die haben mir das Gefühl gegeben, dass ich sein darf, wie ich will.“
Dass er queer war, merkte er erst später: „Als ich im Zivildienst am Elbe Klinikum mit Kollegen auf dem Kiez war und dort das erste Mal mit Jungs getanzt habe.“ Mit Beginn seiner Ausbildung zog er nach Hamburg, kam mit der jungen Schwulenszene in Kontakt, hatte den ersten festen Freund.
Das Coming-out: Wie Harry Potter
„Ich fühlte mich wie Harry Potter, der aus dem Kämmerchen unter der Treppe nach Hogwarts kommt, unter seinesgleichen“, sagt Amadeus Schwone. Das Bild steht für sein damaliges Gefühl. Heute distanziert er sich von transfeindlichen Aussagen der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling: „Ich positioniere mich solidarisch an der Seite von trans Menschen“, sagt er. Als weißer, cis-homosexueller** Mann werde er nicht so angefeindet wie diese. Er wisse um dieses Privileg - auch, wenn er noch nicht gleichgestellt sei mit Heteros.
„Weniger Privilegierten zu helfen, ist eine Verantwortung“, sagt Amadeus Schwone. Die Goldmarie, mit der ihn das Queere Netzwerk Niedersachsen ausgezeichnet hat, soll ein Dank dafür sein, dass er diese Verantwortung lebt.

Bei der Preisverleihung (von links): Lisa Allers, Patrick Tiedemann und Preisträger Amadeus Schwone von Quest in Stade mit Sophie Koch, der Queerbeauftragten der Bundesregierung. Foto: Quest
* Allies (aus dem Englischen, Einzahl: Ally) sind Menschen, die nicht selbst zu einer marginalisierten Gruppe gehören, diese aber unterstützen.
** Die Bezeichnung „cis“ wird verwendet, wenn sich eine Person mit ihrem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifiziert.

Die Stader CSD-Parade 2024: Organisator Amadeus Schwone (Zweiter von rechts) gehört zu den Bannerträgern. Foto: Thomas Sulzyc
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