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Interview

TPubertät und Vaterrolle: Warum Jan Weiler in der Jugend zu wenig geknutscht hat

Abschied vom Pubertier: Jan Weiler ist mit seinem aktuellen Buch „Das Beste! Mein Leben unter Pubertieren“ auf Lesereise und gastiert in der Stader Seminarturnhalle.

Abschied vom Pubertier: Jan Weiler ist mit seinem aktuellen Buch „Das Beste! Mein Leben unter Pubertieren“ auf Lesereise und gastiert in der Stader Seminarturnhalle. Foto: Matthias Ziegler

Jan Weiler kommt mit den schönsten Texten der Pubertier- und Älternzeit-Ära nach Stade. Was ihn als Vater auf die Palme gebracht hat und was er lieber anders gemacht hätte, erzählt der Erfolgsautor im TAGEBLATT-Interview.

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Von Fenna Weselmann
Dienstag, 10.02.2026, 17:50 Uhr

TAGEBLATT: Herr Weiler, Ihre Kinder sind längst flügge und aus dem Haus. Mit dem aktuellen Buch und der Lesereise holen Sie jetzt aber noch mal die Kolumnen von „Pubertier“ und „Älternzeit“ zurück auf die Bühne. Was hat Sie dazu bewogen?

Jan Weiler: Meine Tochter ist inzwischen 27, mein Sohn 23. Die wohnen lange nicht mehr hier und ich hatte einfach wahnsinnig große Lust, die ganzen schönen Geschichten noch einmal vorzulesen.

Warum?

Um mich davon zu verabschieden. Ich hatte einfach Bock auf einen Abend, der noch mal einen großen Bogen schlägt - letztlich als eine Art Best-of.

Blicken Sie in der Rückschau anders auf die Dinge?

Ja. Was mich immer wundert, ist, wie resilient ich doch war gegenüber vielen Dingen, die echt genervt haben.

Zum Beispiel?

So eine bestimmte Art der Diskussionsführung. Wenn ich das jetzt bei Freunden sehe, die noch mittendrin sind in diesen Auseinandersetzungen, denke ich, um Himmels Willen, stimmt. Wann müssen die Kinder zu Hause sein, beim 16. Geburtstag ein Kasten Bier, ja oder nein - wie darum gerungen und gestritten wird, und vor allem diese Schulthemen andauernd - ich weiß nicht, warum ich da so cool mit umgegangen bin. Heute würde mich das wahnsinnig machen.

Wie sehen Sie sich da als Vater?

Wenn ich jetzt so rückblickend meine Leistung als Vater rekapituliere, dann finde ich das ausbaufähig. Ich habe viel zu wenig Grenzen gesetzt und hätte viel strenger sein müssen. Meine Kinder sagen das auch. Einfach ein paar mehr Ansagen zur Orientierung, damit man in der Spur bleibt und weiß, ab hier finden die Eltern was richtig doof - da hätten die mehr von haben können.

Was wäre so eine Ansage gewesen?

Ich habe den großen Fehler gemacht, den Kindern zu spiegeln, dass ich Mathe immer doof fand. Viel klüger wäre gewesen, zu sagen Mathe ist ein riesengroßes Geheimnis, das ist wie Rätsel lösen und voll spannend. Sein eigenes Kindheitstrauma oder die unbewältigten Schülerfrustrationen an den eigenen Kindern auszuleben, ist schön blöd.

Vermissen Sie etwas aus der Pubertier-Zeit?

Ja, die popkulturelle Anregung. Wenn man mit Jugendlichen zusammenwohnt, kriegt man unglaublich viel über deren Weltsicht und die Entwicklung politischer Haltungen mit. Ich fand das immer inspirierend, nicht nur für die Arbeit, sondern auch für mich persönlich.

Zum Beispiel als ich eine Band kennengelernt habe, weil meine Tochter mir die vorgespielt hat. Das war ja sonst immer andersherum. Oder so Style-Fragen. Mein Sohn kam mit Hosenmarken um die Ecke, von denen ich wirklich noch nie gehört habe. Baggy Jeans von irgendeinem Typen aus der Nähe von Köln. Ich fand das hochinteressant.

Und gibt es etwas, wo Sie froh sind, dass es ein Ende hat?

Ja - wobei das nie ein Ende hat - dass man sich Sorgen macht. Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, als der Sohn so 19 war und in München mit den Kumpels losgezogen ist. Man weiß ja nie genau, wie blöd die gerade sind, ob irgendein Trottel auf die Idee kommt, auf einer fahrenden U-Bahn mitzufahren oder von irgendwas runterzuspringen.

Was war das Allerschlimmste, was Sie als Vater durchmachen mussten?

Natürlich diese Lebenskrisen, oder Liebeskummer - wenn man mitbekommt, dass bei einem jungen Menschen seelisch gerade wirklich etwas zerbrochen ist. Erfahrungen wie Verlassenwerden, Sitzenbleiben, etwas nicht hinzubekommen - das ist echt furchtbar.

Was hat Sie am meisten auf die Palme gebracht?

Bei Diskussionen haben die Kinder so eine selbstbewusste Art, einen ins Unrecht zu setzen, indem sie einfach behaupten, man sei zu alt, um irgendetwas zu verstehen. Das ist eine miese Nummer. Eine Art abgewertet zu werden. Das ist eine rhetorische Volte, die die heute alle draufhaben und die ich auf den Tod nicht ausstehen kann.

Was hätten Sie gerne vorher gewusst?

Das meiste weiß man ja vorher. Zum Beispiel, dass am Ende alles wieder gut wird. Ich hätte nur gerne vorher gewusst, dass die Pubertät so lange dauert.

Wie fanden Ihre Kinder das eigentlich, als lebende Beispiele für die Kolumne wahrgenommen zu werden?

Nicht so schlimm. In der absoluten Hochzeit dieses Pubertier-Themas, als auch der Kinofilm kam, ist meine Tochter natürlich unentwegt darauf angesprochen worden. Aber die ist cool damit umgegangen und hat gesagt: „Wenn Sie Fragen haben zum Pubertier, da vorne steht mein Vater.“

Und hinter den Kulissen - haben die Kinder sich da mal beschwert?

Nee, überhaupt nicht. Sie wussten ja, dass ihr Vater die Figuren so weit von ihnen weg fiktionalisiert, dass sie sich dadurch nicht verraten fühlen. Die echten Kümmernisse und Nöte und Niederlagen habe ich ja nie thematisiert. Alle Geschichten sind immer so, dass sie in allen Familien passieren könnten.

Bei den Lesereisen werden Sie sicher ab und an von Eltern im Publikum um Rat gefragt?

Ja, das kommt vor. Ich sage dann, dass ich keine Sachbücher schreibe. Ich bin ja kein Pädagoge, der profund irgendwelche Ratschläge geben kann. Nur eines gebe ich den Leuten mit, wenn sie erzählen, dass ihre Kinder gar nicht mehr mit ihnen reden. Das hat meistens einen sehr einfachen Grund. Die Eltern reden selbst zu viel. Man sollte diese ganzen Kanzelpredigten und langen Vorträge einfach aus dem Repertoire schmeißen.

Mein Sohn hat mir mal eine ziemliche Lehrstunde gegeben. Er sagte: „Ich habe keine Lust mehr, mit euch zu essen. Da muss ich immer über die Schule reden. Da habe ich keinen Bock drauf. Ich frage dich ja auch nicht bei jedem Abendessen, ob du Kapitel 7 schon fertig hast und wann du eigentlich gedenkst, dein Buch abzugeben.“

Für Kinder ist das der Horror, dass die Nahrungsaufnahme immer negativ verbunden ist mit Rechtfertigungsgesprächen. Das fand ich so eindringlich, dass wir dann beim Essen nie wieder über Schule oder Beruf geredet haben.

Wenn Sie an die eigene Pubertät denken, was würden Sie anders machen?

Mir war früher gar nicht bewusst, dass ich eigentlich ein ganz hübscher Kerl war. Ich habe mich nicht als gut aussehend oder interessant empfunden. Wenn ich in die Zeit zurückreisen könnte, würde ich mir besser gefallen.

Mit welcher Konsequenz?

Mit der Konsequenz, dass ich dann mehr Mädchen küssen würde. Ich habe mich nicht für vermittelbar gehalten und deswegen in meiner Jugend viel zu wenig geknutscht. Wenn ich in die Zeit zurückreisen könnte, würde ich damit früher anfangen.

Pubertät und Erwachsenwerden ist nicht nur für die Kinder ein Abnabelungsprozess. Eltern müssen genauso loslassen. Wie gut ist Ihnen das gelungen?

Na ja, so mittelgut. Ich habe da schon Schwierigkeiten. Mein Sohn meldet sich manchmal eine ganze Woche nicht. Der studiert, macht seinen Bachelor und gibt jetzt nicht täglich Wasserstandsmeldungen ab, wie es gerade so aussieht. Ich sage ihm natürlich nicht, dass ich mir das eigentlich wünsche. Das wäre ja uncool.

Aber es hat auch Vorteile: Ich kann meine Klamotten packen und von jetzt auf gleich nach Italien in mein Ferienhaus fahren, bin nicht mehr abhängig von den Schulferien und kann alle möglichen Dinge einfach so tun.

Auf welche Lebensphase freuen Sie sich, was den Stoff für neue Geschichten betrifft?

Das ist ein heikles Thema, weil ich mit dem Abschluss dieser Lesereise nicht weiß, ob es jemals wieder ein Bühnenprogramm gibt. Familie ist für alle verständlich. Aber der Alltag eines alleinstehenden Endfünfzigers in einer großen Wohnung reicht vielleicht nicht für ein Bühnenprogramm, auch wenn es meine Kolumne ja weiter geben wird.

Zur Person:

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Der in München und Umbrien lebende Autor war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erstes Buch „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ über seine italienische Schwiegerfamilie gilt als eines der erfolgreichsten Debüts der letzten Jahrzehnte. „Das Pubertier“ erschien 2014. Der erste Band mit Geschichten über das Großwerden der Kinder war eigentlich nur als kleines Liebhaberprojekt gedacht, um die Wartezeit auf den nächsten Roman zu verkürzen. Tatsächlich wurde das Buch Weilers erste Nummer eins auf der Spiegel-Bestsellerliste. Neben Romanen verfasst Jan Weiler zudem Kolumnen, Drehbücher und Hörspiele. Mit „Älternzeit“ hat der Kolumnist den Blick auf sein Familienleben und das Heranwachsen der Pubertiere fortgeführt. Nach dem Pubertier kommen diese Woche nun seine Geschichten über „Die Ältern“ als Kinofilm auf die Leinwand.

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