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Iran-Krieg

TRaketen überm Hotelpool: Aus dem Tagebuch eines Buxtehuders in Dubai

Thomas Tidiks steckt wegen des Iran-Kriegs in Dubai fest - und schreibt Tagebuch.

Thomas Tidiks steckt wegen des Iran-Kriegs in Dubai fest - und schreibt Tagebuch. Foto: Tidiks

Explosionen, Druckwellen, schlaflose Nächte: Aus dem Dubai-Urlaub von Thomas Tidiks aus Buxtehude ist ein Aufenthalt im Kriegsgebiet geworden. Hier sein Bericht.

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Von Anping Richter
Mittwoch, 04.03.2026, 23:10 Uhr

Buxtehude. Der Buxtehuder Thomas Tidiks und seine Frau saßen am Hotelpool, als es plötzlich über ihnen knallte. Der Schreck war groß - und Tidiks trotzdem kaltblütig genug, eine explodierende Rakete am Himmel über ihm zu fotografieren, bevor sie Schutz suchten.

Die am Himmel über dem Hotelpool explodierte Rakete ist als weißes Wölkchen (links im Bild) noch am Himmel zu sehen.

Die am Himmel über dem Hotelpool explodierte Rakete ist als weißes Wölkchen (links im Bild) noch am Himmel zu sehen. Foto: Tidiks

Thomas Tidiks war vor seinem Ruhestand international als Sicherheitsexperte tätig und hat darum einen besonderen Blick auf das Geschehen: „Was hier passiert, ist ein Szenario, mit dem ich mich berufsmäßig beschäftigt habe.“

Er war Polizist, bevor er Sicherheitschef bei Dow wurde, erst in Stade, später in der Zentrale in Michigan. Als Sicherheitschef und Krisenmanager war er später auch in anderen Konzernen international tätig. Bis heute gehört Tidiks zum Beirat von International SOS, einer renommierten Firma, die Mitarbeiter von Unternehmen weltweit vor Gesundheits- und Sicherheitsbedrohungen schützt. Jetzt ist er dort selbst erstmals Kunde.

„Es ist interessant, das mal aus dieser Perspektive kennenzulernen“, sagt Tidiks. International SOS unterhält in Dubai ihre Middle East-Zentrale und unterstützt nun nicht nur das Buxtehuder Ehepaar professionell vor Ort und bei der Rückreise. Die gestaltet sich bisher allerdings schwierig. Hier ist Thomas Tidiks Tagebuch, das am Tag nach der Raketenexplosion beginnt, im Wortlaut (leicht gekürzt):

Aus Tidiks Tagebuch: Das Hotel vibriert

Am Samstag um 16.40 Uhr Ortszeit habe ich das beigefügte Foto einer explodierten Rakete über unserem Hotel in Dubai aufgenommen. Es entstand direkt über dem Poolbereich. Wenige Sekunden vorher waren drei laute Explosionen zu hören. Nach Beobachtungen vor Ort wurde eine Rakete abgefangen; Trümmerteile schlugen in einiger Entfernung im Bereich eines benachbarten Hotels ein.

In Thomas Tidiks Hotel „Atlantis the Royal“ ist der Pool nach den ersten Explosionen wie leergefegt.

In Thomas Tidiks Hotel „Atlantis the Royal“ ist der Pool nach den ersten Explosionen wie leergefegt. Foto: Tidiks

Ein offizieller Cell-Broadcast-Alarm über das Mobilfunknetz blieb zu diesem Zeitpunkt aus. Der Angriff kam ohne Vorwarnung. Seitdem halten wir uns überwiegend in den unteren Etagen des Hotels auf. In der darauffolgenden Nacht gingen zwei weitere Warnmeldungen ein. Mehrfach waren deutliche Druckwellen zu spüren; das Gebäude vibrierte spürbar.

Unser Hotel ist eines der höchsten Gebäude auf der Palm Jumeirah, das Burj Al Arab ist von hier aus sichtbar. In der Nacht waren Explosionen in dieser Richtung zu hören. Sichtbare Brände konnten wir von unserem Standort aus nicht erkennen. Wir werden vor Ort professionell betreut. Die Firma International SOS, die in Dubai ihre Middle East-Zentrale unterhält, unterstützt uns aktiv.

Sonntag, 1. März 2026, 9 Uhr (Ortszeit)

Der erste Tag stand im Zeichen der Verarbeitung des Geschehens. Die ersten Raketen und Drohnen waren ohne funktionierende Vorwarnung eingetroffen. Zwar existiert in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Cell-Broadcast-System zur unmittelbaren Alarmierung, doch die erste offizielle Meldung erreichte uns erst um 0.37 Uhr.

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns bereits wieder im Hotel. In der Nacht waren Explosionen deutlich hörbar. Die Druckwellen hielten viele Gäste wach. Aus Vorsichtsgründen haben wir unser Zimmer im 33. Stock geräumt und sind in eine niedrigere Etage umgezogen. Den Großteil der Zeit verbringen wir in den unteren Bereichen des Gebäudes, was die Situation psychologisch deutlich erleichtert.

Unklar bleibt, wann eine Ausreise möglich sein wird. Der Luftraum ist mindestens bis einschließlich heute gesperrt. Berichten zufolge wurde auch der Flughafen getroffen; es soll verletzte Mitarbeiter gegeben haben. Uns wurde ein organisierter Fahrzeugtransfer nach Muscat im Oman angeboten, um von dort aus auszufliegen. Eine Entscheidung darüber steht noch aus.

Montag, 2. März 2026, 9.37 Uhr

Die vergangenen zwölf Stunden verliefen ruhig. Am Morgen waren wieder reguläre Flugbewegungen zu hören, später jedoch erneut eine heftige Explosion, deren Ursprung zunächst unklar blieb.

Die allgemeine Einschätzung vor Ort wirkt vorsichtig optimistisch. Es besteht die Hoffnung, dass weitere Luftschläge ausbleiben. Emirates Airlines akzeptiert wieder Buchungen ab dem 3. März; wir konnten Plätze reservieren. Flughäfen und Luftraum sind jedoch weiterhin eingeschränkt oder geschlossen.

Dienstag, 3. März 2026

Eine Rückreise ist weiterhin nicht möglich. Obwohl Geschäfte schrittweise öffnen und Hotelgäste wieder Pool- und Strandbereiche nutzen dürfen, werden bestätigte Flüge kurzfristig annulliert. Wartelisten reichen inzwischen mehrere Tage voraus.

Auch Berichte über eine angebliche staatliche Kostenübernahme für gestrandete Passagiere konnten bislang nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Einzelne Hotels haben ihre Preise erhöht. Die Lage bleibt dynamisch. Eine verlässliche Planung ist derzeit kaum möglich.

Mittwoch, 4. März 2026

Gestern Morgen bin ich zunächst mit dem Plan aufgewacht, dass wir in ein anderes Hotel umziehen würden. In der Praxis verlief dieser Wechsel jedoch deutlich komplizierter als erwartet. Die Organisation dauerte länger, vieles war chaotisch, und auch das bisherige Hotel zeigte sich nur begrenzt flexibel.

Inzwischen hat sich außerdem bestätigt, dass eine Kostenübernahme für gestrandete Reisende durch die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate zumindest in Dubai nicht erfolgt. In Abu Dhabi soll es entsprechende Unterstützung gegeben haben, in Dubai dagegen offenbar nicht.

Umzug in ein anderes Hotel

Am Abend sind wir schließlich in Dubai City angekommen und in ein anderes Hotel umgezogen. Es handelt sich um ein sehr gutes Haus, allerdings eher ein Business-Hotel. Der Wechsel hatte vor allem praktische Gründe: Von hier aus sind die wichtigen Infrastrukturen der Stadt deutlich besser erreichbar, was in der aktuellen Situation hilfreich ist.

Der heutige Morgen begann mit der ersten schlechten Nachricht – beziehungsweise zunächst mit gar keiner Nachricht. Ich öffnete die Lufthansa-App, nachdem dort eine Mitteilung erschienen war, mein Flug sei bestätigt. Entsprechend erleichtert war ich zunächst.

Beim Blick in die Buchung stellte sich jedoch heraus, dass lediglich der Anschlussflug von Frankfurt nach Hamburg angezeigt wurde. Der eigentliche Langstreckenflug von Dubai nach Frankfurt war aus der App vollständig verschwunden – als hätte ich ihn nie gebucht.

Nächster verfügbarer Flug erst am 12. März

Bei Lufthansa wurde mir mitgeteilt, dass der Flug komplett gestrichen worden sei. Auf meine Bitte hin, mich umzubuchen, erhielt ich zunächst die Auskunft, der nächste verfügbare Flug sei erst am 12. März – also mehr als eine Woche später.

Ich fragte nach alternativen Möglichkeiten, doch zunächst hieß es, man könne nichts anderes anbieten. Erst nachdem ich darauf hingewiesen hatte, dass bei einem früheren Gespräch mit einem Lufthansa-Mitarbeiter bereits einmal das komplette Ticket auf eine andere Airline übertragen worden war, kam Bewegung in die Sache.

Damals war es möglich gewesen, mich auf einen Flug von Emirates umzubuchen. Schließlich wurde auch diesmal eine entsprechende Umbuchung vorgenommen. Aktuell sind wir wieder auf einem Flug mit Emirates gebucht.

Immer wieder werden Flüge gestrichen

Parallel dazu wurde jedoch immer deutlicher, wie unsicher die Lage weiterhin ist. Bekannte hier vor Ort, die ebenfalls festsitzen, berichteten mir kurze Zeit später, dass ihr eigener Flug gerade wieder gestrichen worden sei. Insgesamt wirkt die Situation weiterhin unübersichtlich: Flüge werden zwar angekündigt, finden dann aber teilweise kurzfristig doch nicht statt.

Ein Arzt kommt ins Hotel

Wir bleiben daher zunächst hier. Die Versorgung vor Ort funktioniert gut. Gestern Abend musste ich noch einen Arzt aufsuchen, weil ich ein verschreibungspflichtiges Medikament benötige und ein deutsches Rezept hier nicht akzeptiert wurde. Ein Arzt kam ins Hotel, führte eine kurze Untersuchung durch und stellte das notwendige Rezept aus. Organisiert wurde das erneut von meinem Unternehmen über den internationalen medizinischen Dienst International SOS, der uns weiterhin betreut.

Natürlich wäre es die ideale Lösung, wenn wir am Samstagmorgen hier in Dubai in ein Flugzeug steigen könnten und am Samstagmittag bereits wieder in Hamburg aussteigen – also zu Hause wären. Das wäre der gewünschte Ausgang dieser Situation.

Allerdings zeigt die Erfahrung der vergangenen Tage, dass es dafür keinerlei Garantie gibt. Immer wieder werden Flüge angekündigt und anschließend doch wieder gestrichen oder verschoben. Freunde von uns, die ebenfalls hier festsitzen, sollten eigentlich heute Morgen abreisen. Ihr Flug wurde jedoch kurzfristig annulliert.

Fahrt durch die Wüste nach Oman zum Rückflug?

Heute Morgen hatte ich außerdem kurzen Kontakt mit unserem Betreuer von International SOS. Er ist derzeit auf dem Weg nach Oman, wo ebenfalls Kunden betreut werden und mögliche Ausreisewege geprüft werden. Nach seinen Angaben will er heute Abend wieder nach Dubai zurückkehren und dann zu uns ins Hotel kommen.

Gemeinsam wollen wir besprechen, welche Erfahrungen er auf dieser Route gemacht hat, wie gut man über diesen Weg ausreisen kann und ob dies eine realistische Option für uns wäre. Es könnte also durchaus sein, dass wir Dubai auf dem Landweg verlassen und von einem anderen Flughafen aus versuchen auszufliegen.

Gleichzeitig muss man die Situation auch einordnen. Wir befinden uns nicht in einer akuten Notlage. Im Gegenteil: Wir sind sehr gut untergebracht, haben ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu essen und zu trinken. Wenn man gleichzeitig die Bilder aus anderen Regionen der Welt sieht, in denen aktuell Krieg herrscht, relativiert das vieles.

Plötzlich ist ein anderes Gefahrenbewusstsein da

Was die Situation dennoch schwierig macht, ist die psychologische Seite. Ich habe gestern darüber nachgedacht, was es eigentlich mit einem Menschen macht, wenn plötzlich eine Rakete über dem eigenen Kopf explodiert. Es verändert etwas. Plötzlich ist da ein anderes Bewusstsein für Gefahr. Bisher kannte man solche Bilder nur aus dem Fernsehen. Jetzt fragt man sich bei jedem lauten Geräusch unwillkürlich, ob vielleicht schon wieder etwas passiert ist.

Wenn irgendwo ein Knall zu hören ist, zucken viele zusammen. In den Gesichtern sieht man teilweise offene Angst. Damit umzugehen ist nicht einfach und erfordert auch eine gewisse innere Stärke.

Anteilnahme hilft - gut gemeinte Ratschläge weniger

Meine Frau und ich versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen und auch mit anderen Gästen im Gespräch zu bleiben. Tatsächlich hat mir auch ein Anruf aus Deutschland sehr geholfen: Frau Richter vom TAGEBLATT meldete sich bei mir, nachdem sie gehört hatte, dass wir hier feststecken. Wir haben länger gesprochen und vereinbart, in Kontakt zu bleiben. Es hilft, wenn man weiß, dass Menschen wirklich Anteil nehmen und hoffen, dass wir bald wieder nach Hause kommen.

Was dagegen weniger hilft, sind die zahlreichen – sicherlich gut gemeinten – Ratschläge aus Deutschland. Viele verfolgen die Nachrichten, lesen Berichte im Internet oder sehen Fernsehbilder und schicken uns Vorschläge, was wir unbedingt tun sollten. Wir können jedoch nur sagen: Wir sind hier vor Ort, mitten in der Situation, und verfügen über die aktuellsten Informationen.

Im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu sehen, wie sich der Tag entwickelt – und vor allem, welche Nachrichten heute Abend aus Oman kommen.

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