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Rechtsextremismus

TRaus aus der rechten Szene: Verdienen Neonazis eine zweite Chance?

Nach seinem Auftritt bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus in Buxtehude macht eine Besucherin ein Foto mit dem Neonazi-Aussteiger.

Nach seinem Auftritt bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus in Buxtehude macht eine Besucherin ein Foto mit dem Neonazi-Aussteiger. Foto: Sulzyc

Der bekannte Neonazi-Aussteiger Philip Schlaffer beeindruckt das Publikum in Buxtehude. Das sagt er über die AfD - und wovor er warnt.

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Von Thomas Sulzyc
Mittwoch, 18.03.2026, 18:27 Uhr

Buxtehude. Vor 25 Jahren war Philip Schlaffer (47) Rechtsextremist und krimineller Rocker. Dem Land Mecklenburg-Vorpommerm galt der Wahl-Wismarer aus gutbürgerlichem Haus bei Lübeck als Staatsfeind Nummer eins. In einem international bekannten Webvideo geht er mit der Baseballkeule auf Polizisten los.

Aus dem Rockermilieu stieg er zuerst aus. Später entsagte Philip Schlaffer dem Rechtsextremismus. Die Hoffnung, Heimat und Kameradschaft in der rechten Szene zu finden, erfüllte sich nicht.

Einblick in aktuelle rechtsextreme Szene

Heute ist Philip Schlaffer einer der bekanntesten Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Seine Geschichte hat er in dem Buch „Hass. Macht. Gewalt.“ aufgeschrieben.

Wie er sich radikalisierte, erzählte der frühere Neonazi bei seinem Auftritt am Dienstagabend während der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Buxtehude. Den 100 Besuchern in der früheren Malerschule gab Philip Schlaffer zudem Einblicke in die aktuelle rechtsextreme Szene. Veranstalter ist die Initiative Omas gegen Rechts.

So gefährlich ist rechtsextreme Musik

Was Jugendlichen Hass in den Kopf pflanze, sei rechtsextreme Musik. „Diese Musik singt gegen Juden, Schwarze, Demokraten, Kommunisten“, sagt Philip Schlaffer. Die meisten Informationen würden Rechtsextremisten über das Videoportal TikTok verbreiten. Nie sei rechtsextreme Musik schneller verbreitet worden als heute.

In den 1990er-Jahren galt Rechtsextremismus als Männersache. Das habe sich verändert. „Viele junge Frauen machen Neonazi-Karaoke bei TikTok“, sagt Philip Schlaffer. Dafür ernteten sie Anerkennung und Applaus.

Likes, also Anerkennung in sozialen Netzwerken, seien heute die neue Währung. Der rechtsextremen Kleinpartei Der Dritte Weg gelinge das auf diese Weise, junge Leute anzusprechen. Auch Jugendlichen aus Buxtehude sei diese Splitterpartei bekannt, hat Schlaffer aus Gesprächen erfahren. Rechtsextreme böten sich als Ersatzfamilie an.

Schlaffer: Von Ponyhof und Stinkefinger

Buxtehude sei ja „Pippi-Langstrumpf-Land“, sagt Philip Schlaffer zu seinem besorgt blickenden Publikum. Also Ponyhof, noch harmlos. Wer einen Demokratie-Stammtisch in Cottbus anbiete, ernte Hass. „Drei Leute finden das gut. Und 400 zeigen Dir den Stinkefinger.“

Seinen Vortrag gestaltet Philip Schlaffer im Dialog mit dem Publikum. Alle duzen sich. Wie er den Einfluss von Extremisten in der AfD einschätze, will eine Besucherin wissen. Ohne den AfD-Landesverband Thüringen gehe in der Bundespartei nichts, antwortet Philip Schlaffer. Seine Prognose: Der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke, Fraktionschef in Thüringen, werde die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel scheitern lassen und ablösen.

Heute bringt er Willige in staatliche Ausstiegsprogramme

Als Neonazi habe er mit seiner Kameradschaft die Stadt Wismar terrorisiert. Für seine rechte Gesinnung hätte er getötet. Es sei nur Glück gewesen, dass es nicht dazu kam, gibt Philip Schlaffer zu. Im Gefängnis saß er trotzdem, für andere Straftaten.

Hat so jemand eine zweite Chance verdient? Wenn Menschen sich glaubhaft von der extremistischen Ideologie distanzieren und Verantwortung für ihre Vergangenheit übernehmen - ja. Diese Haltung nimmt zum Beispiel die Beratungsstelle Reset bei der Distanzierung und Loslösung vom Rechtsextremismus im Land Bremen ein.

Angehörige der Initiative Omas gegen Rechts machen nach dem Vortrag in Buxtehude ein Erinnerungsfoto mit dem Neonazi-Aussteiger Philip Schlaffer.

Angehörige der Initiative Omas gegen Rechts machen nach dem Vortrag in Buxtehude ein Erinnerungsfoto mit dem Neonazi-Aussteiger Philip Schlaffer. Foto: Sulzyc

Heute ist Philip Schlaffer Antigewalttrainer, arbeitet viel mit Jugendlichen. In bis zu 80 Vorträgen im Jahr warnt er vor Extremisten. Mit dem Verein Extremislos vermittelt der frühere Neonazi Willige in staatliche Ausstiegsprogramme.

Zweite Chance für Neonazis? Das sagen Besucher

Beeindruckt und berührt von Philip Schlaffer zeigt sich das Publikum nach drei Stunden Gespräch in Buxtehude. Manche berichten nach dem Vortrag von einem Gänsehautgefühl. Mehrere Besucherinnen posieren zusammen mit ihm für Fotos.

Verdienen Neonazis eine zweite Chance? „Natürlich, wenn er sich über einen langen Zeitraum glaubhaft als echter Demokrat erweist“, sagt Marita. Die 73-Jährige möchte ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen, weil sie wegen ihres Engagements bei den Omas gegen Rechts Anfeindungen erfahren habe.

Eine beeindruckende Ehrlichkeit habe Philip Schlaffer an den Tag gelegt, sagt auch Vortragsbesucher Björn (40). „Ganz sicher hat er eine zweite Chance verdient.“

Und was sagt der frühere Neonazi selbst? Er sei weitaus resilienter gegen Extremismus, antwortet Philip Schlaffer, weil er wisse: „Was Extremisten versprechen, das halten die nicht.“ Mit jedem Neonazi rede er aber nicht: „Manchmal“, so seine Erfahrung, „musst du einen davonziehen lassen.“

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