TSaniertes Reetdachhaus in Hammah: Warum es eine Wundertüte ist
DSD-Ortskurator Reinhold Holck, Kim Sulinski und Denkmaleigentümer Marcus Müller (von links) vor dem frisch gedeckten Reetdach. Foto: Helfferich
173 Jahre ist das Bauernhaus in der Straße An der Lohe in Hammah alt. Dank der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bekam es eine Verjüngungskur. Und es gab einiges zu entdecken.
Hammah. „Das ganze Haus ist eine Wundertüte. Egal, wo man etwas öffnet, findet man etwas Neues“, sagt Marcus Müller. Er hat das Reetdachhaus in Hammah 1999 gekauft. „Man weiß ja nicht, was auf einen zukommt, wenn man mit einer jungen Familie in so ein Gebäude einzieht. Das ist auch gut so, denn sonst hätte man das vermutlich nicht gemacht.“
Fast 30 Jahre ist das nun her. Und fast jedes Jahr war Marcus Müller mit dem Haus gut beschäftigt. Die Vorbesitzer hätten nicht viel an dem 1853 erbauten Reetdachhaus gemacht; vielleicht ein wenig an der Westseite. Da sei das ein oder andere erneuert worden.
Was damals hergerichtet wurde, hat sich längst abgenutzt. Um die Substanz zu erhalten, musste jetzt die Westwand dringend saniert werden. Andernfalls drohten Sekundärschäden. „Da war ich sehr froh, dass ich über die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Unterstützung bekam“, so der 67-Jährige.
Durchfahrtstor im Zweiständerhaus wurde erhalten
Bei dem Reetdachhaus in Hammahs Mitte handelt es sich um ein ehemaliges Bauernhaus; ein giebelständiges Zweiständerhaus in Fachwerkbauweise mit Backsteinausfachung und reetgedecktem Walmdach. Die Giebelseite des ursprünglichen Wohnteils besteht aus massivem Backsteinmauerwerk. Das große Tor im Wirtschaftsteil diente ursprünglich als Durchfahrt für Fuhrwerke.

Ein Segenswunsch umrahmt die Grot Dör. Foto: Helfferich
Bei der Fachwerkwandsanierung im vergangenen Jahr wurden der komplette Schwellenbalken und die unteren Ausfachungen saniert. „Der Schwellenbalken war gefühlt nicht mehr existent, der musste dringend ausgetauscht werden“, so Kim Sulinski, Denkmalpflegerin im Planungsamt des Landkreises. Für die unteren Ausfachungen wurden alte Steine wiederverwendet. In diesem Jahr stand die Neueindeckung des Reetdaches mit dem regionaltypischen Heidefirst an.
Kleine Entdeckungen im alten Gemäuer
Früher sei der Heidefirst aus Heideplaggen mit Wurzelwerk gepflockt und so im Reet befestigt worden. Heute werde gemähte Heide verwendet, die entweder genäht oder mit Edelstahlstäben und Maschendraht obendrüber befestigt wird, so die Denkmalpflegerin. Letztere Lösung halte deutlich kürzer. Denn die Pflöcke würden in der Regel 50 Zentimeter tief in den Reetfirst getrieben, die Metallstecken nicht.

Marcus Müller zieht eine verdeckte Schiebetür hinter der Ziegelwand hervor. Foto: Helfferich
Spannend an der Westwand ist auch, dass an das Gebäude - vermutlich Mitte der 1950er oder 60er Jahre - ein von innen zugänglicher Kriechkeller angebaut worden ist.
Der Rundgang um das Gebäude führt zum möglichen nächsten Projekt: Die Giebelwand nach Norden verändert sich. Teile der Ausfachungen drohen bereits auszubrechen. „Die Ausfachungen wurden ursprünglich in Lehm gemauert und mit Muschelkalkmörtel verfugt. Bei jüngeren Sanierungen wurde leider häufig Zementmörtel verwendet. Dadurch wandern die Ausfachungen im Ganzen, und Fugen brechen plattenweise heraus“, erklärt Sulinski.
Ein Segen steht über dem Tor des Reetdachhauses
Außerdem ist an dieser Wand das große, inzwischen verglaste Tor erhalten. Es führt in den einstigen Wirtschaftsteil. Hinter dem Mauerwerk verstecken sich nach beiden Seiten schwere hölzerne Schiebetüren - mit Katzentür.
Ein Segen steht über dem Tor der Nordwand: „Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut im Himmel und auf Erden. O Gott bewahre dieses Haus und alle die da gehen ein und aus“, steht über dem Eingang mit Nennung des Baujahres 30. Juni 1853.

Die Bronzetafel ist ein Gütesiegel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Foto: Helfferich
Die Ostseite des ehemaligen Wohn- und Wirtschaftsgebäudes wurde bereits 2016 in großem Umfang und unter Erhalt der historischen Strukturen saniert. Neben einer Sanierung des Fachwerks wurde zu diesem Zeitpunkt bereits die östliche Dachfläche neu mit Reet eingedeckt.
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Spannend ist die Südseite: Der Giebel der Südseite ist nach Auskunft von Denkmalpflegerin Kim Sulinski tatsächlich jünger als 1853. Er habe durch den Backstein die klassische expressionistische Formsprache, wie man sie aus der Jahrhundertwende 1890 bis 1910 kennt - mit Gurtgesimsen, dem Zahnschnitt und den profilierten Fensterstürzen, so die studierte Kunsthistorikerin.
„Stilistisch und zeitgeschichtlich hat dies aus denkmalpflegerischer Sicht eine totale Berechtigung: Zwei Zeitstile, die an diesem Gebäude ablesbar sind, stellen eine Bereicherung für den historischen Wert des Denkmals dar.“
Ein Reetdachhaus als gewachsenes Gesamtkunstwerk
Das Haus erscheint mit all seinen Besonderheiten wie ein gewachsenes Gesamtkunstwerk. Marcus Müller ist froh, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) ihn jetzt bei der Sanierung der Westseite unterstützt hat. „Die Möglichkeit, dort anklopfen zu können, ist schon sehr hilfreich“, so der Hauseigentümer.

Das Baujahr 1853 ist gut zu erkennen. Foto: Helfferich
25.000 Euro stellte die DSD - dank Spenden und Erträgen der Glücksspirale - für die Neueindeckung der westlichen Dachhälfte samt Erstellung eines neuen Heidefirstes bereit. Als Gütesiegel brachte DSD-Ortskurator Reinhold Kolck eine Bronzetafel mit.
Er macht deutlich: „Eine Förderung von außen kommt nicht, wenn man den Eindruck erweckt, da suche nur einer nach Geld.“ Interessierte müssten deutlich Eigeninitiative zeigen. Da kündigt Hauseigentümer Marcus Müller schon einmal vorsichtig an, dass er wegen des Nordgiebels vermutlich noch einmal bei der DSD anklopfen werde.
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