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50 tote Tiere

TSchäfer-Familie hart getroffen – Wolfsangriff in neuer Dimension

Schäferin Agnes Gutsche vermutet, dass die 50 toten Schafe auf das Konto von Jungwölfen gehen, die das Jagen trainieren. (Symbolbild)

Schäferin Agnes Gutsche vermutet, dass die 50 toten Schafe auf das Konto von Jungwölfen gehen, die das Jagen trainieren. (Symbolbild) Foto: Raimund Linke

Mittlerweile sind es 50 tote Schafe bei Zeven. Die Wölfe sollen schon länger gelauert haben. Der Tierarzt ist im Dauereinsatz. Ein Vor-Ort-Besuch.

Von S. Harscher, T. Kratzmann, L. Hilken Freitag, 27.02.2026, 18:22 Uhr

Zeven. Agnes Gutsche hat wenig Muße, über die Tragödie zu sprechen, die sich in der Nacht zu Dienstag auf der Weide im Hemelsmoor zugetragen hat. Der Tierarzt ist auf dem Hof, um verletzte Schafe zu behandeln. Ob alle überleben werden, das ist nicht ausgemacht.

Der Bartelsdorfer Veterinär ist den dritten Tag bei seinen Patienten in Borchel. Morgen kommt er erneut. Schäferin Gutsche geht davon aus, dass ihr Mann Marco Hörmann, der im Moor nach versprengten und verletzten Tieren sucht, für Nachschub auf dem Behandlungstisch sorgen dürfte.

„Wir leben von der Schäferei“

Agnes Gutsche hat die beiden Kinder mit einer Mittagsmahlzeit zu versorgen. Ihr steht der Sinn nicht danach, mit einem Reporter zu sprechen. Und überhaupt. „Das ist ein kritisches Thema.“ Wer sich dazu äußere, der laufe Gefahr, anzuecken. „Wir leben von der Schäferei. Unsere Tiere stehen das ganze Jahr draußen“, verrät Gutsche.

Als der Transporter des Tierarztes vom Hof rollt, nimmt sie sich dennoch kurz Zeit. Die Herde, auf die es die Wölfe abgesehen hatten, weide seit Jahren an dem Standort am Rande des Naturschutzgebietes Hemelsmoor. Die Fläche biete ausreichend Nahrung für die Altschafe und Lämmer, berichtet die Schäferin. Gesichert war die Herde mit einem mobilen Zaun - Strom führende Netze an Stäben befestigt.

Wölfe schon länger an der Weide beobachtet

Wölfe hätten schon zuvor ein Auge auf die Schafe geworfen. „Bislang haben sie immer versucht, unter dem Zaun durchzukommen.“ Das Eindringen der Wölfe in die Herde vor drei Tagen sei entweder darauf zurückzuführen, dass die Räuber über den Zaun gesprungen sind, oder dass Wild den Zaun beschädigt hatte, mutmaßen die beiden Schäfer.

Agnes Gutsche äußert eine zweite Mutmaßung: Die mittlerweile 50 toten Schafe gingen auf das Konto eines großen Rudels. Der Überfall habe womöglich Jungwölfen zu Trainingszwecken gedient. Das Gros der Opfer sei mit einem Biss in die Kehle getötet worden. „Man sieht nichts bis auf vier Löcher am Hals.“

Die verletzten Tiere, die Marco Hörmann seit Dienstag bei der Suche per Quad, mit einem Hund oder per Drohne gefunden und nach Borchel geholt hat, wiesen Wunden am Bauch, auf dem Rücken und an der Keule auf, berichtet Gutsche.

Die allermeisten der gut 300 überlebenden Schafe, die in alle Himmelsrichtungen geflohen waren, hat Schäfer Hörmann mittlerweile gefunden und auf der Weide am Hemelsmoor hinter dem Zaun versammelt. Einige Schafe hat Hörmann in Steinfeld abgeholt, nachdem ihn Dorfbewohner angerufen und informiert hatten.

Herdenschutzhunde möchte die Familie nicht einsetzen

Agnes Gutsche kündigt den Umzug der Herde an – auf eine Weide in der Nähe Steinfelds. Die Anschaffung von Herdenschutzhunden schließt sie aus. „Wir sind viel in der Nähe bewohnter Gebiete unterwegs“, führt sie als Begründung an.

Apropos Hund: Auf Hundehalter, die sich nicht an die Regeln halten und ihre Hunde nicht im Griff haben, ist die Schäferin nicht gut zu sprechen. „Wir haben jedes Jahr große Schäden durch Hunde. Und da steht immer ein Mensch dahinter“, sagt sie. Nun muss sie aber wirklich mit den Kindern zum Essen rein.

Der Wilstedter Stephan Kück-Lüers zeigt sich überrascht vom jüngsten Schafriss im Hemelsmoor. Erst über einen Anruf der „Zevener Zeitung“ habe er davon erfahren, sagt er. Dass solch eine Nachricht nicht schneller die Runde mache, sei ungewöhnlich, so der Jäger. Zur Sache sagt er: „Wir wissen, dass es bei uns Wölfe gibt - und zwar nicht wenige -, aber wir müssen damit leben.“

Aktuell sei ein Gesetz in Arbeit, das den Abschuss von Wölfen erleichtern soll. Doch das Gros der Jägerinnen und Jäger, ist Kück-Lüers überzeugt, wolle keine Wölfe jagen. Er selbst zumindest habe keine Lust, einen Wolf zu schießen, selbst wenn es legal sei, stellt er klar. Gleichwohl wisse er, dass in der Region inzwischen viele und - seiner Einschätzung nach - auch zu viele Wölfe lebten, besonders auch im Bereich Hemel und Steinfeld. Das sei ohne Frage eine große Herausforderung für Tierhalter.

Tarmstedter Rudel wird genannt

Vom Vorfall erfahren hat auch Marko Intemann, Leiter der Damwildhegegemeinschaft Bülstedt. Dieser Ring umfasst ein Gebiet mit einer Größe von 18.500 Hektar und reicht von Hatzte bis nach Buchholz, so der Wilstedter. Im Kontext des jüngsten Risses wurde auch das sogenannte Tarmstedter Rudel genannt. Er habe davon gehört, sagt Intemann, schiebt aber nach: „Gesehen habe ich es noch nicht.“

Marko Intemann, Leiter der Damwildhegegemeinschaft Bülstedt.

Marko Intemann, Leiter der Damwildhegegemeinschaft Bülstedt. Foto: Harscher

Überhaupt sei es so, dass nicht nur die hiesigen Jägerinnen und Jäger sich mit Äußerungen zu Wolfsichtungen gegenüber der Öffentlichkeit zurückhielten. Der Grund: die Sorge vor ‚Massentourismus‘ im Wald, so beschreibt es Intemann. Es sei unglaublich, wie töricht und unverantwortlich sich einige Leute verhielten - nur weil sie unbedingt einen Wolf in freier Natur sehen wollten. Der Wilstedter kündigt an, dass der Wolf auch Thema der kommenden Jahreshauptversammlung der Damwildhegegemeinschaft sei.

Denn die Abschusszahlen seien drastisch eingebrochen. Wurden im gesamten Ring noch vor fünf Jahren 200 Stück Damwild geschossen, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 25. Diese Entwicklung gelte es nun zu analysieren. Denn klar sei, dass Wolfsrisse nicht der Hauptgrund dafür seien. Vielmehr habe der Wolf das Damwild aus seinen sogenannten Einständen ins Offenland vertrieben. Eine Veränderung in den Revieren habe stattgefunden.

Wolf gilt als hochspezialisierter Jäger

Mit dem jüngsten Übergriff auf die Schafherde im Moor sei jedoch eine Eskalationsstufe überschritten worden, so Intemann: „Jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden.“ Doch die Umsetzung einer wie auch immer gefassten Entscheidung sei herausfordernd: „Wir haben es mit einem hochspezialisierten Jäger zu tun, der den Menschen weit überlegen ist.“

Das Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft Niedersachsen zeigt, dass mittlerweile in fast ganz Niedersachsen Übergriffe auf Nutztiere stattfinden, bei denen der Wolf von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen amtlich als Verursacher festgestellt wurde. Auf Landkreisebene werden alle nachgewiesenen Nutztierschäden seit 2008 registriert. Laut Wolfsmonitoring hat es im Landkreis Rotenburg seitdem 64 Übergriffe mit 151 toten Tieren gegeben, wohlgemerkt mit Stand vom 5. Februar dieses Jahres. Der jetzige Übergriff im Hemelsmoor würde eine neue Dimension bedeuten.

„Die meisten Übergriffe finden in den Herbst- und Wintermonaten statt, im Frühjahr und Sommer sind es weniger“, erklärt die Landesjägerschaft. Eine mögliche Erklärung hierfür sei die Nahrungsverfügbarkeit. Vor dem Übergriff im Hemelsmoor waren im Zeitraum 2025/26 bis zum 5. Februar zwölf Übergriffe mit 38 toten Tieren registriert worden.

Der erste im Landkreis registrierte Übergriff stammt aus dem Zeitraum 2012/13, bei dem drei Tiere getötet worden waren. Im Rahmen des niedersächsischen Wolfsmanagements und -monitorings sind bisher 3231 Nutztierschäden dokumentiert, ebenfalls mit Stand vom 5. Februar.

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