TSchlaflose Nächte: Lammzeit in der Deichschäferei
In der Lammzeit bekommen Jannek Haats und seine Partnerin Anna Eilts nur wenige Stunden Schlaf am Tag. Foto: Krabbenhoeft
Die Lammzeit im Frühjahr ist die arbeitsintensivste Periode des Jahres für die Schäfer. In Feldhausen erblicken in wenigen Wochen rund 850 Lämmer das Licht der Welt. Von ausreichend Schlaf können die Deichschäfer nur träumen.
Feldhausen. Im November 2023 haben Jannek Haats und Anna Eilts die Deichschäferei in Feldhausen übernommen. Sie kümmern sich normalerweise um rund 700 Schafe und gut 11 Kilometer Deich. Normalerweise. Denn in diesen Wochen, zwischen Mitte Februar bis Ende April, ist Lammzeit. „Wir rechnen mit 850 Lämmern“, sagt Anna Eilts. Das Erste wurde am 20. Februar geboren. An Schlaf ist in dieser Zeit kaum zu denken.
Wenn ein Schaf Hilfe bei der Geburt braucht
Die trächtigen Tiere stehen im Stall. Bei einem Schaf ist bereits die Fruchtblase ausgetreten. Die Aue legt sich hin, steht wieder auf. Kleine Vorderklauen sind zu sehen. Doch dann stockt der Geburtsvorgang. „Es könnte sein, dass sie Hilfe braucht“, sagt die Schäferin und holt Handschuhe und die notwendigen Utensilien.
Schafe sind etwa fünf Monate trächtig. Im Schnitt gebiert ein Muttertier auf dem Hof 1,8 Lämmer. Mal eins, mal zwei, mal drei. Wenn alles glattläuft, erscheinen bei der Geburt zuerst die ausgestreckten Vorderbeine mit der darauf liegenden Nase. Diesmal jedoch scheinen die Beine eingezogen zu sein.

Es ist geschafft. Das Muttertier links mit den zwei frischgeborenen Lämmern. Foto: Krabbenhoeft
Anna Eilts greift das Muttertier und drückt es auf den Boden. Vorsichtig tastet sie im Geburtskanal nach dem Lamm. Sie greift die Vorderbeine und zieht sie beherzt hervor. Wenige Sekunden später landet das Tier im Stroh. Anna Eilts hebt es in die Höhe. Ein kleiner Schwung, um Schleim und Fruchtwasser aus Nase und Mund zu schütteln, ein Druckimpuls auf das Herz. Das Lämmchen ist geboren. Doch es hat nur kurz Zeit, sich zu erholen. Schon gibt seine Mutter ihm kleine Tritte - es soll aufstehen, in Bewegung kommen. Schon mit zwei Wochen kommen die Jungtiere mit der Herde auf den Deich.
Schlaflose Nächte im Stall
Damit Muttertier und Nachwuchs eine feste Bindung zueinander aufbauen, kommen sie für etwa zwei Tage in eine gesonderte Box. Sie lernen, sich am Ruf und Geruch zu erkennen. Außerdem müssen die Lämmer das Kolostrum, die erste Muttermilch, aufnehmen. Die Wirkstoffe sorgen für den Aufbau eines kräftigen Immunsystems.
Manchmal klappt es mit dem Säugen nicht auf Anhieb. Das Schaf ist noch aufgeregt durch die Geburt und die Milch schießt nicht ins Euter. Oder es hat drei Lämmer geboren. Von Natur aus lehnt das Muttertier das schwächste Tier ab, wenn sie es nicht durchbringen kann. Das Jungtier einem anderen Schaf „unterzujubeln“ ist nicht möglich. „Die Damen sind sehr eigen. Sie lassen kein fremdes Lamm an sich ran. Nachts müssen wir raus, um die Neugeborenen zu füttern, Geburten zu überwachen und Tiere umzustallen“, erklärt Anna Eilts.

Die Jungtiere genießen die Frühlingstage auf dem Deich. Foto: Krabbenhoeft
Sind die ersten Tage überstanden, kommen die verwaisten Lämmer in den Stall mit der „Selbstbedienungs-Milchbar“. Ein Automat mit zahlreichen Gumminuckeln rührt die Milch frisch an und hält sie warm, diese steht ihnen Tag und Nacht zur Verfügung. „Diese Tiere sind meistens kräftiger als ihre Geschwister, weil sie unbegrenzt Zugang zu einer hochwertigen Nahrungsquelle haben“, sagt Jannek Haats.
Das erste Mal auf der Weide
Jannek Haats nutzt für die kurze Fahrt den Anhänger. „Das geht schneller, als sie über die Straße zu treiben“, sagt er. Angekommen lässt der 25-Jährige unter lautem Geblöke die Ladeklappe herunter. Die Schafe purzeln mit eiligen Schritten über die Rampe. Für die Lämmer ist es das erste Mal auf der grünen Wiese.
Nach drei bis fünf Monaten werden die Jungtiere geschlechtsreif. Dann werden sie von der Mutter getrennt und in männliche und weibliche Gruppen aufgeteilt. Dieser Schritt ist notwendig, um Inzucht zu vermeiden. Nach all der Arbeit wird im September ein Großteil der Lämmer an den Schlachter verkauft.
Die Deichschäferin ist Vegetarierin
Anna Eilts isst seit 15 Jahren kein Fleisch mehr. „Aber eine Welt ohne Tierproduktion funktioniert nicht. Selbst wenn man nur Pflanzen anbauen würde, brauchen wir den wertvollen organischen Dünger, in Form von Gülle und Mist, der das Bodenleben ernährt. Wir denken und arbeiten in Kreisläufen, dem Boden werden immer Nährstoffe entzogen, sowohl wenn wir Futter für unsere Tiere anbauen, als auch beim Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln, diese müssen wir ihm zurückgeben.“ Sie führt aus, dass die Fleischproduktion in Einklang mit der Natur funktionieren muss und betont, dass sie, zusammen mit ihrem Partner, den Tieren bis zu diesem Punkt ein schönes Leben ermöglichen will.
„In der Landwirtschaft trennen wir Beruf und Leben nicht. Die Arbeit ist das zu Hause. Wir machen das aus Überzeugung“, sagt sie. Und Jannek Haats ergänzt: „Wir sehen täglich, was wir geschafft haben. Wenn die Schafe auf dem Deich stehen und spielen, ist das die pure Freude.“
Größte Gefahr auf dem Deich ist der Mensch
Eine große Gefahr für die Lämmer ist in den kommenden Wochen Mensch und Hund. Werden die Schafe gejagt, können die Kleinen zeitweise die Mutter aus den Augen verlieren. Das sorgt für Stress. Oder sie verletzen sich bei dem Versuch zu entkommen. „Wir freuen uns über Touristen und Interessierte, aber sie müssen die Tiere in ihrem Lebensraum in Ruhe lassen“, betonen die Deichschäfer. Und schon ist ihre Verschnaufpause vorbei. Denn vielleicht kündigt sich gerade wieder ein Osterlamm an.
Alle Hände voll zu tun in der Deichschäferei
Zwischen Mitte Februar bis Mitte April haben die Deichschäfer Tag und Nacht zu tun. Innerhalb der acht Wochen werden rund 850 Lämmer geboren. Im Video sind wir live bei der Geburt eines Lämmchens dabei.

Dieses Lamm ist rund zwei Wochen alt. Foto: Krabbenhoeft Foto: Krabbenhoeft