Verbrechen

TSechs Tote nach blutiger Gewalttat in Mutter-Kind-Heim in Stade

Blick in die Stader Dankersstraße und auf den Polizeieinsatz nach der Tat.

Blick in die Stader Dankersstraße und auf den Polizeieinsatz nach der Tat. Foto: Vasel

Am Montagmittag fielen in und vor einer Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße im Kopenkamp Schüsse. Sechs Menschen starben. Innenministerin Behrens äußert sich zum Motiv der Tat.

Von Anping Richter, Britta Feindt und Björn Vasel 30.06.2026, 00:20 Uhr

Stade. Kurz nach 12 Uhr gingen am Montag mehrere Notrufe bei der Leitstelle der Polizeidirektion in Lüneburg ein. In dem Gebäude einer Mutter-Kind-Wohngruppe in der Dankersstraße waren gegen 12.10 Uhr mehrere Schüsse gefallen. „Es sind sofort Funkstreifenwagen zum Tatort gefahren“, sagte Polizeisprecher Matthias Bekermann. Den Polizisten, Notfallsanitätern sowie Polizisten bot sich ein Bild des Schreckens. Mehrere Menschen waren tot oder schwebten in Lebensgefahr.

Helfer kämpfen um Leben der Verletzten

Die Feuerwehr- und Rettungsleitstelle in Stade löste einen MANV-Alarm aus. Das steht für einen Massenanfall von Verletzten. Mehrere Rettungswagen waren im Einsatz. Helfer kämpften um das Leben der Verletzten. Auch Kreisbrandmeister Henning Klensang half bei der Reanimation. Gegen 15.40 Uhr bestätigte Matthias Bekermann offiziell fünf Tote - vier Frauen und ein Mann. Um 17.30 Uhr teilte er mit, dass inzwischen eine sechste Person im Elbe Klinikum in Stade verstorben sei.

Blick auf das Mutter-Kind-Haus.

Blick auf das Mutter-Kind-Haus. Foto: Richter

Der Tatort ist eine Einrichtung für werdende Mütter und junge Frauen mit Kind. Dort werden sie für eine begrenzte Zeit aufgenommen - inklusive pädagogischer Betreuung. Auch Inobhutnahmen übernimmt das Haus. „Die Hintergründe der Tat sind derzeit Gegenstand der Ermittlungen“, sagte Bekermann am frühen Abend.

Innenministerin schildert weitere Details der Tat

Am Abend kam Innenministerin Daniela Behrens (SPD) nach Stade. Im Kreishaus zeigte sie sich erschüttert von den tödlichen Schüssen in der Dankersstraße. „Das Leid, das der Täter hier in Stade ausgelöst hat, ist sicherlich schwer zu begreifen und noch schwerer in Worte zu fassen, glaube ich“, sagte Behrens.

Die niedersächsische Innenmisterin Daniela Behrens gab am Montagabend in Stade eine Pressekonferenz.

Die niedersächsische Innenmisterin Daniela Behrens gab am Montagabend in Stade eine Pressekonferenz. Foto: Vasel

Bei den sechs Verstorbenen handele es sich um Mitarbeiter der Einrichtung. Nach bisherigen Erkenntnissen handele es sich um eine Tat, die aus „familiären Motiven“ begangen wurde, so Behrens. Auslöser war demnach ein Sorgerechtsstreit. In der Einrichtung soll der Schütze einen Termin mit Mitarbeitern und der Mutter seiner drei Monate alten Tochter gehabt haben.

Schütze flüchtet nach der Bluttat

Nach der Bluttat sei der Mann mit einem Mercedes AMG geflohen. Polizeibeamte haben offenbar noch versucht, ihn mit Schüssen in die Reifen zu stoppen. Der Fluchtwagen ist wenig später an der B73 in Stade-Haddorf von der Polizei gestoppt und sichergestellt worden. Am Steuer des Fahrzeugs saß laut Polizei eine Frau, eine Verwandte des Schützen.

Polizeisprecher Matthias Bekermann gab Interviews am Fließband.

Polizeisprecher Matthias Bekermann gab Interviews am Fließband. Foto: Vasel

Der mutmaßliche Schütze wurde laut Polizei festgenommen. Es handelt sich um einen 45-jährigen, türkischstämmigen Mann, geboren und aufgewachsen in Deutschland, wohnhaft in Hannover. Die Schusswaffe wurde sichergestellt. Zwei weitere Personen seien polizeilichen Maßnahmen unterzogen worden, darunter die Verwandte. Wie sie in Zusammenhang mit der Tat stehen, ist noch offen.

Notfallseelsorger kümmern sich um Betroffene

Die Polizei riegelte den Tatort großräumig ab. Immer wieder trafen aufgelöste Angehörige und Mitarbeiter am Tatort ein, Notfallseelsorger von Kirche und Johannitern kümmerten sich um die Betroffenen. Väter und Mütter saßen weinend am Straßenrand. Das Mütter-und-Kind-Heim in der Dankersstraße wurde evakuiert. Die Betroffenen kamen zeitweise im Kirchenkreisamt unter.

Notfallseelsorger auf dem Weg zum Tatort.

Notfallseelsorger auf dem Weg zum Tatort. Foto: Vasel

Nachbarn wie Vitali Martens wurden Augenzeugen des Einsatzgeschehens. Martens war gerade vom Einkauf in die Straße zurückgekehrt. Er sah Polizisten vor der Einrichtung und hörte mehrere Schüsse.

Nachbarschaft in heller Aufregung

Eine Frau, die gerade mit ihren Kindern im Auto durch die Dankersstraße fahren wollte, hatte erst durch die Sperrung von der Tat erfahren. Sie sei ausgestiegen, um sich genauer zu erkundigen. Dass die Gewalttat in einer Einrichtung passiert ist, die Frauen und Kinder aufnimmt, schockierte sie. „Die Frauen müssen richtig gut geschützt werden. Bei solchen Männern hilft sonst nichts. Ich spreche aus Erfahrung“, sagte sie.

Stader Polizeisprecher gibt ein Update

Bisher habe es in der Dankersstraße rund um die Einrichtung aber nie gravierende Probleme gegeben, sagte eine Nachbarin, die einige Häuser weiter wohnt. Von dem, was geschehen ist, habe sie nichts mitbekommen und erst durch die Radionachrichten davon erfahren. „Ich lebe hier seit 50 Jahren, und es ist immer ruhig gewesen. Jetzt bin ich geschockt, es geht mir nicht gut“, sagte sie.

Blick auf den Tatort: Auf dem Boden liegen unter anderem Munitionsreste.

Blick auf den Tatort: Auf dem Boden liegen unter anderem Munitionsreste. Foto: Richter

Peter Prycel, der ebenfalls nur einige Häuser entfernt von der Einrichtung wohnt, berichtete, dass er die Schüsse live gehört hat: „Ich kam gerade vom Einkaufen bei Kaufland und hatte gerade eingeparkt. Es waren neun oder zehn Schüsse hintereinander.“ Sonst sei es eine sehr ruhige Wohngegend, er wohne bereits seit 18 Jahren in der Straße.

Tatort: Großes Medienaufgebot vor dem Haus in der Dankersstraße.

Tatort: Großes Medienaufgebot vor dem Haus in der Dankersstraße. Foto: Richter

Die Polizei zog weitere Kräfte zusammen und sperrte schließlich auch das Viertel weiträumig ab. Am Tatort sollten keine Spuren vernichtet werden. In einem Radius von etwa 150 Metern schirmte die Polizei das betreffende Haus im Stadtteil Kopenkamp ab. Vor allem auch vor Schaulustigen. Nach etwa drei Stunden trafen auch überregionale Presse und internationale Medienvertreter ein. Die Polizei richtete eine Mediensammelstelle ein, um die Ermittlungsbeamten vor Ort nicht zu stören.

Spurensicherung findet Patronenhülsen

Bereits kurz nach der Tat begann die Kriminaltechnik mit der Spurensicherung im und um das Haus. Dort wurden mehrere Patronenhülsen gesichert, mit einer 3D-Kamera wurde der Tatort sowohl im als auch vor dem Haus gefilmt.

Der Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus.

Der Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Foto: Vasel

Vor Ort waren auch der Stader Landrat Kai Seefried und die zuständige Sozialdezernentin Susanne Brahmst - zur Unterstützung der Rettungskräfte und Notfallseelsorger und um die Unterbringung der Betroffenen mit zu organisieren.

Der Stader Stadtrat Carsten Brokelmann äußerte sich am Nachmittag zu dem tragischen Verbrechen. Die Hansestadt Stade betreibt zwei Einrichtungen ganz in der Nähe des Tatorts: die Kindertagesstätte am Kopenkamp und die Pestalozzi-Grundschule. „Wir sind froh, dass es unseren Mitarbeitenden und den Kindern in Kita und Grundschule gut geht und ich bedanke mich bei den Polizistinnen und Polizisten für ihren Einsatz in dieser unübersichtlichen Lage“, machte Stadtrat Carsten Brokelmann im Namen der Stadtverwaltung deutlich.

Stadt Stade drückt Beileid aus

„Gleichzeitig gilt unser tiefes Mitgefühl den Opfern dieser schrecklichen Tat sowie deren Hinterbliebenen.“ Noch seien keine Hintergründe der Tat bekannt, er vertraue aber darauf, dass diese bald ermittelt werden.

Blick auf den in Haddorf an der Bundesstraße sichergestellten AMG.

Blick auf den in Haddorf an der Bundesstraße sichergestellten AMG. Foto: Strüning

Weitere Zeugen können sich über das Hinweisportal (http://nds.hinweisportal.de/toetungsdelikt-stade) bei der Polizei melden. Die Stader Polizei warnt vor Falschmeldungen. „Aktuell werden in verschiedenen WhatsApp-Gruppen und sozialen Netzwerken unbestätigte Informationen zu der Einsatzlage in der Dankersstraße verbreitet“, berichtete die Polizei. Die kursierenden Darstellungen entsprächen nicht dem derzeit polizeilich bestätigten Sachstand.

Andacht am Dienstag in St. Wilhadi

Als Reaktion auf die Gewalttat lädt die evangelische Kirche in Stade zu einer Andacht am Dienstag, 30. Juni, um 18 Uhr in die Stader St.-Wilhadi-Kirche ein. Eingeladen sind alle, die ihrer Erschütterung, ihrer Trauer und ihrer Anteilnahme Ausdruck geben möchten.

Zeuge Vitali Martens berichtet

„Ich bin tief erschüttert über die Gewalttat in unserer Stadt“, sagt Regionalbischöfin Sabine Preuschoff. „Menschen wurden getötet, so viel Leid ist über Familien gekommen. Mit der Andacht in St. Wilhadi möchten wir Raum geben, um mit unserem Erschrecken, unseren Fragen und unseren Erlebnissen nicht allein zu sein.“

Landesbischof Ralf Meister wie auch Landrat Kai Seefried werden vor Ort sein. Notfallseelsorgende und weitere Pastorinnen und Pastoren werden die Andacht begleiten.

Polizisten sperren den Tatort großräumig ab.

Polizisten sperren den Tatort großräumig ab. Foto: Vasel

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