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Krieg in Nahost

TSorge und Hoffnung: Iraner im Kreis Stade im Wechselbad der Gefühle

Nazanin Witt aus Stade-Hagen.

Nazanin Witt aus Stade-Hagen. Foto: Richter

Menschen mit iranischen Wurzeln leben zurzeit auch im Kreis Stade im Alarmzustand. Hier berichten sie von der Sorge um Angehörige im Iran und der Hoffnung auf einen Regimewechsel.

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Von Anping Richter
Donnerstag, 05.03.2026, 18:35 Uhr

Landkreis. „Abgebrochen. Abgebrochen. Abgebrochen.“ Das Handy-Display von Nazanin Witt zeigt, wie oft sie versucht hat, Kontakt mit ihren Angehörigen in Teheran aufzunehmen. Immerhin: Ein Mal hatte sie Glück. Über das Satellitennetzwerk Starlink erreichte sie einen Neffen.

„Ich habe ihn gebeten, allen zu sagen, dass sie ihre Häuser nicht verlassen sollen“, sagt die 40-Jährige aus Stade-Hagen. Das hatten auch Trump und Netanjahu den Iranern empfohlen, nachdem die israelisch-amerikanischen Luftangriffe am vergangenen Samstag begannen.

Kaum Zugang zu verlässlichen Informationen

Der Internetzugang im Iran ist stark eingeschränkt, verlässliche Informationen sind schwer zu bekommen. „Herr Merz hat uns gebeten, Informationen aus gesicherten Quellen unbedingt an Angehörige weiterzugeben“, sagt Nazanin Witt.

Sie kam vor 28 Jahren als 12-Jährige mit ihren Eltern nach Deutschland. „Für uns hier ist vieles so selbstverständlich: Rausgehen, Freunde treffen, Kritik üben, auch an der Regierung“, sagt sie. Sie selbst sei froh, dass ihre beiden Kinder in dieser Freiheit aufwachsen können und engagiere sich politisch, um Rechtsstaat und Demokratie zu unterstützen. Witt ist aktives Mitglied in der Stader CDU.

Regime bereitet mehr Sorgen als Luftangriffe

Ihre älteste Schwester und viele Verwandte leben weiterhin in Teheran. Noch mehr Sorgen als über die Luftangriffe macht sich Nazanin Witt darüber, wie die Machthaber jetzt reagieren. Schließlich sollen in den letzten Wochen Zehntausende getötet oder verhaftet worden sein, weil sie gegen das Regime protestierten.

Ihr Cousin ist seit 60 Tagen im Gefängnis. „Amnesty International weiß Bescheid.“ Auch das berüchtigte Evin-Gefängnis, wo viele politische Gefangene inhaftiert sind, wurde von einer Bombe getroffen. Es wird vermutet, dass die überlebenden Gefangenen bereits an einen anderen Ort verbracht wurden.

Buxtehuder Gastronom sieht die Lage illusionslos

„Die politischen Gefangenen werden zu Militärstützpunkten gebracht und als Schutzschilde benutzt“, sagt der Buxtehuder Gastronom Mojtaba Abadi. Er habe selbst im Iran acht Jahre lang Krieg erlebt und mache sich keine Illusionen über die aktuelle Situation. Das Mullah-Regime habe 47 Jahre lang Wurzeln geschlagen: „Sie wollen die Macht jetzt nicht loslassen und schießen wild um sich. Es werden viele Menschen sterben.“

Mojtaba Abadi in seinem Restaurant Amadeus in Buxtehude.

Mojtaba Abadi in seinem Restaurant Amadeus in Buxtehude. Foto: Anping Richter

Auch Abadi, der mit 17 Jahren nach Deutschland kam, hat viele Verwandte im Iran, zu denen er keinen Kontakt bekommt. Trotzdem sieht er Hoffnung - in einem Sturz des geschwächten Regimes. „Jeder Anfang ist schwer“, sagt er und setzt darauf, dass es dem Schah-Sohn Reza Pahlavi gelingt, das 90-Millionen-Einwohner-Land zu vereinen und einen Übergang zu freien Wahlen und Demokratie zu gestalten: „Pahlavi ist ein gebildeter Mensch und hat das Schicksal des Irans auch im Exil immer im Blick behalten.“

Mojtaba Abadi (Zweiter von links) ist einer von 250.000 Menschen, die Mitte Februar in München gegen das Regime im Iran demonstrierten.

Mojtaba Abadi (Zweiter von links) ist einer von 250.000 Menschen, die Mitte Februar in München gegen das Regime im Iran demonstrierten. Foto: Richter

Nazanin Witt sieht das ähnlich: „Er ist der Einzige, der es schaffen könnte.“ Pahlavi wolle nur für eine Übergangszeit von 100 bis 120 Tagen die Regie übernehmen, bis durch demokratische Wahlen eine neue Regierung gebildet werden kann. Sie gibt zu bedenken: „Er will das, obwohl er es nicht nötig hat.“ Er könnte in Wohlstand und Sicherheit weiter im Exil leben.

Viele sind erleichtert über Chameneis Tod

„Das Leben im Iran wird immer schwieriger, das Regime immer dreister“, sagt Karim Bazyar, der in Stade die Sprachschule Aktiv in der Poststraße betreibt. Der Tod von Ayatollah Chamenei habe viele Iraner erleichtert. Bazyar und seine Frau Fatemeh Asakereh sehen jetzt trotz aller Sorge eine positive Perspektive für das Land.

Fatemeh Asakereh (rechts) und ihr Mann Karim Bazyar in den Räumen der Sprachschule Aktiv in Stade.

Fatemeh Asakereh (rechts) und ihr Mann Karim Bazyar in den Räumen der Sprachschule Aktiv in Stade. Foto: Richter

Zurzeit bekommen sie keinen Kontakt zu Familie und Freunden im Iran. „Israel und die USA bombardieren Tag und Nacht“, sagt Bazyar. Noch viel mehr Opfer als die Bombardierung habe aber die blutige Niederschlagung der Massenproteste in jüngster Zeit durch das eigene Regime gefordert: „Sie haben mindestens 36.000 Menschen getötet.“

Minderheitenschutz hat große Bedeutung

„Krieg ist nie eine gute Lösung“, sagt seine Frau Fatemeh Asakereh. Für sie sollten Frieden, Diplomatie und der Schutz von Menschenrechten immer im Vordergrund stehen. Sie erinnert daran, dass der Iran ein ethnisch, religiös und kulturell sehr vielfältiges Land ist: „Für Minderheiten wie Araber, Kurden, Baloch, Luren, Turkmenen und andere ist die Situation aktuell politisch und sozial sehr herausfordernd.“ Viele fühlten sich benachteiligt.

„Manche wünschen sich, dass der Schah-Sohn den Übergang gestaltet“, sagt Fatemeh Asakereh. Sie würde sich wünschen, dass er sich mit Vertretern all dieser Gruppen in Verbindung setzt, um zu überlegen, wie sie zusammen weiterleben können. „Und dass er ihnen das Gefühl gibt, dass das neue System auch für sie da ist und sie beschützt“, sagt Fatemeh Asakereh. „Da stimme ich zu: Die Menschen sollten die Chance bekommen, sich von dem System des aktuellen Regimes zu trennen“, ergänzt Karim Bazyar.

Trotz allem: Hoffnung für die Zukunft

Leicht wird der Weg nicht, das sagen alle Gesprächspartner. Doch sie haben Hoffnung. „Im Iran - und unter den Auslandsiranern - gibt es viele gebildete Menschen. Sie werden das Land wieder aufbauen und investieren“, glaubt der Buxtehuder Mojtaba Abadi.

„Es ist absurd. Ich fühle Sorge und Hoffnung gleichzeitig“, sagt Nazanin Witt. Am 21. März wird im Iran Nouruz gefeiert, das Frühlings- und Neujahrsfest. Ihr Wunsch: Dass die Lage sich bis dahin positiv entwickelt, damit die Hoffnung wachsen kann.

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