TSperrung zur Ernte? Warum ein Drochterser „illegal“ zum Feld fuhr
Die aktuelle Ernte läuft für Stefan Michel wieder ruhiger. Foto: Wertgen
Im Herbst herrscht Hochbetrieb auf den Apfelplantagen. Doch ausgerechnet zur Erntezeit machte nicht nur eine Baustelle dem Drochterser Obstbauer Stefan Michel das Leben schwer.
Drochtersen. Stefan Michel hat ein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaftslehre. Beruflich hat er sich aber für den Weg des Obstbauern entschieden. „Weil mir die Arbeit hier draußen Spaß macht“, erklärt der Drochterser. Michel führt den Hof in dritter Generation. Sein Großvater kam nach dem Krieg aus Schlesien und baute seine Existenz in Drochtersen neu auf.
Michel klagt über die schwierigen Wettbewerbsbedingungen im Vergleich zur europäischen Konkurrenz. Er nennt unterschiedliche Mindestlöhne und Tankpreise als Beispiele. „Die Politik macht uns das Leben schwer“, so Michel.
Baustelle verstärkt Frust
Wäre auch diese Ernte schiefgegangen, hätte er vielleicht hingeschmissen, sagt Michel. Das sei wohl etwas aus der Wut gesprochen. Sein Frust hat aber auch einen regionalen Grund - direkt vor seinen Feldern.
Vollsperrung: Marode K27 in Drochtersen wird saniert
Bei der vergangenen Ernte sind an seinen Bäumen Unmengen Äpfel hängen geblieben, erzählt Michel. Er sei nicht mehr an sie herangekommen. Vor seinen Flächen an der Aschhorner Straße, der Kreisstraße 27, war eine Baustelle.
Der Landkreis Stade hat die Straße von August 2025 bis Mai 2026 saniert, unter Vollsperrung. Michel fuhr trotzdem hindurch. „Ich bin immer illegal zu meinen Flächen“, sagt er.
Bei einer Vollsperrung darf grundsätzlich niemand die Straße befahren, so will es die Straßenverkehrs-Ordnung. Geduldet worden sei vom Landkreis, dass er über den alten Bürgersteig fuhr, sagt der Landwirt. Erlaubt habe man es ihm nie, mit Verweis auf die Haftung bei Unfällen. Für Schäden dort kommt der Landkreis nach eigenen Angaben auch nicht auf.
„Herr Michel musste nicht in die Baustelle fahren, er durfte in die Baustelle fahren“, so der Landkreis. Möglich gewesen sei das in Absprache mit der Baufirma, je nach Bauphase.
Schon die Vorarbeiten sorgten für Ärger
Ärger gab es nach Michels Schilderung schon bei den Vorarbeiten im Frühjahr 2025. Nachts habe ein Bagger quer auf der Straße gestanden, als Michel zur Frostschutzberegnung musste. Er sei über den Bürgersteig ausgewichen. Bis er bei den Bäumen war, sei das Obst angefroren.
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen laut Landkreis im Sommer. Die Landwirte seien über das Landvolk informiert worden, die Anlieger Ende Juli 2025 per Postwurf.
Bei der Straßensanierung wurde die Fahrbahn rund 85 Zentimeter tief ausgehoben, in kurzen Abschnitten. So sollten laut Landkreis möglichst wenige Anlieger betroffen sein.
Im September und Oktober sei er teils gar nicht durchgekommen, sagt Michel. Dann sei er über eine Stunde außen herumgefahren.

Zu eng: Michel dokumentierte Probleme bei der Durchfahrt Foto: Privat
Man habe ihm Termine gegeben, an denen er durch die Baustelle fahren konnte, sagt er. „Freitag 12 Uhr machen wir Feierabend. Dann kannst du fahren“, hieß es demnach. Mitten in der Ernte habe die Absperrung aber zu eng gestanden. „Der Trecker ging noch durch, aber der Anhänger dahinter nicht mehr.“
Von der zu engen Absperrung wisse man nichts, so der Landkreis. Michels Anliegen seien kurzfristig bearbeitet worden. Dass er jederzeit auf seine Fläche kommt, habe man ihm aber nicht zusichern können.
Warum Michel über die kaputte Brücke fuhr
Hinzu kam die Brücke, die von der Straße auf seine Pachtfläche führt. Beides gehört der Kirchengemeinde. Die Brücke sei unabhängig von der Baustelle kaputt gewesen, sagt Michel. Eine Bestandsaufnahme im Auftrag des Landkreises ergab Ende Oktober 2025: Die Brücke ist abgängig, also am Ende ihrer Lebensdauer. Bilder zeigen, dass jene Brücke sprichwörtlich am seidenen Faden hängt.

Notgedrungen fuhr Michel über die marode Brücke, sagt er. Foto: Privat
Eigentlich hätte Michel über die Brücke des Nachbarn fahren können. Dass diese frei bleibt, sei vor Ort besprochen worden. Trotzdem sei die Nachbarbrücke immer wieder zugestellt worden. Dann sei er notgedrungen über die kaputte gefahren, auf eigenes Risiko und „immer mit unguten Gefühlen“.

Nichts geht mehr: Über die Brücke (im Hintergrund) war teilweise keine Anfahrt möglich. Foto: Privat
Ende Oktober 2025 sei er an eines seiner Felder gar nicht mehr herangekommen. Die Zufahrt dorthin sei wegen der Baustelle dicht gewesen, eine andere Möglichkeit habe es nicht gegeben. In einem Video zeigt er heruntergeschüttelte Äpfel, damit sie nicht am Baum vergammeln. Zum normalen Verkauf waren sie nicht mehr geeignet.
Heute führt der Weg über die Nachbarbrücke
Der Weg zu seinen Obstbäumen blieb auch bis in dieses Jahr kompliziert. Seit März 2026 ist die alte Brücke gesperrt, die Kirchengemeinde hat die Nutzung untersagt. Michel fährt jetzt mit Zustimmung des Nachbarn über dessen Brücke. Das Recht dazu werde im Grundbuch eingetragen, sagt er.
Den letzten Ernteausfall schätzt Michel auf rund 20.000 Euro. Ein Verfahren, solche Schäden zu ersetzen, gibt es laut Landkreis nicht. Michel müsste zudem nachweisen, dass die Baustelle sie verursacht hat. Schadensersatz habe er nicht gefordert. Das habe er auch Landrat Kai Seefried geschrieben. „Mich stört viel mehr die Art und Weise und der ganze Stress.“
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