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Kriegsopfer

TSpurensuche in Himmelpforten: Zehnte Klasse setzt mit Gedenkstein ein Zeichen

Die Klasse 10Ga der Porta-Coeli-Schule auf dem Friedhof in Himmelpforten, der ihnen nun einen Gedenkstein verdankt.

Die Klasse 10Ga der Porta-Coeli-Schule auf dem Friedhof in Himmelpforten, der ihnen nun einen Gedenkstein verdankt. Foto: Klempow

Drei Jahre lang haben die heutigen Zehntklässler nicht nachgelassen. Jetzt gibt es in Himmelpforten einen Grabstein, auf dem ein besonderer Name steht. Der Stein ist eine Mahnung.

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Von Grit Klempow
Samstag, 06.06.2026, 12:50 Uhr

Himmelpforten. Still säumen die Zehntklässler eine kleine, unscheinbare Grabstätte auf dem Friedhof Himmelpforten. Der Stein ist neu und glänzt. Sradjon Sinica steht in weißen Lettern auf grauem Grund. Ein Name, der Jahrzehnte vergessen war. Aber dieser Klasse bedeutet er viel.

Auf Spurensuche in der Region

Sie waren in der siebten Klasse, als sie den Namen zum ersten Mal lasen. Während der Projektwoche beschäftigten sie sich mit der Zeit des Nationalsozialismus. Etienne Seeliger tritt vor. In seiner Gedenkrede blickt er zurück auf den Projektanfang.

Die damaligen Siebtklässler warben mit einem provisorischen Schild für den Gedenkstein und beantragten einen Zuschuss bei der Gemeinde.

Die damaligen Siebtklässler warben mit einem provisorischen Schild für den Gedenkstein und beantragten einen Zuschuss bei der Gemeinde. Foto: Eilers

Es war ihnen wichtig, die Geschichte der Region zu untersuchen. „Denn die Verbrechen der NS-Zeit fanden nicht nur in den großen Städten oder bekannten Lagern statt“, sagt er mit fester Stimme. „Sie geschahen auch hier vor Ort - mitten in Gemeinden wie Himmelpforten.“

Gemeinsam mit der Gedenkstätte Lager Sandbostel recherchierte die Klasse in den Arolsen Archives, dem größten Online-Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Sie wollten mehr herausfinden, vor allem über Einzelschicksale von Menschen aus Himmelpforten.

Tod in Himmelpforten

So wie Sradjon Sinica. Ein polnischer Zwangsarbeiter, geboren am 20. April 1911 in Lazyrei (Polen). Bei der Auswertung der Dokumente half der Stader Michael Quelle. Denn auf anderen Papieren war Lettland als Herkunftsland angegeben, auch gab es unterschiedliche Schreibweisen des Namens.

Sicher ist: Sinica starb in Himmelpforten. In der Sterbeurkunde heißt es, er sei am 29. September 1942 tot aufgefunden worden.

Blumen für einen Mann, der 1942 fern seiner Heimat in Himmelpforten starb.

Blumen für einen Mann, der 1942 fern seiner Heimat in Himmelpforten starb. Foto: Klempow

Er arbeitete in Himmelpforten als landwirtschaftlicher Arbeiter auf einem Bauernhof. Wenig ist bekannt über sein Leben in Himmelpforten. In einer Akte habe sich die Anzeige einer Bäuerin befunden. Angeblich habe er eine Ente gestohlen. „Vermutlich aus Hunger“, so Etienne. „Auch solche Details machen deutlich, unter welchen Bedingungen viele Zwangsarbeiter leben mussten: fern von ihrer Heimat, ohne Freiheit und oft ohne ausreichende Versorgung.“

Einebnung des Grabs als Gesetzesverstoß

Die Klasse steht still und lauscht. Die Würde des Augenblicks ist greifbar. Sie haben lange um diesen Moment gekämpft. Schon vor drei Jahren hatte die Gemeinde Himmelpforten das Geld für einen Gedenkstein bewilligt. Aber wo genau lag das Grab? Die Kirche bemühte sich, das zu klären. Es dauerte, an die Dokumente zu gelangen.

Die Klasse fragte beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach. Der stellte fest, dass die Dokumente der Klasse zweifelsfrei belegten, „dass das Grab des Sradjon Sinica in einer Gräberliste zu erfassen, auf dem Friedhof entsprechend anzulegen und dauerhaft zu erhalten gewesen wäre“. Aber eine gesetzgemäße Gräberliste für Kriegsopfer gibt es nicht - die einstige Einebnung war nicht rechtens.

Klassenlehrerin ist sichtlich stolz

Im August 2025 war klar: Sinicas Grab war überbettet worden und hatte damit keinen besonderen Schutz als Kriegsgrab mehr. Aber die Zehntklässler blieben dran - bis zu diesem Morgen und der Gedenkfeier auf dem Himmelpfortener Friedhof.

Heike Hellwege vom Kirchenvorstand hatte das Projekt unterstützt.

Heike Hellwege vom Kirchenvorstand hatte das Projekt unterstützt. Foto: Klempow

Der Stein liegt neben der ursprünglichen Grabstelle. Die Klasse dankt der Gemeinde für die Finanzierung. Zur Gedenkfeier ist die Gemeinde eingeladen, aber nicht vertreten. Sichtlich stolz und berührt sind Klassenlehrerin Nele Eilers, Peter Haupt von der Schulleitung und Heike Hellwege vom Kirchenvorstand, die die Klasse auf ihrem Weg begleitet hat.

Eine Frage von Verantwortung

Pastorin Johanna Gorka blickt auf die Schülerinnen und Schüler und auf die Grabstelle. Sie erzählt, wie sie selbst als 15-Jährige in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem vor Scham und Trauer die Fassung verlor. Eine Holocaust-Überlebende sprach ihr Trost zu. Es sei nicht ihre Verantwortung, nicht ihre Schuld. „Aber es ist deine Verantwortung, dass das nie wieder passiert“, zitiert die Pastorin sie.

Pastorin Johanna Gorka dankte der Klasse 10Ga aus vollem Herzen für ihren Einsatz.

Pastorin Johanna Gorka dankte der Klasse 10Ga aus vollem Herzen für ihren Einsatz. Foto: Klempow

Der erste Schritt zu dieser Verantwortung sei das Erinnern, sagt Gorka. Zum Beispiel Sradjon Sinica seinen Namen und den Gedanken an sein Leben zurückzugeben. Sinica habe viel Schweres tragen müssen. „Weil er gezwungen worden ist, sich in einem ungerechten Krieg zu ergeben.“ Sie gibt der Klasse ein großes Dankeschön mit. Dafür, „dass Ihr uns alle in die Verantwortung nehmt, wenn wir diesen Namen lesen und uns erinnern, dass hier großes Unrecht geschehen ist“.

Sradjon Sinica hat seinen Namen zurück, fast 84 Jahre nach seinem Tod. Der Stein sei ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen, sagt Etienne Seeliger. „Er erinnert an Sradjon Sinica - und zugleich an die vielen anderen Menschen, deren Namen, Geschichten und Schicksale im Nationalsozialismus ausgelöscht werden sollten.“

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