TSt.-Petri-Kirche Buxtehude: Missbrauch von Kindern schlimmer als bisher bekannt
Dunkle Wolken über der St.-Petri-Kirche in Buxtehude. Foto: Wisser
Essenszwang, Herabsetzungen, sexuelle Übergriffe: Ein Bericht über Missbrauch bei Freizeitfahrten der St.-Petri-Gemeinde deckt schonungslos die Fälle der Betroffenen auf. Einer ist besonders heftig.
Buxtehude. Die vor zwei Jahren erhobenen Vorwürfe im Zusammenhang mit Jugendfreizeiten der St.-Petri-Gemeinde in Buxtehude haben sich bestätigt und sind Teil neuer Anschuldigungen gegen das damalige Betreuungspersonal. Dies ergab ein unabhängiger Bericht von Wolf-Peter Groß, den die Gemeinde am Freitag vorlegte. Der Jurist und Mediator aus Rellingen in Schleswig-Holstein wurde im Mai 2025 mit der Untersuchung der Kindeswohlgefährdung beauftragt.
Vorwürfe richten sich vor allem gegen zwei Personen
Der Bericht zeigt, dass über Jahre hinweg nicht nur Kindeswohlgefährdungen, sondern auch -verletzungen stattfanden. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen zwei ehrenamtlich tätige Personen.

Der Jurist und Mediator Wolf-Peter Groß führte die Gespräche mit den Betroffenen und den Verantwortungsträgern des Kirchenskandals in Buxtehude. Foto: Wisser
Elf Betroffene berichten von autoritären Erziehungsmethoden, Essenszwang, Umgang mit Heimweh, verbalen Herabsetzungen und körperlichen Übergriffen. Ein Fall umfasst nicht bewiesene Vorwürfe sexueller Übergriffe durch eine Betreuungsperson in den späten 1980er Jahren.
Die Vorfälle gingen weit über einzelne Erziehungsfehler hinaus und spiegelten eine Grundhaltung im Betreuungsteam wider.
Wolf-Peter Groß, Jurist und Mediator
Der Schwerpunkt lag auf psychischem Missbrauch, erklärte Wolf-Peter Groß bei einer Pressekonferenz der Kirchengemeinde und des Kirchenkreises. „Heute würde man das schwarze Pädagogik nennen. Die Vorfälle gingen weit über einzelne Erziehungsfehler hinaus und spiegelten eine Grundhaltung im Betreuungsteam wider.“ Ein strenges Essensregime und der Umgang mit Heimweh prägten das Klima. Wer sich anpasste, blieb verschont, andere litten, so der Jurist.
Strukturen begünstigen Kindeswohlgefährdungen
Der Bericht basiert auf 30 Interviews mit Betroffenen, ehemaligen und aktuellen Verantwortlichen sowie Dokumenten von 2009 bis 2025. Er analysiert die Vorfälle und die institutionellen Reaktionen der Kirchengemeinde und benennt strukturelle Faktoren, die Kindeswohlgefährdungen begünstigten und eine frühere Aufarbeitung verhinderten. Die Kirche beendete die Jugendfreizeiten 2009. Mehrere Versuche, die Missstände früher öffentlich zu machen, scheiterten am Widerstand in der Gemeinde.
Die St.-Petri-Kirchengemeinde erkannte im März 2024 die Schilderungen der Betroffenen als glaubwürdig an und entschuldigte sich. Der Bericht soll als Grundlage für einen weitergehenden Aufarbeitungsprozess dienen und enthält Empfehlungen zur Prävention und zum Umgang mit Betroffenen.
Nachruf auf ein Mitglied der Gemeinde löst Affäre aus
Ein Nachruf auf ein Mitglied der St.-Petri-Gemeinde im Gemeindebrief hatte damals die Affäre ausgelöst. Darin war die Verstorbene für fast drei Jahrzehnte Jugendarbeit gelobt worden. Mehrere Personen erhoben daraufhin Vorwürfe gegen die Verstorbene und eine weitere Person.
Im Bericht sind Opfer und mutmaßliche Täter anonymisiert. Die verstorbene Jugendleiterin wird als B1, die zweite Betreuerin als B2 bezeichnet. Der schwerste Vorwurf: Eine betroffene Person berichtete über anhaltende sexuelle Übergriffe von B1 in den späten 1980er Jahren. Eine juristische Aufarbeitung gab es nicht. Deshalb gilt hier rechtlich die Unschuldsvermutung.
Die betroffene Person war damals jugendlich. „Sexuelle Handlungen verlangte B1 von ihr als Eintrittskarte, weiter die Freizeiten mitgestalten zu können“, so der Bericht. „Ich fühlte mich abhängig von der Macht von B1 und dachte, das sei der Preis, damit ich teilnehmen kann“, zitiert der Text die Betroffene.
Warnungen wurden vergessen oder ignoriert
Als die betroffene Person es schaffte, sich Ende der 1980er Jahre den Übergriffen zu entziehen, soll B1 sie psychisch unter Druck gesetzt und später diskreditierende Gerüchte über sie verbreitet haben. Die betroffene Person suchte 1990 das Gespräch mit einer hauptamtlichen Person aus dem Pfarramt und warnte vor B1: „Sie müssen genau hinschauen.“ Die Person aus dem Pfarramt konnte sich daran nicht erinnern. Die Folgen für die betroffene Person äußerten sich in Angst- und Panikattacken, die sie über Jahre mit vielen Therapien bearbeitete.
„Die Stellungnahmen stimmen darin überein, dass unter der Verantwortung von B1 und B2 ein autoritäres, strafendes und emotional missachtendes Klima herrschte, insbesondere im Umgang mit Essen, Heimweh und Gefühlsäußerungen. Konsistent erscheint das Bild eines systematischen Machtmissbrauchs, der Instrumentalisierung von Grundbedürfnissen und einer pädagogischen Kultur der Unterdrückung“, so das Fazit des Berichts.
Druck, Kontrolle, Angst und psychische Belastung
Wiederholt schildern Betroffene körperliche Übergriffe, öffentliche Bloßstellung und willkürliche Strafen. Die Berichte beschreiben eine Atmosphäre von Druck, Kontrolle, Angst und psychischer Belastung. Die Betroffenen fühlten sich beschämt, klein gemacht, ausgeschlossen oder systematisch abgewertet. Insbesondere B1 wird durchgängig als autoritär, herabsetzend und angsteinflößend geschildert.
„Die Vielzahl und Gleichförmigkeit der Schilderungen von betroffenen Personen, die sich untereinander zum Teil nicht kannten, dokumentieren ein anhaltendes missbräuchliches Verhalten, insbesondere von B1“, so Wolf-Peter Groß.

Dr. Wolf-Dieter Syring (Kirchenvorstand), Pastor Chris Hasemann, Dörte Joost (Kirchenvorstand) und Superintendent Dr. Martin Krarup (von links) stellen sich der Aufarbeitung der Kindeswohlgefährdung. Foto: Wisser
„Es ist wichtig, dass die Vorwürfe jetzt extern erfasst und eingeordnet worden sind“, sagt Martin Krarup, Superintendent des Kirchenkreises Buxtehude. „Dass die Kindeswohlgefährdungen über viele Jahre hinweg möglich waren und die Hinweise darauf bei den Verantwortlichen kaum Beachtung fanden, hat uns als Kirchenvorstand sehr getroffen“, reagierte Kirchenvorsteher Wolf-Dieter Syring auf den Bericht.
Missbrauchsvorwürfe: Wie viele Betroffene gab es?
In ähnlich gelagerten Fällen gab es in der Regel deutlich mehr Betroffene als sich zuerst gemeldet haben. Experten sprechen von einem Eisberg. Nur ein kleiner Teil der Fälle werde öffentlich. Auch deshalb macht die St.-Petri-Gemeinde weiter Gesprächsangebote für Betroffene.
Der Bericht wird den Gemeindemitgliedern am 12. Februar, 19 Uhr, im Gemeindehaus der Kirchengemeinde am Dietrich-Bonhoeffer-Platz 3 vorgestellt. Er ist öffentlich und kann im Kirchenbüro der St.-Petri-Gemeinde (Hansestraße 1) eingesehen werden. Er steht ab sofort auch als Download unter www.st-petri-buxtehude.de bereit.
Kontaktmöglichkeiten für weitere betroffene Personen:
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