TStartklar zur Wartung in Ahlerstedt: Zwei Männer, ein Windrad, volles Vertrauen
Jonas Günzel und Clas Klindworth sind ein eingespieltes Team - hier im Windpark Ahlerstedt/Ottendorf. Foto: Wertgen
Ein Windrad läuft fast immer rund. Die Enercon-Techniker Jonas Günzel und Clas Klindworth sorgen dafür, dass es so bleibt. Vertrauen spielt dabei eine große Rolle.
Ahlerstedt. Jonas Günzel freut sich auf seinen Tag - oben auf der Windkraftanlage. „Das ist einer der besten Arbeitsplätze, die man haben kann“, sagt der 36-Jährige, wenn er an die Aussicht denkt.
Auch wegen der Aussicht - Jonas Günzel liebt seinen Job. Foto: Privat
Gemeinsam mit Clas Klindworth (37) steht er um 13 Uhr im Turm einer Enercon E-115 im Windpark Ahlerstedt/Ottendorf. Die beiden übernehmen die einwöchige Hauptwartung, eine der beiden Wartungsformen bei Enercon, einem großen deutschen Hersteller von Windenergieanlagen.
Ein Handschlag legte den Grundstein
Ahlerstedt ist einer der Standorte, an denen Enercon einen Service- und Wartungsstützpunkt betreibt und von dort aus unter anderem die Windparks Deinste/Helmste, Kutenholz, Ahlerstedt/Ottendorf und Ahrenswohlde/Wohnste betreut. 18 Techniker arbeiten hier im Außendienst, hinzu kommen zwei Auszubildende und drei Mitarbeiter für die Betonsanierung sowie der Innendienst.
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Anlagen von Enercon stehen seit 1999 in der Gemeinde, den Grundstein legte ein Handschlag mit Helmut Ehlen. Heute führt Sohn Jan Ehlen mit seinem Team der EE-Farmer die Bürgerwindparks.
2017 ersetzten im Windpark Oersdorf/Kohlenhausen/Ottendorf 14 Anlagen 18 ältere Maschinen. Trotz vier Anlagen weniger produzieren sie jährlich 136 MWh, deutlich mehr als die 40 MWh der Vorgänger.
Warum die Anlage trotz Bestwerten stillsteht
Die Anlagen laufen zu 99 Prozent störungsfrei. „Das sind Traumwerte, und das ist auch Verdienst des Serviceteams“, lobt Betreiber Jan Ehlen.
Dass die Wartung trotz der guten Werte notwendig ist, erklärt Ehlen mit einem Vergleich aus der Luftfahrt: Flugzeuge würden auch nicht erst bei einem Defekt repariert, sondern vorausschauend gewartet.

Im gut sortierten E-Hub liegen für den Notfall Ersatzteile bereit. Foto: Wertgen
Die Hauptwartung der Enercon ist einmal im Jahr, genau wie die Fettwartung, die nur einen Tag in Anspruch nimmt. Hier werden vor allem Schmierstellen neu gefettet. Währenddessen steht die Anlage still, an diesem Tag kein großer Verlust: Bei den aktuellen Windverhältnissen liefert sie ohnehin nur 350 Kilowatt.
Ersatzteile kommen per Taxi zur Anlage
Plötzlich wird es laut. Klindworth testet unten die Lüfter auf einen möglichen Lagerschaden. „Alles funktioniert“, stellt er fest, andernfalls würde er den Defekt melden und beheben.

Wartungspunkte und Anleitungen ähneln sich, dennoch: Jede Wartung ist individuell. Foto: Wertgen
Für den Notfall gibt es im Lager ein E-Hub: Brauchen die beiden während der Arbeit weiteres Material, holen sie es bei kurzer Distanz selbst. Liegt die Anlage weiter entfernt, bringt ein gebriefter Fahrer eines Partner-Taxiunternehmens mit Zugang zum E-Hub die Ersatzteile zur Windkraftanlage.
180 Prüfpunkte stehen auf der Liste
Günzel lässt am Steuerschrank ein Software-Update durchlaufen, auch die Filter tauschen sie. Im Laufe der Woche werden die Aufstiegshilfe, die Rotorblätter und die Blattregelung geprüft sowie Schraubverbindungen abgeklopft und nachgezogen.

Zur Wartung zählen auch Software-Updates. Foto: Wertgen
180 Prüfpunkte arbeiten sie Schritt für Schritt ab. „Das Grundprinzip ist immer das gleiche, aber wir müssen jede Anlage für sich betrachten“, sagt Günzel.
Dreifach gesichert, aber nie sorglos
Einige Arbeiten finden in fast 150 Metern Höhe statt. Günzel und Klindworth sind groß. In früheren Anlagen war es in der Gondel enger. In einer E-115 haben auch sie genügend Bewegungsfreiheit.

Oben in der Gondel: Clas Klindworth. Foto: Privat
Sich dort zu bewegen, ist für Klindworth und Günzel Routine. „Man ist dreimal gesichert. Es ist zwar abwechslungsreich, für uns aber Alltag“, sagt Klindworth. Ungeschultes Personal lässt Enercon nicht nach oben. Laien überschätzen sich leicht. Auch der Reporter muss unten bleiben.

Die Hauptwartung ist einmal im Jahr und dauert eine Woche. Foto: Wertgen
Ein Freefall-Tower im Freizeitpark hat zwar eine ähnliche Höhe, doch dort sitzt man fest in den Gurt gedrückt und schaut nur umher, sagt Wilkens, Gebietsleiter im Außendienst. Ein Notabstieg über die Steighilfe mit dem Rücken zum Turm wäre dagegen für Ungeübte physisch und psychisch kräftezehrend.
Partner wie Lebensversicherung
„Im Idealfall haben wir feste Teams“, sagt Wilkens. Die Partner müssen sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen. Jeder Fehler könne gravierende Folgen haben. Passiert oben etwas, dauert es rund 45 Minuten, bis die Berufsfeuerwehr aus Hamburg eintrifft.

Arbeiten in schwindelerregender Höhe ist für Clas Klindworth Alltag wie für andere ein Bürojob. Foto: Privat
Um im Ernstfall vorbereitet zu sein, frischen die Techniker jährlich ihre Kenntnisse in Abseil- und Rettungstechnik sowie Brandschutz und Erster Hilfe auf.
Wann die Techniker vom Turm müssen
Auch das Wetter entscheidet über den Einsatz. Ab einer Windgeschwindigkeit von 16 Metern pro Sekunde im Zehn-Minuten-Mittel dürfen die Techniker nicht mehr in den drehenden Bereich. „Das sind hier nur einzelne Tage im Jahr“, sagt Wilkens.

Die Techniker sind dreifach abgesichert. Foto: Privat
Die Systeme messen die Geschwindigkeit automatisch und warnen per rotem Signal. Im Inneren der Anlage würden Klindworth und Günzel eine Wetteränderung sonst kaum mitbekommen.
Kritischer ist Gewitter. Eine Windkraftanlage bildet oft den höchsten Punkt der Umgebung. Bei Blitzgefahr darf keiner nach oben. Weil sich Gewitterzellen schnell verlagern, behalten die Techniker die Lage über Blitz-Apps im Blick und wägen Risiken laufend ab.
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Regen oder Schnee stoppt die Arbeit an der Außenanlage dagegen nicht, die Oberflächen sind rutschfest. „Wir teilen uns die Arbeit aber so ein, dass wir möglichst im Trockenen rausgehen“, sagt Klindworth. Risiken zu minimieren geht immer vor.
Hohe Spannung verlangt besondere Kleidung
Das Wetter ist heute aber kein Thema. Dafür verlangt hohe elektrische Spannung Vorsicht. „Ihr dürft mal eben für zwei Minuten vor die Tür gehen“, sagt Klindworth. Er zieht eine Schutzjacke mit Helm und Visier an, die vor einem Lichtbogen schützt. Er prüft am Trafo die Notabschaltung und reinigt diesen.
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Direkt daran arbeiten dürfte nur ein Elektriker mit Schaltberechtigung. Mit einem Sauger entfernen die beiden zudem Staub, der im schlimmsten Fall Kurzschlüsse auslösen kann.

Mit dem Lift geht es für die beiden nach oben. Im Notfall müssten sie klettern. Foto: Wertgen
„Die wichtigsten Bauteile der Anlage werden sauber gemacht“, sagt Sven Wilkens, Gebietsleiter im Außendienst. Vom Fußboden essen könne man dort unten zwar natürlich nicht, das Pausenbrot dürfte später oben mit Aussicht aber ohnehin besser schmecken.
Was verstauen die beiden vor dem Aufstieg?
Bevor es für Klindworth und Günzel nach oben in die Gondel geht, ziehen sie ihre Kletterausrüstung an und verstauen kleineres Werkzeug sowie Ersatzteile im Lift. Größeres Gerät würden sie außen hochziehen.

In den Lift passen Werkzeug, Ersatzteile, eine Rettungsbox und zwei Erwachsene. Foto: Wertgen
An Bord ist auch eine schwarze Rettungstonne mit kompakt verstautem Abseilgerät samt Seil: Sollte ein Techniker oben handlungsunfähig werden, kann der Kollege ihn kontrolliert nach unten lassen.
Oben angekommen, wollen die beiden unter anderem die Rauchmelder tauschen. Die Fahrt dauert zehn Minuten. Dann ist sie wieder da, die Aussicht, die Günzel so gerne genießt.
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