TTAGEBLATT-Talk: Sechs Bürgermeisterkandidaten zeigen Profil in Stade
TAGEBLATT-Talk in der Seminarturnhalle. Von links: Lena Stehr, Enrico Bergmann, Richard Klaus, Arne Kramer, Kai Koeser, Tristan Jorde, Jörg Baumann, Lars Strüning. Foto: Buchmann
Wen soll ich am Sonntag wählen? Der TAGEBLATT-Talk zur Bürgermeisterwahl in Stade bot zu dieser Frage eine Orientierungshilfe. Hier der Bericht.
Stade. Um Punkt 18.30 Uhr eröffnen Redaktionsleiter Lars Strüning und Stade-Redakteurin Lena Stehr vom TAGEBLATT am Dienstagabend den Talk in der Seminarturnhalle: 200 Menschen im ausverkauften Saal wollen die sechs Männer live erleben, die sich als Bürgermeister für Stade zur Wahl stellen. Wie ticken sie? Was sind ihre Schwerpunkte, ihre Stärken und Schwächen?
Fahrradklingel beendet Redezeit
Die Spielregeln: In der ersten Hälfte stellen sich die Kandidaten den Fragen der TAGEBLATT Redakteure. Die Redezeit wird angesagt, das Ende markiert ein Fahrradklingel-Signal. Die zweite Hälfte des Abends gehört den Menschen im Raum: Ihre auf Bierdeckel notierten Fragen werden sortiert und den Kandidaten gestellt.

Jörg Baumann. Foto: Buchmann
Als Erster stellt sich Jörg Baumann in 30 Sekunden vor: Der gebürtige Stader ist 47 Jahre alt, Unternehmer und Gastronom. Seine Einzel-Kandidatur wird von der Wählergemeinschaft „Parteilos Stade“ unterstützt. „Sie haben keinerlei Erfahrung in der Lokalpolitik. Was hat Sie geritten, trotzdem für dieses Amt zu kandidieren?“, will Lena Stehr wissen. „Ich habe das getan, um als dritter Kandidat eine Stichwahl herauszufordern - und dann im zweiten Wahlgang zu gewinnen“, sagt Baumann. Was ist für ihn Stades unterschätztestes Thema? Es müsse mehr für Kinder getan werden, mit guter Betreuung, um Vandalismus und Kriminalität zu verhindern.

Enrico Bergmann. Foto: Buchmann
Enrico Bergmann, 44 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Jungs, betreibt in Stade ein kleines Familienunternehmen, das Sushi produziert. Er tritt für die FDP an. Aber warum entschied er sich erst so spät, zu kandidieren? „Ich habe den Wahlkampf beobachtet und fand, das war nicht ausreichend“, sagt er.

Tristan Jorde. Foto: Buchmann
Tristan Jorde kommt aus Wien, ist aber schon lange Wahl-Stader. Der Umwelttechniker leitet die Abteilung Energie, Klima und Umwelt bei der Verbraucherzentrale Hamburg und ist Fraktionsvorsitzender der Linken, für die er ins Rennen geht. Doch geht es ihm ernsthaft um das Bürgermeisteramt oder eher darum, Werbung für sich und seine Partei zu machen? Jorde: „Werbung für mich brauche ich nicht. Aber wenn ich mich hier umsehe, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich der beste Kandidat für den Job bin.“ Was ist für ihn Stades unterschätztestes Thema? Das dramatische Wohnraumproblem, sagt er und plädiert unter anderem für eine städtische Wohnungsbaugesellschaft.

Richard Klaus. Foto: Buchmann
Richard Klaus kommt aus der IT-Branche. Er tritt nicht zum ersten Mal für die Piratenpartei zur Bürgermeisterwahl an: 2019 bekam er gut 6 Prozent der Stimmen. „Woher nimmt er den Mut, wieder zu kandidieren?“ Obwohl er nicht gewann, seien zwei seiner wichtigsten Wahlziele umgesetzt worden, sagt Klaus: Die Abschaffung der Straßenausbaubeitragssatzung (Strabs) und die Erhaltung der Camper Höhe. Es gebe viele weitere Projekte, für die er sich einsetzen wolle - vor allem Bürgerbeteiligung.

Kai Koeser. Foto: Buchmann
Kai Koeser, SPD, 47 Jahre, verheiratet, zwei Pflegetöchter, Bildungsreferent beim Rüdiger-Butte-Bildungswerk. „Das Versprechen der Kleinstadt halten“ ist sein zentraler Wahl-Slogan. Stehr fragt: „Aber was heißt das?“ Dass man sich kennt, umeinander und um seine Umgebung kümmert - und das beziehe sich auf das Soziale ebenso wie auf ein gepflegtes Stadtbild, sagt Koeser. Sein Herzensprojekt in Stade? Die Bildungslandschaft mit Kitas, Schulen, Museen und anderen Institutionen noch besser zu vernetzen und zu stärken, sagt er und verweist auf Deutschlands aktuellen Pisa-Negativrekord.

Arne Kramer. Foto: Buchmann
Arne Kramer, 39 Jahre, war Militärpolizist bei der Bundeswehr und auch schon in Afghanistan im Einsatz. Er studierte berufsbegleitend Jura, landete beim Landkreis Stade und leitet aktuell das Straßenverkehrsamt. Sein Slogan: „Ganz klar Stade“. Strüning fragte, was ihm das sagen soll. Er stehe „zu 100 Prozent hinter dieser Stadt“, präzisiert er die Aussage. Sein Herzensprojekt in Stade? Die Verwaltung zu modernisieren.
Pro und Contra per Farbkarte
In einer Pro-oder-Contra-Runde sollen die Kandidaten mit einem grünen oder roten Zettel zeigen, wofür sie stehen. Holzkraftwerk? Alle sind dafür - außer Tristan Jorde. Kommunaler Ordnungsdienst? Nur Jorde und Baumann sind dagegen. Stadeum weiter finanzieren? Alle dafür - außer Jörg Baumann. Schwimmbadsanierung in Bützfleth? Alle dafür - außer Baumann.
Zu manchen Themen werden nur zwei Kandidaten befragt. Doch mit einem Joker kann jeder sich ein Mal an diesem Abend selbst das Wort erteilen. Zum Beispiel zur Sicherheit in Stade. Arne Kramer steht voll hinter der Einrichtung eines Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD): „Wir müssen als Stadt Verantwortung für die Sicherheit übernehmen.“ Der KOD hätte eigentlich schon am Start sein sollen. Doch die erste Ausschreibung ging ins Leere, er hofft auf Erfolg bei der nächsten.

Bis auf den letzten Platz war die Seminarturnhalle beim TAGEBLATT-Talk zur Kommunalwahl besetzt. Foto: Buchmann
Überraschende Antwort zu Stadtfinanzen
„Sicherheit fängt mit Sauberkeit an“, sagt Enrico Bergmann. Wenn die Bushäuschen alle mit Graffitti beschmiert seien, sei das ein Signal, dass nicht auf die Einhaltung der Regeln geachtet werde. Was die Einführung des KOD angeht, rechnet Bergmann damit, dass auch die zweite und dritte Ausschreibung scheitert. Dann würde die Stadt selbst einen Kommunalen Ordnungsdienst ausbilden. Doch der würde dann frühestens 2028 eingeführt, „Das ist zu spät, die Menschen wollen jetzt Präsenz“, sagt er. Sein Vorschlag: Ein privater Sicherheitsdienst, nach den Kriterien der Stadt ausgesucht und geschult, könnte Personal stellen, so dass ein, zwei Teams sofort loslegen könnten. Sollte dann eine Ausschreibung erfolgreich sein, könnte sofort ein weiteres Team auf die Straße geschickt werden. Jetzt setzt Kai Koeser seinen Joker ein: „Nur reagieren ist zu spät. Wir müssen in Sachen Sicherheit früher ansetzen: mit Präventionsangeboten.“
„Gewerbesteuern senken“ - das ist die überraschende Antwort von Jörg Baumann auf die Frage, wie angesichts leerer städtischer Kassen mehr Einnahmen generiert werden könnten. Die gleiche Antwort wird er später auf die Publikumsfrage geben, wie Armut bekämpft werden kann. Er erklärt es so: „Es entlastet die Betriebe. Dann siedeln sich wieder mehr in Stade an, der Leerstand verschwindet, der Tourismus wird gestärkt. Das lässt wieder die Einnahmen steigen.“
Reizthema Straßensperrungen in Stade
Das Publikum stellte zahlreiche und vielfältige Fragen: Angebote für Jugendliche, Klima- und Hitzeschutz, Zustand des Bahnhofs, Personalnot und Digitalisierung in der Verwaltung. Besonders interessierte offenbar diese: Wer ist dafür verantwortlich, dass zeitgleich an zwei der drei wichtigsten Ein- und Ausfallstraßen in Stade Baustellen sind?
„Mindestens vier Leute hier auf der Bühne“, sagt Arne Kramer und meint sich und die anderen drei Ratsmitglieder. Die Brückensanierung an der Harburger Straße wurde wegen der Baustelle an der Harsefelder Straße aufgeschoben. Doch dann schritt der Brückeningenieur ein, die Brücke hielt nicht mehr. Damit so etwas nicht mehr passiert, machte er einen Vorschlag: „Mehr Monitoring, damit wir wissen, welche Brücke wann fällig wird.“
Tosender Applaus für die sechs Bewerber beendete nach zwei intensiven Stunden einen gelungenen Abend.
Hinweis der Redaktion: Zunächst hieß es, der Bürgermeisterkandidat Jörg Baumann sei verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Dies ist nicht korrekt; wir haben den Text entsprechend angepasst. Auch Enrico Bergmanns Äußerung zum Kommunalen Ordnungsdienst wurde nachträglich korrigiert und ergänzt.

Schwierige Fragen, knappe Antworten: Ja (grün) oder nein (rot). Foto: Buchmann

Die Moderatoren beim TAGEBLATT-Talk: Lena Stehr und Lars Strüning. Foto: Buchmann
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