TTotlachen beim Lieblingskunden: Wie die Frieseckes Freiburger wurden
Die Frieseckes: Inge Friesecke, Sohn Thomas und Mann Ulrich. Mit einer Mitarbeiterin halten sie zusammen Optik Friesecke und Freiburg am Laufen. Foto: Meyer
Was macht das Ladensterben mit Freiburg? Das wissen die Optiker Ulrich und Inge Friesecke. 1976 zog es beide nach Freiburg - aus einem guten und einem skurrilen Grund.
Freiburg. Inge Friesecke (73) kommt mit etwas Großem aus der Werkstatt um die Ecke und an den Tisch, an dem ihr Mann Ulrich sitzt. Ein blauer Bilderrahmen rahmt einen alten Zeitungsbericht ein. Redakteurin Esther Graunke-Witt titelte in ihrem Porträt am 4. Januar 2012 im Mittwochsjournal: „Fähigkeiten wie ein Detektiv“. Ulrich Friesecke (75) ist trotz Rentenalters immer noch Optiker - und das wie ein Detektiv.
Detektivisch sammelt der Optiker Hinweise, ob und warum seine Kunden zum Beispiel eine Brille brauchen. Das macht er aber nicht alleine.
Zwei Ortsfremde zieht es in ihre neue Welt in Freiburg
Ulrich und Inge Friesecke gehören zu den Oldies, die Freiburg am Laufen halten. Das TAGEBLATT stellt in den kommenden Tagen alte, aber unverzichtbare Menschen vor, die mit ihrem Einzelhandel oder ihren Handwerksbetrieben das Freiburger Dorfleben prägen.
Freiburger Dorfleben
T 81-Jährige frisiert immer noch - und hat einen Neben- im Hauptberuf
Die Frieseckes sind eine Familie aus Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt einen guten Grund, warum sie jetzt in Freiburg sind: Ulrich Frieseckes Vater zog aus Grevesmühlen hierher und übernahm das Optikergeschäft vom Vorgänger. Seit 1957 prägt Optik Friesecke Freiburg mit. Nachdem Junior Ulrich 1976 seine Meisterprüfung als Augenoptiker bei Hannover absolvierte, folgte er seinem Vater nach Freiburg.

Detektivarbeit: Hier machen die Frieseckes Sehtests mit den Kunden. Foto: Meyer
Der 75-Jährige hätte damals auch als Augenoptiker in Bayern arbeiten können. Seine Frau sagte damals: „Wir ziehen natürlich hier hoch, ist doch wohl logisch.“ Der Grund für die Entscheidung gegen Bayern und für Freiburg ist skurril und hat mit Fußball zu tun.
Inge Freisecke hat wegen Plattdeutsch einen Lieblingskunden
„Schon alleine wegen Bayern München“ wäre sie dorthin nie gezogen. Da spricht eine fanatische Anhängerin - des HSV. An der Niederelbe ist die gebürtige Hildesheimerin jetzt näher bei ihrem Lieblingsverein. Für sie war Freiburg ab 1976 sprachlich eine ganz andere Welt.
„Vor allem habe ich kein Plattdeutsch verstanden“, sagt sie und lacht. Denn es gilt im Volksmund als sicher: In ihrer Heimat und im Raum Hannover wird das reinste Hochdeutsch gesprochen.
Als Inge Friesecke ihren ersten Kunden bediente, stellte sein Plattdeutsch sie vor eine große sprachliche Hürde. Doch sie hatte etwas Glück: Die Schwiegertochter des Kunden kam aus Hannover. Friesecke sagte dem Kunden, dass sie auch aus der Gegend komme - und mit „reinem Hochdeutsch“ aufgewachsen ist. „Wenn der Kunde alleine im Laden war, hat er mit mir nur Hochdeutsch gesprochen“, sagt Inge Friesecke.
Doch war die Frau des Kunden nicht dabei, sprach er nur Plattdeutsch. „Und mein Schwiegervater und Mann haben sich totgelacht in der Werkstatt und sind mir nicht zu Hilfe gekommen“, sagt Friesecke. „Da musst du jetzt alleine durch, haben sie gesagt. Hat gut geklappt.“ Das Lachen kann sie sich nicht verkneifen.
Bäcker, Schuhladen und Apotheke: Ladensterben in Freiburg macht einsam
Inge Friesecke lächelt, wenn sie an eine Sache denkt, die sie in Freiburg beruhigt: nach dem Aufstehen am Morgen Richtung Deich gucken und sehen, wie die Schafe „niedlich“ schlafen. Beunruhigend empfinden die Frieseckes das aussterbende Freiburger Dorfleben. Sinnbildlich für das schleichende Verschwinden von Einzelhandel und Handwerksbetrieben aus dem Ort stehen die Bäcker.
Drei von vier Bäckereien sind weg, und die letzte wackle auch, meint Ulrich Friesecke. Dass das Schuhhaus Krüger dichtmacht, sei schlimm. Als die Apotheke verschwand, „das war das Schlimmste“, sagt Ulrich Friesecke.
Geschäftsaufgabe
T Ende einer langen Tradition: Das Freiburger Schuhhaus Krüger schließt
Nicht nur Einzelhandel und Handwerksbetriebe verabschieden sich aus Freiburg. Hier leben weniger Bekannte, mehr Fremde, so Inge Friesecke. Sie kenne fast niemanden mehr. Früher habe sie jeden gekannt. Das Grüßen auf dem Dorf - „Tag, Tag, Tag, so ungefähr“ - sei nicht mehr selbstverständlich.

Die Frieseckes leben vom Brillenverkauf. Foto: Meyer
Das Sterben kleiner Geschäfte ist für Senioren nicht nur schlecht, weil bestimmte Dienstleistungen nicht mehr vor Ort sind. Der Besuch in diesen Geschäften war soziales Miteinander, ein Anlass, um zu reden. „Die älteren Leute haben Gesprächsbedarf“, sagt Ulrich Friesecke. Je weniger Geschäfte Freiburg hat, desto einsamer fühlen sich diese Menschen.
Blick in die Glaskugel: Ulrich Friesecke kann es auch mit 89 Jahren nicht lassen
Zu mehr Einsamkeit in Freiburg trägt Optik Friesecke nicht bei. Das Friesecke-Duo hat noch Lust, anzupacken. Und die Betriebsnachfolge ist bereits fest integriert. Seit 20 Jahren arbeitet Sohn Thomas (47) im Geschäft. Ohne ihn gehe nichts, lobt der Vater.
Inge Friesecke denkt sich in die Zukunft. Sie kennt es von ihrem Schwiegervater, der es nicht lassen konnte, auch mit 89 Jahren in der Werkstatt zu arbeiten, und hat eine Vermutung. „Den sehe ich da mit 89 Jahren auch noch sitzen“, sagt sie und schaut zu ihrem Mann.
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