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Erkrankung

TTotsaufen oder aufstehen: Wie Peter Kracke seine Alkoholsucht besiegt hat

Brockeler Peter Kracke kann wieder in den Spiegel schauen, er sieht seine Alkoholsucht als überwunden an.

Brockeler Peter Kracke kann wieder in den Spiegel schauen, er sieht seine Alkoholsucht als überwunden an. Foto: Heitmann/RK

Erst Absturz, dann Entzug. Peter Kracke aus dem Kreis Rotenburg hat seine Alkoholsucht überwunden. Doch zurück daheim wartet trotzdem der nächste Kraftakt.

Von Holger Heitmann 24.10.2026, 10:00 Uhr

Kreis Rotenburg. Peter Kracke hält einen Spiegel mit Holzrahmen an die Wand seines schmucken Häuschens in der Brockeler Ortsmitte. Dann nimmt er den Spiegel wieder ab. Er ist mit der Höhe noch nicht zufrieden, will sie neu anpassen. Die Szene sagt etwas aus über Kracke.

Das Wichtigste: Er kann wieder in den Spiegel schauen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Und: Der Mann ist Perfektionist. Ein Mister 110 Prozent. Das galt für seine Arbeit, aber auch für den Alkohol. „Ich habe über Jahre auf meinen Absturz hingearbeitet“, sagt Kracke.

Volltrunken gegen ein Zaun: Kracke schämt sich im Dorf

Anfang 2026 war es so weit, dass er diesen Absturz erreicht hatte. Auf dem Heimweg vom nahegelegenen Netto-Markt fiel er gegen einen Zaun, die Nachbarn mussten ihn nach Hause bringen. „Ich habe mich im Dorf geschämt“, bekennt Kracke heute.

Er war über Jahre mit seiner Firma unterwegs, Spezialist für Fenstereinbau, zeitweise auf drei Baustellen gleichzeitig, wie er erzählt. Kracke war unterwegs mit seinem Auto-Anhänger. Er hatte das Werkzeug und hat sich handwerklich vieles selbst angeeignet. „Ich habe keine Firma von Papa geerbt.“ Manche Aushilfen waren ihm zu unzuverlässig, dann machte er es lieber selbst.

„Habe den Respekt vor mir selbst verloren“

Immer bedacht darauf, der Beste zu sein und auf den guten Ruf. „Ich habe das geliebt.“ Aber „ich habe den Respekt vor mir selbst verloren.“ Fitness und Rennradfahren machte er nicht mehr. Und wenn, dann war er nicht bei der Sache. Ein Workaholic im wahrsten Sinn des Wortes.

Sein Freizeitausgleich wurde das Feierabendbier. In der ersten Zeit, sobald er zu Hause angekommen war. Später während der Heimfahrt im Auto. Und irgendwann auch morgens zum Start in den Tag. Dazu gab es eine Knoblauchzehe, damit andere die Alkoholfahne nicht rochen.

Kracke stand, das weiß er heute, vor einer Lebensentscheidung: totsaufen oder aufstehen. Mit dem Rauchen hatte er auch einst von heute auf morgen aufgehört. Mit der Alkoholsucht fertig zu werden, ging freilich nicht so schnell. Aber Kracke sagt: „Ich hatte Ziele, ich wollte meinen Scherbenhaufen aufkehren.“

Unterstützende Worte aus der Nachbarschaft

Seine damalige Freundin, mit der er heute ein gutes Verhältnis habe, ist ausgezogen. Die Firma? „Vor die Wand gefahren.“ Dass er es geschafft hat, soll anderen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation seien wie er im Winter. Ein bisschen sei er ja jetzt ein Experte.

Aber einen allgemeingültigen Rat hat er nicht. „Jeder hat seine eigene Geschichte, ich kann nur von mir reden.“ Er wünscht sich jetzt, er hätte es nicht so weit kommen lassen, und dass er sich früher Hilfe geholt hätte.

Zu lange habe er herausgezögert, die Reißleine zu ziehen. Doch Kracke kriegte die Kurve, daran seien auch die Menschen in seiner Straße beteiligt gewesen. Auf dem Dorf hilft man sich, leiht sich Werkzeug aus oder packt mit an. Eine ältere Nachbarin habe ihm gesagt, Alkoholismus sei eine Krankheit, nicht nur eine Sucht. Das hat ihn irgendwie getröstet. Auch andere redeten mit ihm.

Im Winter habe er sich noch die Kapuze ins Gesicht gezogen und sich seine acht bis zehn Halbe vom Netto geholt. Er kann verstehen, dass die Brockeler ihm aus dem Weg gegangen sind. „Die wollten das Elend nicht sehen.“

„Ich sah aus wie aus der Mülltonne“

Immerhin sei er beim Bier geblieben. „Harte Sachen sind nicht meins.“ Kracke ging in eine Suchtberatungsstelle in Rotenburg, ein großer Schritt. Dort wurde er aufmerksam auf die Fachklinik Bassum, in der alkohol- und medikamentenabhängige Frauen und Männer behandelt werden. „Bei meiner Ankunft hatte ich ein aufgedunsenes Gesicht, sah aus wie aus der Mülltonne.“ Dort hatte er ein Einzelzimmer, gute Ärzte und Therapeuten.

Die Deutsche Rentenversicherung habe den Aufenthalt finanziert. Drei Monate lang blieb Kracke zunächst, und wollte dann noch nicht nach Hause. „Meine Baustelle war noch nicht abgeschlossen.“ Das Fachpersonal habe seine Ansicht geteilt, Kracke verbrachte vier weitere Wochen in Bassum.

Dort fand Kracke seine wahre Gefühlswelt wieder, sagt er. Zunächst sei er von anderen Patienten dafür belächelt worden, weil er „keine drei Minuten laufen“ konnte, aber Kracke schwang sich morgens um halb sieben auf sein Rennrad und fuhr dem Sonnenaufgang entgegen. „Endorphine vom Allerfeinsten.“ Das Gedankenrad drehte sich mit, zwischen Lachen und Weinen.

In der Entzugsklinik lernt er andere Alkoholkranke kennen

Kracke mag geholfen haben, dass er fähig ist, Selbstkritik zu üben. Er habe keine Angst vor Konfrontation, wenn es sein müsse, weder mit anderen noch sich selbst. „Ich will mich nicht mehr belügen.“ Er wollte nicht weglaufen vor den eigenen Defiziten, indem er in Bassum über andere Patienten lästerte.

Stattdessen lernte er dort „tolle Leute“ kennen, zum Beispiel einen Banker, der auch kein Wochenende kannte. Mit denen habe er nach wie vor Kontakt, über eine Whatsapp-Gruppe und gelegentliche Treffen. Die Männer schreiben sich handschriftliche Briefe, Kracke zeigt einen vor.

Er habe auch einen guten Draht zu den Nachbarn, sagt er. Netto-Kassiererin Nathalie, bei der er früher Dosenbier kaufte, sagte ihm nun, als er Vollkornbrot und Bananen aufs Band legte: „Dein neuer Lebensstil gefällt mir besser.“

Seit gut zwei Monaten ist er wieder dauerhaft zu Hause. Er war auf dem Hurricane- und dem Ferdinands-Feld-Festival, zwischen feiernden Menschen, von denen viele auch etwas trinken. Seine Ex-Freundin halte zu ihm. Kracke sagt sich: „Ich bin auch nüchtern ein geiler Typ.“

Ein Lied über die Sucht

Rosarot ist aber längst nicht wieder alles. Er empfängt nun Bürgergeld, will wieder arbeiten. Das Know-how und ein paar Kontakte sind noch da, der Führerschein ist weg. Nachweise für die MPU, den sogenannten Idiotentest, um die Fahrerlaubnis zurückzuerhalten, kosten. Das Jobcenter schieße nichts dazu, und das Bürgergeld reiche kaum, auch wenn er sich außer den Festival-Tickets nichts Teures geleistet habe.

Der Anhänger mit dem alten Firmenlogo steht noch vor der Tür. Der Garten draußen ist gepflegt, drinnen macht sich Kracke Kaffee und hört laut „Afro House“ aus dem Handy-Lautsprecher. Und Kracke hat ein KI-Lied über seine Sucht angefertigt.

Ein Lied, in dem er dem Bier Tschüss sagt. „Ich sehe jetzt wieder klar“, heißt es darin, und: „Du warst ein Teil von mir.“ Kracke hegt „keinen Hass“ gegen den Alkohol, „es ist scheiße gelaufen, aber es sollte so sein.“

Während er das Lied hört, verdrückt er ein Tränchen. „Es war ja auch eine geile Zeit“, Arbeitsaufträge in Köln, Feiern auf dem Tomorrowland-Festival in Belgien. Bis alles viel zu viel wurde.

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