TTropfsteinhöhle in Drochtersen: So marode ist das Hallenbad
Auch Schwimmmeister Jens Beneke hofft weiter auf einen Neubau. Allerdings rechnet der 60-Jährige damit, dann schon in Rente zu sein. Foto: Knappe
Das Drochterser Hallenbad ist 51 Jahre alt. Ein Neubau ist längst zur unendlichen Geschichte geworden. Besuch in einem Sanierungsfall.
Drochtersen. Im September erreichte die jüngste Fördermittel-Absage für einen Hallenbad-Neubau die Gemeinde Drochtersen. Es war schon mindestens die siebte, zählt Bürgermeister Mike Eckhoff auf. Doch die Drochterser machen weiter: Schon zwei Monate später beschloss der Gemeinderat erneut einen Fördermittel-Antrag.
Wie lange das Warten auf Fördermillionen, die bislang nicht flossen, noch dauern wird, weiß niemand. Den Löwenanteil des etwa zehn Millionen Euro schweren Neubauprojekts müsste eh die Gemeinde Drochtersen zahlen - und die ist knapp bei Kasse, die Rücklagen schmelzen. Immer wieder sind im Ort Stimmen zu hören: Hätte man das Bad vor 10, 20 Jahren ohne Fördergeld neu gebaut, wäre es längst in Betrieb - und das auch noch erheblich kostengünstiger als vor den großen Preissteigerungen bei den Baukosten.
Entscheidung für Neubau vor sechs Jahren
Der Badbetrieb, der der Gemeinde laut Eckhoff jährlich rund 450.000 Euro Defizit beschert, läuft weiter. Bereits Anfang der 2000er Jahre wurde Sanierungsbedarf festgestellt. 2019 ließ die Gemeinde das Hallenbad begutachten. Ergebnis: Eine Sanierung wäre teurer als ein Neubau für rund 11 Millionen Euro.
Das Hallenbad siecht baulich und technisch weiter vor sich hin. Ein Rundgang durch den Keller, wo Heizung, Lüftung und Schwimmbadtechnik sind, spricht für sich. Von den beiden Gasbrennern, die für die Beheizung sorgen, funktioniert seit Jahren nur noch einer, und der muss halten. Die Lüftungsrohre und -verbindungen sind überall mit Tapeband abgedichtet.
Tropfsteinhöhlen-Flair im Kriechkeller
Schwimmmeister Jens Beneke zeigt im Kriechkeller unter dem Bad auf Stalagmiten und Stalaktiten, die mittlerweile hier gedeihen und an eine Tropfsteinhöhle erinnern. Das seien Feuchtigkeitsschäden, sagt er.

Tropfsteinhöhlen-Flair im Kriechkeller des Hallenbads. Foto: Knappe
Aktuelle Arbeitssicherheitsstandards können nicht gehalten werden. Der ganzjährige Kioskbetrieb schloss vor einigen Jahren. Seit der Corona-Pandemie ist das kleine Kinderplanschbecken aus hygienischen Gründen dauerhaft außer Betrieb: Es verfügte nicht mal über eine Umwälzanlage. Pläne, die Aufenthaltsqualität beispielsweise durch Solarium oder Sauna zu erhöhen, wurden einst zwar diskutiert, aber nicht umgesetzt.

Am Boden des Kriechkellers wachsen sogar Stalagmiten, da von der Decke stetig Wasser tropft. Foto: Knappe
Wegen eines Dachschadens vor etlichen Jahren musste zudem das Gewicht auf dem Hallenbad-Dach reduziert werden, die Kiesschicht wurde deshalb entfernt. „Dadurch ist natürlich auch die Isolierung der Halle noch schlechter geworden“, erzählt Beneke. Das Hallenbad heizt die Außenluft über dem Dach mit. Fast eine Millionen Kilowattstunden Energie gehen für den Wärmebedarf der Sportstätte drauf.
Immense Energiekosten
Allein die jährlichen Energiekosten liegen laut Eckhoff bei 638.000 Euro, das ist der Mittelwert der Jahre 2022 bis 2024. Dazu kommen noch rund 270.000 Euro Personalkosten für die beiden Schwimmmeister Jens Beneke und Tim Degering, Kassenaufsicht und Reinigungspersonal. Über die Eintrittsgelder kommen jährlich rund 70.000 Euro wieder rein.
Allen Mankos zum Trotz schlägt das Herz des Hallenbads unbeirrt weiter: 650.000 Liter Wasser fasst das 12,5 mal 25 Meter große Schwimmbecken mit Hubboden. 28 Grad Celsius beträgt die Wassertemperatur, sonntags gibt‘s ein Grad mehr.

Schwimmmeister Beneke überprüft die Werte bei der Wasseraufbereitungsanlage im Hallenbad. Foto: Knappe
103.316 Besucher wurden im Eröffnungsjahr des Hallenbads 1974 registriert, 1975 waren es sogar 107.753. Die extrem hohen Besucherzahlen in den ersten Jahren resultierten allerdings auch daraus, dass es damals wegen des Andrangs begrenzte Besucherzeiten gab - nach einer Stunde, später nach eineinhalb Stunden musste Eintritt nachgelöst werden. „Erst ab den 1980er Jahren gab es unbegrenzte Badezeit“, weiß Jens Beneke.
Generationen haben hier schwimmen gelernt
Die Besucherzahlen sanken im Laufe der Jahrzehnte, im ersten Corona-Jahr wurde mit 20.879 Besuchern der Tiefstand erreicht, im Vorjahr waren es bereits wieder 36.037 Besucher. Vereine und Schulklassen, nicht nur aus Drochtersen, auch aus Nordkehdingen, Himmelpforten und Bützfleth kommen hierher, Tausende Kinder haben in Drochtersen das Schwimmen erlernt.
Raumordnungsprogramm
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2022 gründete sich der Hallenbad-Förderverein, Vorsitzender ist Bürgermeister Eckhoff. Das Ziel: Geld für einen Neubau zu sammeln. Etliche Aktionen hat der Verein bereits auf die Beine gestellt, von der winterlichen Badewette am Strand bis zum 24-Stunden-Schwimmen im Bad. Rund 75.000 Euro seien bislang auf dem Spendenkonto - „und wir sind fleißig weiter dabei“, so Eckhoff. Auch einen neuen Namen hat der Verein für das Bad gefunden: Es heißt jetzt „Kehdinger Welle“.
Bürger-Online-Petition im Dezember gestartet
Anfang Dezember hat der Förderverein eine Online-Petition gestartet, in der Bürger ihre Stimme für einen Ersatzneubau eines Drochterser Hallenbades abgeben können. Mindestens 1000 Stimmen sollen zusammenkommen und den Förderanträgen mehr Gewicht verleihen. Mehr als 900 Bürger haben bereits unterzeichnet. Die Petition geht an Bundes- und Landesregierung und ans Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.
Drochtersen hofft weiter auf Fördergelder für einen Neubau und dass die Gemeinde etwas abbekommt von der „Sportmilliarde“, die 2026 auf Bundesebene verteilt werden soll - hier wäre eine Förderung von bis zu vier Millionen Euro möglich. Die Chancen dafür sind gering: Hier konkurrieren alle Sportstätten, von der Eissporthalle bis zur Sportarena, ums Fördergeld.
Eckhoff sagt, er hoffe eher, dass die Sportstättenförderung des Landes auch 2026 weitergeführt werde: „Die Anzeichen verdichten sich, dass es so sein wird.“ Hier konkurrieren lediglich die Bäder in Niedersachsen um die Fördersumme, die allerdings auf maximal je 1,5 Millionen Euro beschränkt ist.
Hoffnung ruht auf günstigerem Baukasten-Neubau
Alte Kostenberechnungen gingen von rund 11 Millionen Euro für einen Neubau aus. Inzwischen hat der Förderverein neue Hoffnung geschöpft: Es gebe mittlerweile Anbieter, die Hallenbad-Bauten im Baukastensystem anbieten, ähnlich wie bei schlüsselfertigen Musterhäusern, berichtet Eckhoff. Hier gibt es auch Modelle, die für weniger als 10 Millionen Euro angeboten werden.
Schwimmmeister Beneke arbeitet seit 1986 im Drochterser Hallenbad. „Ich bin mittlerweile 60 Jahre alt und würde gerne noch einen Neubau erleben. Ich gehe aber eher davon aus, dass das noch dauert und ich einen Neubau als normaler Badegast erleben werde - und nicht mehr als Schwimmmeister.“
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