TUnterwegs als Wirt und Schützenkönig: Das Doppelleben des André Göringer
André Göringer führt seine Kneipe seit 21 Jahren. Seine Frau Maricel Muuß-Göringer hilft bei der Buchhaltung. Foto: Berlin
Er ist in Drochtersen Schützenkönig und Gastronom. Diese zwei Rollen bescheren André Göringer gute Laune und viel Arbeit - und haben einen lukrativen Nebeneffekt.
Drochtersen. Heute hat André Göringer einen schwarz-grauen Pullover an und schenkt hinter dem Tresen eine Cola ein. Die anthrazitfarbene Uniform mit den vielen Orden und der Königskette bleibt im Kleiderschrank, bis die Schützensaison wieder losgeht.
Heute ist Göringer Gastronom und Kneipenwirt in Drochtersen. Erst in einigen Wochen wird er als amtierender Schützenkönig seines Heimatdorfes in den Nachbardörfern wieder seinen Verein repräsentieren. Dann wird das Leben wieder um einiges stressiger.
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Oederquart, Wolfsbruch, Isensee, Krummendeich: Dort traten Göringer und sein Gefolge im vergangenen Jahr schon auf. „In Bützfleth war es heftig“, erzählt der 53-Jährige. Er hatte vorher noch den ganzen Tag gearbeitet. Und dann gab es den ein oder anderen Kurzen. In Balje sei er so viel gelaufen wie noch nie zuvor in seinem Leben. „Gefühlt sind wir bis nach Bremen marschiert.“ Gerade er, der das Marschieren nicht besonders mag.
Wirt in Uniform - Göringer in Doppelrolle
Bis auf den Ball in Wischhafen habe er seit seiner Proklamation Ende Juli 2025 alles mitgemacht. Er musste am Morgen um sieben in der Küche stehen und verzichtete dafür auf die Party bis morgens um fünf.
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„Es war anstrengend, aber gut“, sagt André Göringer über seine Doppelbelastung als Wirt und Schützenkönig bei Halbzeit seiner Regentschaft. Der Pumpe gehe es gut. Noch. Er wollte das eine unbedingt und betreibt das andere mit Leidenschaft. Da ist der Schützenkönig, der Spaß haben möchte. Und da ist der Gastronom, der Malocher, der Geld verdienen will.

Kneipe, Dart-Raum, Catering und Veranstaltungen: André Göringer hat mehrere Standbeine. Foto: Berlin
Der Malocher André Göringer führt „André‘s Kleine Kneipe“ in Drochtersen seit 21 Jahren. „Ich habe mir gesagt: Wer nichts wird, wird Wirt.“ Göringer muss lachen. Denn der gelernte Koch und Konditor hatte zu diesem Zeitpunkt schon acht Jahre Küche in der Marine der Bundeswehr und Kellnerjobs hinter sich.
Mehrere Standbeine: Kneipe, Dart und Partyservice
Weil er von der Kneipe allein nicht leben kann, betreibt er seit elf Jahren einen Partyservice. Neben der buchstäblich kleinen Kneipe liegen der Dart-Raum und ein Saal für Veranstaltungen. Herzstück ist die Küche. Dort kocht, brät und backt Göringer das Essen für die Partys. „Rouladen und Schnitzel sind zurzeit der Renner“, sagt er. Wie überlebt ein Gastronom in schwierigen Zeiten?
Die Formel ist einfach und erschreckend gleichermaßen. „Du kannst gut davon leben. Du musst nur arbeiten“, sagt Göringer. Nur arbeiten heißt in seinem Fall, dass 18-Stunden-Tage nicht selten sind. Wenn er vier Veranstaltungen an einem Wochenende betreut, kommen auch mal 48 Stunden am Stück zusammen. Sagt Göringer. Sechs feste Mitarbeiter und einige Aushilfen gehören zu seinem Team. Viel Konkurrenz hat er in der Gegend nicht.
Göringers Stammkundschaft stirbt langsam aus
Ein brauner Teint prägt den Innenraum der Kneipe. Keine 68 Quadratmeter, kein warmes Essen. Hier sitzen die, die abends noch schnacken, trinken und dabei rauchen wollen. Wenn 50 Leute da sind, ist der Laden brechend voll. Aber die Stammgäste sterben aus.
„Gut 30 Leute habe ich schon zu Grabe getragen“, sagt Göringer. Und für die jungen Leute sei solch eine typische Kneipe unter der Woche nichts mehr.

Dekoration, die aus der Zeit gefallen ist. André Göringer sagt, von der Kneipe allein lasse es sich schwer leben. „Stammgäste sind weggestorben.“ Foto: Berlin
Göringer jammert. Und schmunzelt. „Jammern gehört als Gastronom dazu“, sagt er. Für das Geschäft ist er präsent, macht Werbung. „Du musst dich bemühen“, sagt Göringer. Um Abibälle, Weihnachtsfeiern, Geburtstage und Beerdigungen. Und um Schützenfeste. Da spielt ihm sein Titel als amtierender Schützenkönig durchaus in die Karten.

Der Gastronom engagiert sich als Sponsor bei der SV Drochtersen/Assel. Foto: Berlin
Schützenkönig zu sein, bringt gute Laune und ist gut fürs Geschäft. André Göringer erzählt, dass er in dem halben Jahr seiner Regentschaft durchaus sein Netzwerk und damit seinen Kundenstamm vergrößert hat. Hier ein Grünkohlessen mehr, da ein paar mehr kalte Platten - Göringer ist zufrieden.
Erster Auftritt des Jahres beim Jungschützenball
Am Tag seiner Proklamation war er übrigens beides: Wirt und Schützenbruder. Nach Besuchen bei anderen Vereinen holt ihn die Doppelrolle ein. Der Taxibus mit der Drochterser Abordnung hält auf dem Rückweg vor seiner Kneipe. Dann spendiert Göringer den Kameraden ein paar Tabletts. Er bezahlt die Runden in seiner eigenen Kneipe. Das will seine Belegschaft so und das sei auch besser, um den Überblick nicht zu verlieren.
Die Schützensaison beginnt für Göringer am 7. Februar mit dem Jungschützenball in Drochtersen. Erneut steht er jenseits und diesseits des Tresens. Göringer ist an diesem Tag Wirt in Uniform.

Wollen das Schützenjahr genießen: König André und seine Königin Maricel. Foto: Felsch
Er genießt den Titel und die Zeit. Er war nicht mal ein sonderlich guter Schütze, nahm sich aber Einzelunterricht, um besser zu werden. Er gilt eher als pragmatischer Redner und hielt sich nach seiner Proklamation entsprechend kurz: „Danke. Prost!“ Für den Sommer, wenn er den Titel weitergibt, kündigt er eine längere Rede an. Und dann muss er los. Zur Arbeit.
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