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Tradition

TVon Labskaus bis Zylinder: 12 Fakten rund um Stades Brüderschaften

Papierregen im Stadeum beim Stiftungsfest der St.-Pankratii-Brüderschaft.

Papierregen im Stadeum beim Stiftungsfest der St.-Pankratii-Brüderschaft. Foto: Foto Schattke

Jahrhundertealt und immer noch aktiv: Was macht Stades Brüderschaften aus, warum gibt es hier mehr als irgendwo sonst und was steckt hinter dem Hansemahl, dass heute stattfndet?

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Von Lena Stehr
Samstag, 09.05.2026, 07:50 Uhr

Welche Brüderschaften gibt es in Stade?

Die St.-Pankratii-Brüderschaft von 1414, die St.-Antonii-Brüderschaft von 1439, die Rosenkranz-Gotteshülfe-Brüderschaft von 1482 und die Kaufleute- und Schifferbrüderschaft von 1556. Deren Vorsitzende nennen sich Ältermänner. Die Ältermänner Sebastian Duwe von der Rosenkranz-Gotteshülfe-Brüderschaft, Friedrich-Wilhelm Hoffmann von der Kaufleute- und Schifferbrüderschaft und Johann-Heinrich Buhrfeind von der St.-Pankratii-Brüderschaft beantworten dem TAGEBLATT einige Fragen.

Was ist überhaupt eine Brüderschaft?

Eine Brüderschaft ist eine organisierte Gemeinschaft von Männern, die gemeinsame Interessen verfolgen und bestimmte Rituale haben. Die Begriffe Brüderschaft und Bruderschaft sind gleichbedeutend. In Stade hat sich im Lauf der Jahrhunderte die Schreibweise mit „ü“ durchgesetzt.

Warum gibt es in Stade mehr Brüderschaften als in jeder anderen Stadt?

Diese Frage können die Ältermänner nicht genau beantworten. Fakt ist, dass sich viele Brüderschaften während des Dritten Reichs auflösten. Auch die Stader Brüderschaften wurden von den Nazis unter Druck gesetzt, hielten diesem aber - unter anderem durch Satzungsanpassungen - stand. In Folge derer musste aber zum Beispiel ein jüdischer Bruder die Rosenkranz-Gotteshülfe Brüderschaft verlassen.

Werden beim Hansemahl Labskaus kredenzen: Sebastian Duwe (von links), Friedrich-Wilhelm Hoffmann und Johann-Heinrich Buhrfeind, die sogenannten Ältermänner von drei Stader Brüderschaften.

Werden beim Hansemahl Labskaus kredenzen: Sebastian Duwe (von links), Friedrich-Wilhelm Hoffmann und Johann-Heinrich Buhrfeind, die sogenannten Ältermänner von drei Stader Brüderschaften. Foto: Stehr

Tipp der Redaktion: Mehr zur Rolle der Brüderschaften während der NS-Zeit ist im Buch „Den Armen tom besten - 600 Jahre Brüderschaften in Stade“ nachzulesen.

Wie stehen die Stader Brüderschaften zueinander?

Im Laufe der Jahrhunderte waren die Brüderschaften einander in „herzlicher Abneigung“ verbunden. Zur St.-Pankratii-Brüderschaft gehörten hauptsächlich Geistliche aus dem Kirchensprengel am Spiegelberg. In der St.-Antonii-Brüderschaft waren Männer aus der Landesverwaltung, dem Rat und der Ritterschaft organisiert. Die Rosenkranz-Gotteshülfe-Brüderschaft entstand aus einer Gebetsgemeinschaft und gehörte zur St.-Cosmae-Kirche. Kaufleute und Schiffer schlossen sich zur namensgleichen Brüderschaft zusammen.

Heute machen die Brüderschaften auch gemeinsame Sache, zum Beispiel beim Hansemahl. Es gibt auch Männer, die Mitglied mehrerer Brüderschaften sind, sogenannte Doppelbrüder.

Wie sammeln die Brüderschaften ihre Spenden?

Einmal im Jahr beim Stiftungsfest mit geladenen Gästen. Bei der Gelegenheit sind auch Frauen erlaubt. Lediglich die St.-Antonii-Brüderschaft feiert sehr zurückgezogen und lädt nur alle 50 Jahre auch Frauen zum Fest ein.

Wurde im Mittelalter noch mit Knochen geworfen, so bekommen die Gäste heute Papierabschnitte, mit denen sie zwischen den einzelnen Gängen des Festmenüs werfen können. Brüder laufen mit Sammelbüchsen durch die Reihen und fordern, wenn sie einen Werfer „erwischen“, Bares ein. Zudem werden Geldspenden in Umschlägen eingesammelt. Das Fest wird jedes Jahr von einem anderen Bruder organisiert.

Wie und an wen verteilen die Brüderschaften ihre Spenden?

Die Brüder verteilen das Geld persönlich an Bedürftige und besuchen dafür gerne Familien zu Hause. Leider werde diese Form der individuellen Hilfe aus Datenschutzgründen aber immer schwieriger. Kindergärten dürfen zum Beispiel keine Familien mehr benennen, die Hilfe brauchen.

Übergabe des Brüderkranzes beim Stiftungsfest der Rosenkranz Brüderschaft.

Übergabe des Brüderkranzes beim Stiftungsfest der Rosenkranz Brüderschaft. Foto: Angelas Reidies

Die Brüder unterstützen deshalb inzwischen hauptsächlich Vereine wie die Tafel oder die Wärmestube. Spontane Hilfe ist aber trotzdem noch möglich, wenn die Brüder entsprechende Hinweise bekommen.

Wie wird man Mitglied in einer Brüderschaft?

Männer können Bruder werden, wenn sie an einem Stiftungsfest teilgenommen und über einen anderen Bruder einen Aufnahmeantrag gestellt haben.

Können Frauen Mitglied werden?

Nein. Obwohl immer mal wieder darüber diskutiert wurde, bleibt die Tradition bestehen, dass nur Männer Mitglied werden können. Die Brüder betonen aber, dass die Schwestern - also die Frauen der Brüder - eine wichtige Rolle spielen. Unter anderem bei der Organisation der Stiftungsfeste. Bei der Rosenkranz-Brüderschaft gibt es auch einen Tanzkreis für Brüder und deren Frauen.

Tragen die Brüder spezielle Kleidung?

Bei den Stiftungsfesten tragen die Brüder dunkle Anzüge oder Frack sowie Zylinder und weiße Handschuhe.

Gibt es besondere Rituale?

Die Brüder pflegen bei ihren Festen besondere Rituale wie das Papierwerfen beim Spendensammeln oder das Tabakskollegium. Dabei rauchen die Brüder Pfeife und trinken aus speziellen Bierhumpen.

Mitglieder der Stader Kaufleute- und Schifferbrüderschaft beim Stiftungsfest.

Mitglieder der Stader Kaufleute- und Schifferbrüderschaft beim Stiftungsfest. Foto: Bilderprofi Angela Reidies

Eine wichtige Rolle für die Brüderschaften spielen auch deren Silberschätze, zu denen verschiedene Pokale, Sammelbüchsen und Kerzenleuchter gehören. Wichtige Symbole für die Kaufleute- und Schifferbrüderschaft sowie für die St.-Pankratii-Brüderschaft sind Schüffel und Krönke, eine Schaufel und eine zweizinkige Forke mit einem zurückweisenden dritten Zinken.

Was haben die Brüderschaften mit dem Stader Hansemahl zu tun?

Seit 2007 organisieren drei der vier Stader Brüderschaften das Hansemahl, ein öffentliches Labskaus-Essen für den guten Zweck. Die Brüder wollen sich und ihre Arbeit damit bekannter machen.

Wie läuft das Hansemahl am 9. Mai ab?

Am alten Hansehafen in Stade servieren die Mitglieder der Brüderschaften am Samstag, 9. Mai, von 11 bis circa 15 Uhr Labskaus, das traditionelle Gericht der Seefahrer. Zwischen 11.30 und 13.30 Uhr treten die Stader Hafensänger auf.

Gewürzgurken, Rote Beete, Rollmops und Spiegelei gehören zum traditionellen Labskaus-Gericht dazu.

Gewürzgurken, Rote Beete, Rollmops und Spiegelei gehören zum traditionellen Labskaus-Gericht dazu. Foto: Stehr

Bei schlechtem Wetter findet das Hansemahl im historischen Rathaus statt. Der Erlös des kommt in diesem Jahr der DLRG OG Stade zugute.

Wer kocht das Labskaus fürs Hansemahl am 9. Mai und was ist drin?

Thomas Mau von der Qualifizierungsküche im Altländer Viertel kocht seit 2008 das Labskaus. Es besteht zu 60 Prozent aus gepökeltem Rindfleisch und zu 40 Prozent aus mehlig kochenden Kartoffeln.

Thomas Mau kocht seit Jahren Labskaus fürs Stader Hansemahl.

Thomas Mau kocht seit Jahren Labskaus fürs Stader Hansemahl. Foto: Stehr

Dazu kommen Zwiebeln, Senf und Gewürze. Serviert wird Labskaus mit Gewürzgurken, Rote Beete, Rollmops, Spiegelei und mit etwas Petersilie.

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