TWarum immer mehr Menschen im Kreis Stade Heidelbeeren selbst pflücken
Aniela und Celina Maruszewski lieben Blaubeeren frisch vom Feld. Foto: Wertgen
Von Hammah bis Hamburg: Immer mehr Menschen fahren kurze und lange Strecken, um in Groß Sterneberg Heidelbeeren zu ernten. Sie wollen nicht nur das Erlebnis zwischen den Sträuchern.
Groß Sterneberg. Es ist kurz vor zwölf Uhr, kurz vor Feierabend, als bei Claudia Büttner das Telefon klingelt. Celina Maruszewski aus Hammah fragt, ob sie noch schnell vorbeikommen kann, um Heidelbeeren zu pflücken. „Klar, ihr könnt noch kommen“, sagt Büttner, die für Ruffis Spargel den Verkaufsstand in Groß Sterneberg leitet.
Die Tante von Maruszewskis Mann ist schlecht zu Fuß und hatte um Heidelbeeren gebeten. Für Maruszewski ist klar, wohin die Fahrt geht: Direkt vom Feld schmecken sie am besten, sagt sie.
Was die alten Muttersträucher besonders macht
Dass die Beeren der Sorte Bluecrop in Groß Sterneberg so gut schmecken, ist keine Überraschung. Maruszewski und ihre Tochter Aniela pflücken auf der 35 Jahre alten und ein Hektar großen Anlage.
Auf dieser wachsen sozusagen die Muttersträucher, die die gesamte Genetik der Beere enthalten. „Die haben ihren natürlichen Charakter behalten“, sagt Geschäftsführer Frank Ruff über die alten Sträucher.

Claudia Büttner mit Frank Ruff und Isabell Heinecke von Ruffs Spargel. Foto: Wertgen
Auf den jüngeren Ertragsanlagen wachsen hingegen Sträucher aus der Einzelvermehrung. Dafür wurden aus jungen Trieben kleine Scheiben geschnitten und aus diesen Setzlinge gezüchtet. Mit den Pflanzen würde man auf Masse gehen. „Die schmecken auch gut“, so Ruff. Die Beeren von stecklingsvermehrten Sträuchern würden aber noch besser schmecken.
Wie die Heidelbeere nach Niedersachsen kam
Dass überhaupt so großflächig Heidelbeeren im Landkreis Stade wachsen, geht auf einen Blaubeer-Pionier zurück: In den 1930er-Jahren brachte Dr. Wilhelm Heermann als erster Stecklinge aus amerikanischen Wäldern ins niedersächsische Grethem. Von Heermanns ursprünglichen Anlagen tragen einige Sträucher bis heute Früchte, erzählt Ruff.
„Die Heidelbeere liebt saures Klima und Feuchtigkeit“, sagt er. Die idealen Bedingungen findet die Beere im Moorboden, den es im moorreichsten Bundesland zur Genüge gibt.
Niedersachsen zählt entsprechend zu den bedeutendsten Anbauregionen Deutschlands. 60,6 Prozent aller hierzulande erzeugten Kulturheidelbeeren stammen von hier, die Erntemenge lag 2025 bei 10.460 Tonnen. Von 2.600 Hektar Strauchbeerenanbau entfallen 2.239 Hektar auf Heidelbeeren.

Sie hat beim Pflücken direkt probiert und der Gesichtsausdruck verrät es: Elsa schmeckt es. Foto: Wertgen
Fünf Jahre Geduld bis zur ersten Beere
Die insgesamt 8,7 Hektar an Heidelbeerfeldern stehen bei Ruff zu 80 Prozent auf Torf. Das ist im heimischen Garten seltener gegeben. Daher ist es auch relativ schwer, Blaubeeren selbst anzupflanzen. Und wer lockeren, humosen Boden mit pH-Wert zwischen 4,8 und 5,2, dazu viel Sonne und regelmäßiges Wässern bieten kann, braucht noch Geduld: Bis die ersten Früchte reifen, vergehen fünf Jahre, erzählt Ruff.
Was Familie Maruszewski hier pflückt, wird sowohl Heidelbeere als auch Blaubeere genannt. Beides meint dasselbe. Der Unterschied zwischen Blau-/Heidelbeeren liegt woanders: zwischen Kultur- und Wildheidelbeere. Die wild wachsenden Beeren sind kleiner, haben kein weißliches, sondern dunkelblaues Fruchtfleisch und sind noch intensiver im Geschmack.
Für den Winter einfrieren, statt Importware
Die Maruszewskis haben sich bereits selbst mit Heidelbeeren eingedeckt, als Snack, für Marmelade, Kuchen und den Gefrierschrank - damit auch außerhalb der Saison Beeren aus der Region auf dem Tisch stehen.
Wer ganzjährig auf Heidelbeeren zugreifen will, ist sonst auf Importware angewiesen - etwa aus Südamerika und -afrika, wo laut Ruff deutlich weniger dunkle Beeren gegessen werden. Die dortige Produktion gäbe es überwiegend für den europäischen Markt. Dies geschehe meist unter stärkerem Einsatz von Spritzmitteln als hierzulande.
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Anders als die Importware aus dem Süden hängt die Ernte in Groß Sterneberg stark vom Wetter ab. Vor zwei Jahren kam Ruff auf über 36 Tonnen vermarktungsfähige Ware, im vergangenen Jahr vernichteten 170 Liter Regen in drei Wochen rund zwei Drittel der Ernte, sodass nur zehn Tonnen blieben. Für dieses Jahr rechnet er mit knapp 30 Tonnen.
Pflücker kommen aus Hamburg
Einige Sträucher weiter füllt Nicole gemeinsam mit ihrem Vater die Eimer. Die 20-Jährige ist extra aus Hamburg angereist, mehr als eine Stunde Fahrt für ein paar Kilo Heidelbeeren. Frisch vom Feld schmeckten sie einfach besser, findet auch sie.
Es ist das erste Jahr, in dem Ruff das Selbstpflücken bewirbt. Und es scheint sich über die Kreisgrenzen hinaus herumzusprechen. Büttner, die sich im Verkaufshäuschen um alles kümmert, hatte die Idee, den Stand entsprechend herzurichten und hat sich um Deko gekümmert.
Wie gut das Angebot angenommen wird, hat Ruff überrascht. Er kann es sich gut vorstellen, die Öffnungszeiten im nächsten Jahr auszuweiten. Die Zielgruppe ist riesig: In den Sträuchern rascheln junge Frauen, genauso wie ältere Ehepaare - und auch Kinder finden die selbst gepflückten Heidelbeeren spannender als die Schale aus dem Supermarkt.
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