T„Was bin ich noch?“: Wie Nele Franz an Rückschlägen wuchs
Die Familie ist ein großer Anker im Leben von Nele Franz. Foto: Wertgen
Dass sie als Neuzugang direkt Kapitänin wird, mit der Rolle hatte Nele Franz nicht gerechnet. Ihre (tragische) Geschichte macht sie aber zur richtigen Wahl und zu einem Vorbild.
Buxtehude. Erster Spieltag der neuen Saison. Die HSG Blomberg-Lippe empfängt den Thüringer HC. Plötzlich liegt Nele Franz auf dem Boden. Ihr Knie hat nach einem gewöhnlichen Zweikampf nachgegeben. Die heimischen Fans hören auf zu trommeln. Es sind nur noch Franz und ihre schmerzerfüllten Schreie zu hören. Sie gehen ins Mark.
„Ich wusste direkt, es ist alles in diesem Knie Schrott“, sagt Nele Franz fast fünf Jahre später. Sie sitzt in einem Büro des Buxtehuder SV und trägt ihren Kreuzbandriss am 24. September 2021 als ersten Tiefpunkt ihrer handballerischen Karriere in ein Diagramm ein. Die Grafik zeigt, wie gut oder schlecht es für Franz lief.
Die Grafik zeigt, wie gut oder schlecht es für Nele Franz in ihrem bisherigen Leben lief. Foto: TAGEBLATT
Vom absoluten Hoch zum Tiefpunkt
Drei Linien für drei Lebensbereiche sollen es sein - eine für Familie und Privates, eine fürs Berufliche, eine für den Handball. Für Letztere wählt die 26-Jährige einen blauen Stift aus. „Das sind die BSV-Farben“, sagt sie sofort.
Vor dem Tiefpunkt lebt Franz einen Handball-Traum: Als 21-Jährige feiert sie im April 2021 ihr Debüt für die Nationalmannschaft, im Mai die Nachricht, dass die Liga sie zur besten Spielerin der Saison kürt. Die Ehrung findet im September statt, nur 20 Minuten vor der Verletzung.
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Beruflich abgesichert
Nele Franz greift zum grünen Stift, der für ihr Schul- und Berufsleben steht. „Ich nehme beim Korrigieren lieber den grünen Stift“, erklärt sie ihre Farbwahl. Als sie sich das Kreuzband reißt, studiert sie Sport und Biologie auf Lehramt. Durch die nötige OP kriegt auch das Studium einen Knacks. Franz zeichnet die Kurve nach unten.

Der detaillierte Blick auf die Zeit, insbesondere von 2021 bis 2023 zeigt, wie schnell es im Sport manchmal gehen kann. Auf DHB-Nominierungen und Auszeichnen folgten Verletzungen, Comebacks und neuerliche Verletzungen. Foto: TAGEBLATT
Die grüne Linie geht für Franz relativ flach weiter. Das Referendariat sei „brutal“ gewesen. „Ich hatte anderthalb Jahre keinen freien Tag, weil immer entweder Handball oder Schule anstanden“, so Franz. Geschafft hat sie es trotzdem. „Ich bin mega happy“, sagt sie über ihr zweites berufliches Standbein. Statt als klassische Lehrerin unterstützt sie zunächst bei der Kooperation zwischen Gymnasium Süd und BSV. Das gibt ihr Raum für Handball und neu gewonnene Freizeit.
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Es liegen noch einige Farben auf dem Tisch. Für Familie und Freunde überlegt Franz aber nicht lange: „Ich habe direkt an ein rotes Herz gedacht“, sagt sie und zeichnet eine rote Linie, die sich zur Zeit des Kreuzbandrisses nach oben bewegt.

Reflektiert und mit Charisma: Franz zeichnet ihre persönlichen Hoch und Tiefs ein. Foto: Wertgen
Familie als Rückhalt - immer
Schon in ihrer „supertollen Kindheit“ unterstützten Franz ihre Eltern auf allen Wegen. „Ich war zu der Zeit privat glücklich, weil ich wusste, dass ich Leute habe, die für mich da sind“, so Franz. Sie lernt: „Man braucht nicht 30 Freunde, sondern Menschen um sich, die wirklich für einen da sind.“
Die Reha ist lang und hart, aber erfolgreich. Franz feiert nach elf Monaten ihr Comeback. „Ich konnte wieder Handball spielen. Das war das Größte, was mir hätte passieren können“, sagt Franz und zeichnet die blaue Linie nach ganz oben.
Der nächste Schock
Nach einem Meniskusriss im selben Knie, erneuter Zwangspause und neuerlichem Comeback, hält Franz ein gelegentliches Zwicken zunächst für normal. Im Mai 2023 folgt die Hiobsbotschaft: Bei einer Routineuntersuchung kommt heraus, dass das eingesetzte Sehnentransplantat gerissen ist.
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Anders als beim ersten Kreuzbandriss kann Franz keinen Moment benennen, an dem es passiert sein könnte. Mental trifft sie der zweite Riss härter als der erste. „Für mich war das Schlimmste, es meinen Eltern zu sagen, weil ich wusste, dass sie so mitleiden“, sagt Franz über die Fahrt nach Hause. Als ihre Mutter die Tür öffnet, bricht Franz in Tränen aus.
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„Was bin ich eigentlich noch?“
Auf dem Diagramm zeigt Franz auf der blauen Linie auf diesen Tiefpunkt. „Was bin ich eigentlich noch?“, habe sie sich gefragt. Sie lernt zu der Zeit, Handball anders wertzuschätzen. Sie möchte sich nicht nur über den Sport identifizieren. Verlorene Spiele nehmen seither nicht mehr so viel Raum ein wie früher. Franz kann sich stattdessen besser auf die nächste Aufgabe fokussieren: „Haken wir es ab und morgen geht das Leben weiter“, so Franz.
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Ein ganzes Jahr spielt Franz keinen Handball. Ihr Vertrag in Blomberg läuft aus. „Ich wäre an sich gerne geblieben, aber es hat nicht mehr gepasst“, sagt Franz heute. Metzingen bietet ihr das Vertrauen. Ihr Debüt gibt sie direkt im Supercup 2024.
Handball liegt in der Familie
Angefangen hat es einst in einer handballaffinen Familie. Mit fünf Jahren steht Franz zum ersten Mal auf dem Feld. Mit 13 wechselt sie zur HSG Blomberg-Lippe, fährt anderthalb Stunden täglich zum Training. Als 15-Jährige geht ihr Wunsch in Erfüllung. Franz darf auf das Sportinternat der HSG. Ein Jahr später kommt dennoch kurz Heimweh auf. Sie vermisst ihre beiden Geschwister und die Familie. Unglücklich sei sie aber nie gewesen.
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Das Gefühl kehrt mit dem Wechsel nach Süddeutschland zurück. Franz zeichnet erst mit dem blauen, dann mit dem roten Stift. Sportlich geht es für sie aufwärts, privat nach unten. Sie lebt so weit weg von der Heimat wie noch nie. Das heimische Bielefeld und Blomberg trennen nur 45 Minuten. Für einen spontanen Kaffee mit der Familie reichte das locker. Metzingen liegt mehr als sechs Stunden entfernt - auch von ihrem Freund, der in Bielefeld lebt. „Ich war nicht unglücklich, aber ich habe meine Leute schon vermisst“, sagt Franz.
Was der Umzug nach Metzingen kostet
Auf die Distanz folgt Nähe. Als der Buxtehuder SV sich meldet, hat Franz auch andere Angebote vorliegen. Doch die Perspektive überzeugt, beim BSV eine führende Rolle einzunehmen. Mit dem Wechsel steigen blaue und rote Linie wieder gemeinsam: sportlich, weil ihr das Spielkonzept liegt, privat, weil sie wieder deutlich näher an ihrer Heimat lebt.
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Das Trainerteam bestimmt sie wenige Wochen nach ihrer Ankunft zur Kapitänin, ein Vertrauensbeweis, mit dem sie selbst nicht gerechnet hat. Auf der Platte ist auch das Vertrauen ins Knie längst zurück. Angst vor einer erneuten Verletzung hat sie nicht. Das kann sich eine Spielerin, die dorthin geht, wo es wehtut, auch gar nicht leisten.
Eine gereifte Spielerin ist Kapitänin
Sie sei eine komplettere Spielerin als vor den Verletzungen: mit mehr Struktur im Spiel, besserem Körpergefühl - und menschlich sei sie wertvoller für eine Mannschaft. Die 26-Jährige spricht in dem Interview sehr reflektiert. „Die Verletzungen haben mich gestärkt, aber ich brauche sie nicht nochmal“, sagt sie.
Über ihre Verletzungsgeschichte alleine will sie sich nicht definieren lassen. Dafür ist Franz ohnehin zu talentiert. Doch sie ist Teil ihrer Story, und über die spricht Franz beeindruckend offen - über die vielen Tränen und die harte Reha.
Mit einer YouTube-Dokumentation über ihre Leidenszeit möchte sie anderen Mut machen. Vor Kurzem hat sie Post von einer Mutter bekommen, deren Tochter sich ein Kreuzband gerissen und durch Franz Kraft geschöpft hat.
„Ich will zeigen, dass es Wege zurück gibt“, sagt Franz. Ihr Diagramm ist der Beweis: Es geht auch mal nach unten, aber am Ende immer wieder nach oben.
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