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Großenwörden

TWenn Rinder sich mit Photovoltaikanlagen die Weide teilen

Zwischen den vertikalen Anlagen ist genug Platz für Weidehaltung.

Zwischen den vertikalen Anlagen ist genug Platz für Weidehaltung. Foto: Next2Sun

In Großenwörden möchte Next2Sun auf 15 Hektar einen Solarpark mit vertikaler Agri-PV errichten. Wie das funktioniert, erklärten kürzlich Robin Oßwald und Benedikt Nickel.

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Von Susanne Helfferich
Mittwoch, 15.04.2026, 11:15 Uhr

Großenwörden. Rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer kamen kürzlich in den Großenwördener Hof. Bürgermeister Martin Doerksen und Gemeinderat hatten die Einwohner eingeladen. Nicht alle waren hinterher überzeugt.

Doch der Bürgermeister hielt dagegen: „In den Dörfern um uns herum gibt es viele Windräder und erst einen Solarpark in Engelschoff. Die nächsten Windräder, die jetzt geplant werden, werden 200 Meter hoch.“ Die drei Meter hohen, vertikalen bifazialen (beidseitigen) Agri-PV-Module dagegen sollen sich wesentlich besser in die Landschaft einfügen.

Senkrechte PV-Module. Wie soll das funktionieren, fragte sich so mancher Besucher. Benedikt Nickel und Robin Oßwald von Next2Sun stellten das Projekt und ihr Unternehmen vor. „Projektentwickler sehen uns als Pioniere der vertikalen Photovoltaikanlagen“, betonte Robin Oßwald.

Junges Unternehmen mit 100 Mitarbeitern

Next2Sun ist ein junges Unternehmen und beschäftigt mehr als 100 Mitarbeitende. Gegründet 2015 im Saarland, nach eigenen Angaben mit dem Ziel eines nachhaltigen und netzdienlichen Ausbaus von Photovoltaik auf Freiflächen. Netzdienlich heißt, dass Energie zu Zeiten produziert wird, wenn sie auch benötigt wird. Während die herkömmlichen PV-Anlagen eher horizontal und nach Süden gerichtet aufgestellt werden, setzt das Unternehmen auf vertikale zweiseitige Agri-PV, die nach Osten und Westen ausgerichtet ist.

Eines der größten Projekte von Next2Sun ist die Photovoltaikanlage am Frankfurter Flughafen, die im Oktober 2025 an der Startbahn West in Betrieb genommen wurde. Sie gilt als weltweit größte vertikale Anlage und erzeugt auf 2,8 Kilometer mit rund 37.000 senkrechten, bifazialen, also zweiseitigen, Modulen jährlich etwa 17,4 Millionen kWh Grünstrom.

Agri-PV als zweites Standbein für die Landwirtschaft

Um wesentlich kleinere Dimensionen geht es bei dem geplanten Solarpark in Großenwörden; ebenso bei einem weiteren Projekt in Krummendeich. In Großenwörden wollen zwei junge Landwirte auf Weideflächen Agri-PV als zweites Standbein realisieren. Auf 15,6 Hektar, östlich und westlich der Dorfstraße, soll der Agri-Solarpark realisiert werden, so Robin Oßwald. Der Ertrag soll zwischen 1000 und 1100 kWh pro kWp liegen. Pro Hektar könnten 350 bis 500 kWp Photovoltaik-Leistung installiert werden. Als möglicher Partner zur Netzverknüpfung ist die EWE im Gespräch.

„Unser Ziel ist die Energiegewinnung“, erklären die Projektleiter. Die vertikale bifaziale Agri-PV ermögliche eine Doppelnutzung: vertikal die Energieproduktion bei geringem Flächenverbrauch und horizontal die Landwirtschaft. Gesetzliche Vorgabe sei, dass 85 Prozent der Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar bleibt. Bei Next2Sun seien es eher 90 Prozent. „Die Landwirtschaft bleibt Primärnutzung, wir passen uns an.“

Module nehmen nur ein Prozent der Fläche ein

Die PV-Module werden senkrecht in Reihen aufgebaut. Die in Großenwörden geplanten Anlagen sind drei Meter hoch. Theoretisch können bis zu drei Module übereinander bis zu viereinhalb Meter hoch eingebaut werden. Doch wegen der starken Windlast im Norden sei dies nicht sinnvoll, erklärte Benedikt Nickel. Aus der Vogelperspektive nähmen die senkrechten Module nur ein Prozent der Fläche ein. „Da wir sehr wenig Fläche verbrauchen, kann die Landwirtschaft uneingeschränkt weiterarbeiten.“

Durch den Einsatz bifazialer Solarmodule kann auf beiden Seiten Strom generiert werden. Anders als konventionelle PV-Anlagen, die mittags den Hauptertrag in die Netze einspeisen, werden die Modulflächen der vertikalen Anlagen beidseitig nach Osten und Westen ausgerichtet, um die Morgen- und Abendstunden zu nutzen. Zu diesen Zeiten könnten höhere Strommengen eingespeist werden.

Verankerung ohne Betonfundamente

Auch von Vorteil: Es werden keine Betonfundamente benötigt, sondern ein Gestellsystem aus verzinktem Stahl genutzt, der rückstandslos abgebaut werden könne. Eine hydraulische, acht Tonnen schwere Ramme drücke die jeweiligen Rammgestelle 1,5 bis 2,5 Meter tief in den Boden. Zwischen Boden und unterem Modul bleiben 80 Zentimeter für Blühpflanzen oder Wildtiere frei.

Der Bewirtschaftungsstreifen ist 17 beziehungsweise 9 Meter breit. Die Landeigentümer wollen den Solarpark für ihre Weidewirtschaft nutzen.

Zwischen den vertikalen Anlagen ist genug Platz für die Landwirtschaft.

Zwischen den vertikalen Anlagen ist genug Platz für die Landwirtschaft. Foto: Next2Sun

Soweit die Pläne, doch der Weg ist noch weit: Im Entwurf des Regionalen Raumordnungsprogramms ist Solarenergie für Großenwörden bisher nicht vorgesehen - allerdings ist Agri-PV bevorzugt. Martin Wist vom Bauamt stellte klar, dass noch nichts entschieden sei. Das Projekt „steht und fällt mit dem Aufstellungsbeschluss“ für einen Bebauungsplan und den Beteiligungsverfahren der Bürger und der öffentlichen Einrichtungen.

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