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Cold Case

TWichmann-Morde: Sollte auch dieses Mädchen entführt werden?

Rainer Klöfkorn (links) zeigt Reinhard Chedor die Stelle zwischen Großenhain und Ebersdorf, an der die Leiche von Sonja Ady am Morgen des 23. August 1987 gefunden wurde.

Rainer Klöfkorn (links) zeigt Reinhard Chedor die Stelle zwischen Großenhain und Ebersdorf, an der die Leiche von Sonja Ady am Morgen des 23. August 1987 gefunden wurde. Foto: C. Borgardt

Damals war sie 14 Jahre alt, heute ist sie Mitte 50: Ein Frau hat sich bei den privaten Ermittlern gemeldet. Führt die Spur nach Heinschenwalde?

Von Rainer Klöfkorn, bz 29.09.2026, 11:00 Uhr

Bremervörde. Nach einer Veranstaltung der „Bremervörder Zeitung“ im Juni dieses Jahres, in der es um den Mordfall Sonja Ady und mögliche Verbindungen zu dem mutmaßlichen Massenmörder Kurt-Werner Wichmann in die Region Bremervörde ging, hat sich die Frau, die damals um die 14 Jahre alt war, bei Reinhard Chedor gemeldet.

Sie ist eine von vielen Personen, die sich in den letzten Monaten beim ehemaligen Chef des Hamburger Landeskriminalamtes (LKA) meldeten. Der heute 73-Jährige gehört wie weitere Experten zu der privaten Ermittlungsgruppe. Bei der Veranstaltung in Bremervörde informierten Chedor und Prof. Dr. Klaus Püschel, renommierter Gerichtsmediziner und jahrelanger Leiter der Gerichtsmedizin in Hamburg, über die Tätigkeit der Gruppe und baten dabei um Hinweise möglicher weiterer Opfer von Kurt-Werner Wichmann.

Im Anschluss berichtete eine heutige Bremervörderin Chedor von einem Erlebnis, das sie zwischen 1985 und 1987 datiert und das sich in Heinschenwalde ereignet hat. Gemeinsam mit Redakteur Rainer Klöfkorn von der „Bremervörder Zeitung“, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Mord an Sonja Ady im August 1987 befasst, besuchte Chedor vor kurzem den Ort, an dem die Jugendliche angesprochen wurde.

Versuchte Entführung in Heinschenwalde?

Sie sei mit ihrem Fahrrad auf der Dorfstraße in Heinschenwalde unterwegs gewesen, als plötzlich ein Kleinbus neben ihr hielt. Zwei Männer seien ausgestiegen und hätten sie nach einer Adresse in Heinschenwalde gefragt. Der damals etwa 14-Jährigen sei das Ganze sehr ungewöhnlich vorgekommen, sie habe sich bedrängt gefühlt.

Glücklicherweise habe sich eine Nachbarin eingeschaltet und die Männer aufgefordert, die Jugendliche in Ruhe zu lassen. Die Männer seien darauf schnell in ihr Fahrzeug gestiegen und in Richtung Hipstedt davongefahren. Die Hinweisgeberin schließt Wichmann als Fahrer optisch nicht aus.

Auch Chedor kann sich aufgrund ähnlicher Hinweise vorstellen, dass es sich bei dem Fahrer um Kurt-Werner Wichmann gehandelt haben könnte. Wichmann, der 1993 in der Haft Selbstmord verübte, steht unter Verdacht, für das Verschwinden zahlreicher junger Mädchen im nördlichen Niedersachsen verantwortlich zu sein. Zwischen 1977 und 1986 verschwanden sieben junge Frauen, von denen viele nach einem Discothekenbesuch per Anhalter unterwegs waren.

Verübte Wichmann Taten mit einem Mittäter?

Nachgewiesen werden konnte Wichmann der Mord an Birgit Meier, der Schwester von Chedors Vorgänger als Hamburger LKA-Chef, Wolfgang Sielaff. Die private Ermittlergruppe fand 2017 die sterblichen Überreste der seit 1989 vermissten Frau in der Garage eines früheren Wohnhauses von Wichmann. Auch die so genannten Göhrde-Morde – zwei Liebespaare wurden 1989 innerhalb kurzer Zeit in dem Waldstück bei Lüneburg getötet – sollen von ihm verübt worden sein. Chedor und seine Mitstreiter schließen nicht aus, dass Wichmann seine Taten häufig mit einem Mittäter verübte.

Die Anwesenheit vor kurzem in Heinschenwalde nutzte Chedor zu einem Abstecher nach Ebersdorf. Dort, nördlich der Landstraße nach Großenhain, wurde Sonja Ady aus Bremervörde am Morgen des 17. August 1987 tot aufgefunden. Nach einem Besuch der Beverner Diskothek „Tatöff“ wurde die 16-Jährige mit über 50 Messerstichen ermordet. Chedor sieht eine zeitliche Nähe zu dem Ereignis in Heinschenwalde, da der Ort nur wenige Kilometer von der Fundstelle der toten Sonja Ady entfernt ist.

Angeklagt wegen dieser Tat wurde ein junger Mann aus Himmelpforten, den Sonja Ady an diesem Abend in der Diskothek getroffen hatte. Am Ende eines langen Verfahrens stand 2011 ein Freispruch. Der Richter wies in der Urteilsbegründung darauf hin, dass es noch Anhaltspunkte für eine weitere Ermittlungsarbeit geben würde. Dies unterblieb jedoch, der Fall wurde zu den Akten gelegt.

Ermittlergruppe will Akten eingehend prüfen

Damalige Zeugenaussagen, wonach die 16-Jährige mit zwei Männern auf dem „Tatöff“-Parkplatz gesehen wurde, könnten für eine Täterschaft Wichmanns sprechen. Die Ermittlergruppe hat sich vorgenommen, die Akten über den Mordfall eingehend zu prüfen und eventuell noch vorhandene kriminaltechnische Spuren auszuwerten. „Für uns ist der Fall Sonja noch nicht abgeschlossen“, sagt Chedor. Wichmann sei ein Sadist gewesen, das Vorgehen bei der Tötung von Sonja passe dazu.

Der Ermittler ist überzeugt, dass Wichmann auch im Bremervörder Raum auf der Suche nach möglichen Opfern war. Bestärkt darin fühlt er sich durch Informationen im Anschluss an die Veranstaltung, aber auch durch eine weitere in Stade. Auch danach hätten sich Personen gemeldet, die der Ansicht waren, auf Wichmann getroffen zu sein. Dabei habe sich noch einmal bestätigt, dass dieser auch auf der Suche nach jungen männlichen Opfern war.

Wo sind die Leichen der jungen Frauen?

Zahlreiche Zeugenaussagen wertet Chedor als Indiz dafür, dass Wichmann sich nicht nur auf Norddeutschland beschränkte, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands Verbrechen beging, beispielsweise im Rhein-Neckar-Gebiet oder im Raum Karlsruhe. Bekannt ist, dass er mit seinen Autos weite Strecken zurücklegte. Dabei sei er teilweise auch in Begleitung einer Frau gewesen, die Zeuginnen auf Fotos als Freundin Wichmanns erkannten.

Ein weiterer Hinweis von vielen bezieht sich auf einen Vorfall bei Elm. Dort soll Wichmann mit seinem Mercedes eine Frau in ihrem Fahrzeug ausgebremst haben. Als sie in einen Feldweg einbiegt, folgt er ihr und steigt aus. Er wolle nur mal mit ihr reden, sagt der Mann. Als er jedoch den großen Hund der Frau bemerkt, entfernt er sich sofort.

Die Anhörung vieler Personen, die meinen, Wichmann getroffen zu haben, bildet einen Schwerpunkt der Tätigkeit Chedors und seiner Gruppe. Hinzu kommen beispielsweise Untersuchungen von Grundstücken, die mit Wichmann in Verbindung stehen könnten. Dabei seien auch bereits Gegenstände gefunden worden, die ihm zugeordnet werden könnten. Die Hauptfrage bleibt jedoch, wo die Leichen der jungen Frauen, die zwischen 1977 und 1986 verschwanden, geblieben sind. Dass die Vermissten heute noch leben, scheidet nach menschlichem Ermessen aus.

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