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TWie Bargstedt gegen den Trend wächst: Erfolgsrezept des Reitturniers

Josh Löhden konnte mit „Chacco di Monti“ ein S-Springen in Bargstedt gewinnen.

Josh Löhden konnte mit „Chacco di Monti“ ein S-Springen in Bargstedt gewinnen. Foto: Jan Iso Jürgens

Bargstedt verwandelt sich für vier Tage in eine pulsierende Reiterstadt, wo 750 Pferdesportler um Siege kämpfen und Familien sich in geselliger Atmosphäre treffen.

Von Rainer Thumann Sonntag, 21.06.2026, 15:57 Uhr

Bargstedt. Es ist kurz nach Mittag. Über dem Spring- und Dressurplatz flimmert die Luft. Fast 35 Grad zeigt das Thermometer. Aus den Lautsprechern schallt die nächste Startnummer. In der Meldestelle klingelt ununterbrochen das Telefon. Kinder springen auf den Hüpfburgen. Eltern suchen Schatten unter den Eichen. Eine Reiterin streicht ihrem Pferd ein letztes Mal über den Hals, bevor sie ins Dressurviereck einreitet.

Vier Tage Ausnahme-Zustand in Bargstedt

Für vier Tage ist Bargstedt kein Dorf mehr. Es ist eine kleine Reiterstadt auf Zeit. 750 Pferdesportlerinnen und Reiter, 2122 Startplätze für 1342 Pferde – das 93. Reit- und Dressurturnier gehört zu den größten Veranstaltungen seiner Art in Norddeutschland. Doch die Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn während vielerorts Vereine über sinkende Starterfelder klagen, wächst Bargstedt seit Jahren.

„Wir bewegen uns gegen den Trend“, sagt der Vorsitzende des Reitvereins Harsefeld, Dietmar Meyer. Seit mehr als drei Jahrzehnten organisiert er das Turnier im großen Team mit. Sein Erfolgsrezept klingt erstaunlich einfach: „Die Leute sollen sich wohlfühlen.“

Das Bullenreiten ist in Bargstedt ein fester Bestandteil des Reitturniers.

Das Bullenreiten ist in Bargstedt ein fester Bestandteil des Reitturniers. Foto: Jan Iso Juergens IsoluxX-Fotogr

Wer über das Gelände geht, merkt schnell, dass sich hier vieles nicht nur um den Sport dreht. Kinder buddeln im Sandkasten, führen Ponys spazieren oder sitzen zum ersten Mal im Sattel. Am Weinstand Poscher bilden sich lange Schlangen, Bekannte begrüßen sich mit Handschlag. Familien verbringen den ganzen Tag auf der Anlage. Rund 200 Helfer halten das Getriebe am Laufen, mehr als 120 Sponsoren tragen die Veranstaltung seit vielen Jahren mit. Das Turnier ist längst mehr als eine Sportveranstaltung. Es ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt mit sehr viel jungem Publikum.

Hier ist das Pferd größer als die Reiterin

Natürlich geht es trotzdem um Leistung. Im Dressurviereck sitzt Leonie Höper konzentriert im Sattel ihres Wallachs „Touchdown“. Ein edles Tier mit wachen Ohren im schnellen Galopp. Der Widerrist des Pferdes misst 1,75 Meter – sechs Zentimeter mehr als seine Reiterin. Die Hitze treibt ihr Schweißperlen ins Gesicht. Trotz Marscherleichterung reitet sie im Frack. „Für mich gehört es dazu. Ich wollte früher Springreiten“, erzählt die 20-jährige Bliederdorferin vom gastgebenden Verein nach der schwierigen S*-Prüfung, die nicht sie, sondern die Staderin Leonie Seufert gewinnt.

Nach zwei Unfällen entschied sich Leonie für die Dressur. „Zum Ausgleich springe ich mit Touchdown manchmal über kleinere Hindernisse. Das macht ihm richtig Spaß.“ Bald beginnt sie ihr Sportwissenschaftsstudium in Hamburg. Der Pferdesport bleibt dennoch Mittelpunkt ihres Alltags und der ihrer unterstützenden Eltern. „Ich reite, weil es mir Spaß macht. Sonst wäre der Aufwand es nicht wert.“

Springreiter Josh Löhden siegt im Stechen

Wenige Meter weiter endet die Springprüfung der schweren S*-Klasse mit einem Namen, der in Bargstedt seit Jahren bekannt ist. Josh Löhden aus Steddorf behält auf „Chacco di Monti“ im Stechen gegen sieben Mitbewerber die Nerven. Mit einem rasanten fehlerfreien Ritt über die 1,40 Meter Hindernisse. Gemeinsam mit seinem Vater Jens führt der 33-Jährige den Familienbetrieb in dritter Generation. Rund 50 Pferde stehen dort im Training.

Im Dressurviereck sitzt Leonie Höper aus Bliedersdorf konzentriert im Sattel ihres Wallachs „Touchdown“.

Im Dressurviereck sitzt Leonie Höper aus Bliedersdorf konzentriert im Sattel ihres Wallachs „Touchdown“. Foto: Jan Iso Jürgens

„Für uns hat dieses Turnier einen ganz besonderen Stellenwert“, sagt Josh vor den modernen Reitanhängern, aus denen einige Pferdeköpfe das Gespräch belauschen. „Es ist für mich undenkbar, ohne Pferde zu leben“, sagt der Erstplatzierte. Sein Vater muss kurz überlegen. Dann lächelt er: „Ich komme zum 50. Mal nach Bargstedt, ohne ein einziges Mal auszusetzen.“ Ein halbes Jahrhundert Turniergeschichte in einem einzigen Satz.

Tierarzt: Ausreichend Wasser für die Pferde

Dabei verlangt das Wetter an diesem Wochenende Mensch und Tier einiges ab. Während Besucher jede schattige Bank oder die Tribüne besetzen, bleibt Tierarzt Jens Brunke erstaunlich gelassen. „Es steht viel Wasser zur Verfügung. Die Pferde werden nach den Prüfungen ausreichend getränkt“, sagt der Doktor. Viel Arbeit bescheren ihm lediglich kleinere Blessuren wie Hautabschürfungen.

Hufbeschlagsschmiedin Carmen Holsten wartet mit ihrer mobiler Schmiede auf den nächsten Einsatz.

Hufbeschlagsschmiedin Carmen Holsten wartet mit ihrer mobiler Schmiede auf den nächsten Einsatz. Foto: Jan Iso Juergens IsoluxX Fotogr

Pferde seien als Steppentiere an hohe Temperaturen gut angepasst, die Reiter würden stärker unter der Hitze leiden, erklärt Hufbeschlagsschmiedin Carmen Holsten. Sie wartet mit ihrem 35-Kilo-Amboss und mobiler Schmiede geduldig auf ihren nächsten Einsatz. „Wenn man mich braucht, dann bin ich da“, so die seit 17 Jahren Selbstständige. Bis zum letzten Ritt bleibt sie vor Ort. Am Freitag gingen fünf Hufeisen ab, am Tag drauf nur eins.

Viele Deutschlandtrikots beim Reiten

Als die Sonne langsam tiefer steht, endet der Sport noch lange nicht. Vor der Großbildleinwand, wo tagsüber die Akteure und ihre Leistungen genannt werden, sammeln sich Jugendliche in beflockten Deutschland-Trikots.

Das Reitturnier in Bargstedt hat auch immer Volksfest-Charakter.

Das Reitturnier in Bargstedt hat auch immer Volksfest-Charakter. Foto: Jan Iso Juergens IsoluxX Fotogr

Familien bleiben sitzen, Freunde bestellen noch ein Getränk. Jetzt richtet sich der Blick auf die Videowand. Das deutsche Team trifft bei der WM auf die Elfenbeinküste. Der Pferdesport hat Pause. Nun fiebern alle beim Fußball mit.

Tjark Nagel, früher als Teufelsreiter bekannt, war in Bargstedt als Trainer dabei.

Tjark Nagel, früher als Teufelsreiter bekannt, war in Bargstedt als Trainer dabei. Foto: Jan Iso Juergens IsoluxX-Fotogr

Der Sommerabend findet ein versöhnliches Ende für alle Beteiligten. Das Erfolgsgeheimnis von Bargstedt liegt vermutlich nicht in Rekordzahlen. Es sind nicht die schweren Prüfungen. Nicht einmal die prominenten Namen wie Ex-Europameister Carsten-Otto Nagel oder sein Cousin und Trainer Tjark Nagel. Sondern das Gefühl, dass hier jeder dazugehört – ob Olympiakandidat, Nachwuchsreiter, Ehrenamtlicher oder Besucher. Für vier Tage wird aus einem Turnier ein Ort, an dem sich eine ganze Region begegnet.

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