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Buxtehude

TGegen das Artensterben: Angler-Einsatz und Millionenhilfe für die Este

Manfred Krauß begutachtet Meerforelleneier im Bruthaus.

Manfred Krauß begutachtet Meerforelleneier im Bruthaus. Foto: Richter

Um die biologische Vielfalt der Este zu retten, machen Angler und Stadt sich große Mühe und geben viel Geld aus. Hat das schon etwas gebracht?

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Von Anping Richter
Donnerstag, 26.02.2026, 22:05 Uhr

Buxtehude. „Wir haben einen Meerforellenfluss vor der Haustür. Anderswo fahren Angler für so etwas Hunderte Kilometer“, sagt Manfred Krauß voller Stolz. Er ist Salmonidenwart des Angelsportvereins (ASV) Scheeben Wind, also zuständig für die lachs- und forellenartigen Fische, zu denen die Meerforelle (Salmo trutta trutta) gehört.

Wasserkraftwerk: Gut für Granini, schlecht für Fische

In vielen Flüssen Europas ist die Meerforelle heute ausgestorben. Das drohte ihr auch in der Este: Um das Wasserkraftwerk, das früher Strom für die Granini-Saftfabrik produzierte, zu umgehen, wurde einst eine Fischtreppe gebaut. Doch die war seit Jahrzehnten marode. Die Angler flickten sie immer wieder, aber trotzdem war sie nur noch für die allerkräftigsten Fische passierbar.

„Wir haben viele Jahre für Ersatz gekämpft“, berichtet Manfred Krauß. Sein Vorgänger, der verstorbene Karl-Hans Bahns, hatte immer wieder gewarnt, dass Weißfischarten, Bachforellen und Meerneunaugen die Fischtreppe kaum noch überwinden konnten. Und auch gesunde Exemplare der kräftigsten Arten drohten, nach dem anstrengenden Aufstieg aus Erschöpfung beim Kampf um die besten Laichplätze zu sterben.

Manfred Krauß und Karl-Hans Bahns bei der Reparatur der alten Fischtreppe im Jahr 2013.

Manfred Krauß und Karl-Hans Bahns bei der Reparatur der alten Fischtreppe im Jahr 2013. Foto: Vasel

Erste Pläne für einen neuen Fischpass in Form eines Umlaufgrabens präsentierte Karl-Hans Bahns schon 2009. „Er war sehr engagiert und hat auch schon früher Naturschutzprojekte an der Este initiiert“, berichtet Martina Deckwerth von der Abteilung Stadtentwässerung der Städtischen Betriebe Buxtehude. Heute seien Angler und andere ehrenamtliche Naturschützer mit Unterhaltungsverband und Hochwasserschutzverband in Kontakt und arbeiten abgestimmt - zum Beispiel beim Einbringen von Totholz, Kies oder Steinen.

Viele Schleifen: Die Este vor der Begradigung

Die abwechslungsreiche Struktur und die Durchlässigkeit des Flusses, betont Deckwerth, ist nicht nur für Fische wichtig, sondern auch für Kleinstlebewesen (Makrozoobenthos) und für das ganze Ökosystem. Auf einem historischen Foto von 1928 zeigt sie, wie die Este einst aussah: In Schleifen schlängelt sie sich durchs Tal. Um Landwirten das Bestellen der Felder zu erleichtern, wurde damals schon eine Begradigung eingezeichnet. Viele weitere folgten.

Das Foto zeigt die Kurven der Este bei Heimbruch 1928 - eingezeichnet sind die geplanten Begradigungsmaßnahmen.

Das Foto zeigt die Kurven der Este bei Heimbruch 1928 - eingezeichnet sind die geplanten Begradigungsmaßnahmen. Foto: Erich Tauber

Fast 100 Jahre später zeigt sich, wie herausfordernd es ist, die Lebensbedingungen, die der natürliche Fluss einst bot, wieder herzustellen: Gut 2,8 Millionen Euro wurden allein in das Projekt des Fisch-Umlaufgrabens gesteckt. Die Stadt zog am Ende mit - auch, weil sie Fördergelder anzapfen konnte.

Die Baustelle für die Sohlgleite: Unter der Moisburger Straße durch sollen die Fische die Este flussaufwärts schwimmen.

Die Baustelle für die Sohlgleite: Unter der Moisburger Straße durch sollen die Fische die Este flussaufwärts schwimmen.

„Nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie ist es auch unsere Pflicht, die Este bis 2027 zu einer guten ökologischen Qualität zu bringen“, erklärt Martina Deckwerth. Der NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) unterstützte das Projekt, für das Buxtehude einen Fördermittelzuschuss von 90 Prozent bekam.

Die Strömung muss die Fische locken

„Spannend war die Frage: Kriegen wir die Lockströmung hin?“, sagt Deckwerth. Damit die Wanderfische nicht mehr zum Wehr und zur alten Fischtreppe schwimmen, war das wichtig, denn es zieht sie instinktiv dorthin, wo die Strömung stärker ist.

Flussaufwärts schwimmen die Fische in der Sohlgleite in Richtung Mühlenteich.

Flussaufwärts schwimmen die Fische in der Sohlgleite in Richtung Mühlenteich. Foto: Richter

Das wurde in Altkloster durch eine Sohlgleite mit Gefälle bewerkstelligt: Fische, die die Este hinaufschwimmen, werden vor dem Granini-Gelände in die Sohlgleite gelockt, um das Gelände mit Lidl-Markt und Wohnbebauung herum und unter der Moisburger Straße hindurch zum Ende des Mühlenteichs geführt, wo sie dann weiter die Este hinaufwandern. All das machte eine aufwendige Baustelle notwendig.

Ein Neunauge steigt als Erstes auf

Am 15. Juni 2023 hieß es: Wasser marsch! Viele Zuschauer beobachteten den Durchstich - und sahen als Erstes ein Meerneunauge durchschwimmen. Seit 2024 steht es auf der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz als „vom Aussterben bedroht“. Es ist nicht allein geblieben, versichert Manfred Krauß.

An der Abzweigung der Este zur Sohlgleite: Die Strömung ist stark. Das lockt die Wanderfische.

An der Abzweigung der Este zur Sohlgleite: Die Strömung ist stark. Das lockt die Wanderfische. Foto: Richter

Demnächst wird es eine Funktionskontrolle geben, berichtet Deckwerth: „Wir schreiben das aus. Dann kommen Biologen und zählen Fische.“ Die Angler sind recht zufrieden: Sie sehen mehr Meerforellen und ab und zu sogar einen Lachs. Die Bachforellen seien allerdings weniger geworden, bedauert Manfred Krauß. Aber das liege am Fischotter.

Des einen Freud, des anderen Leid: Der Fischotter

Der ist nämlich wieder da und isst Bachforellen für sein Leben gerne. Seine Rückkehr wird gefördert - zum Beispiel, indem an der A26-Brücke über die Este darauf geachtet wurde, dass das Flussufer für den auf der Roten Liste als „gefährdet“ aufgeführten Fischotter passierbar blieb.

Auch der Kormoran, der lange als gefährdet galt, ist wieder zurück, sogar in Scharen. Kormorane haben laut Krauß den Äschenbestand stark dezimiert: „Die Äsche ist kein Fluchtfisch. Die guckt sich selber zu, wie sie vom Kormoran gefressen wird.“

Der ASV Scheeben Wind macht deshalb keinen Äschen-Besatz mehr in der Este: „Es lohnt sich einfach nicht.“ Doch Meer- und Bachforellen setzt der ASV ein, um den Bestand zu erhalten. Mit den Vereinen Harburg-Wilhelmsburg und mit „Frühauf Hamburg“ nutzen sie ein Bruthaus an der Este in Regesbostel.

In den Wiegen der Forellen plätschert es

165.000 Fischeier haben die Angler im November/Dezember von den Weibchen (Rogner) abgestreift und mit der „Milch“ der Männchen (Milchner) besamt. Jetzt liegen sie hier in ihren Wiegen, wie die flachen Behälter in den Becken heißen, in die über ein Bewässerungssystem stets frisches Estewasser läuft. Wenn die Forellen schlüpfen, werden die Angler sie in der Este aussetzen. Sie hoffen, dass sie zum Laichen zurückkommen - über die neue Sohlgleite.

Lesen Sie auch: Angler lieben den Adrenalinkick beim Anbeißen - ein Porträt des Angelsportvereins Scheeben Wind.

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