Nach Anschlag von Berlin: Rund 300.000 Menschen bei CSD in Hamburg
Die Hamburger Polizei spricht von einer friedlichen und ausgelassenen Stimmung bei der Demonstration zum Christopher Street Day. Foto: Georg Wendt/dpa
Nur eine Woche nach dem blutigen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin zeigt die queere Community in Hamburg Flagge. Von Trauer ist bei dem Umzug wenig zu sehen.
Hamburg. Eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat ein Umzug der queeren Community in Hamburg rund 300.000 Menschen auf die Straße gebracht. Mit 60 Lastwagen als fahrende Bühnen von Unternehmen, Vereinen, Parteien und evangelischer Kirche bewegte sich die Parade durch den Stadtteil St. Georg in Richtung Innenstadt. Das Motto lautete: „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!“.
Die Zahl von 300.000 Teilnehmern nannte eine Polizeisprecherin nach Absprache mit dem Veranstalter, dem Verein Hamburg Pride. Zahlreiche Menschen verfolgten den Umzug als Zuschauer. Es seien so viele auf den Straßen gewesen wie nie zuvor bei einem Christopher Street Day in Hamburg, erklärte Vereinssprecher Manuel Opitz. Im vergangenen Jahr waren etwa 260.000 Menschen gekommen. Die Demonstration fand zum 46. Mal statt.
Im Demonstrationszug zum Christopher Street Day in Hamburg fahren nicht nur 60 Lastwagen, sondern auch mehrere Biker. Foto: Georg Wendt/dpa
Die Polizei sprach von einer friedlichen und ausgelassenen Stimmung. Es sei zu keinen Zwischenfällen gekommen. In Berlin hatte der islamistische Attentäter Abdul B. mit einem Auto mehrere Menschen angefahren und weitere vermutlich mit einer Machete attackiert. Eine Frau aus Polen starb, 31 Menschen wurden verletzt. Der 21-Jährige war am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen worden.
Politiker mit Dragqueen an der Spitze
Nach dem Anschlag hatten Politiker von SPD und Grünen zur Teilnahme in Hamburg aufgerufen. „Von Gewalt und Hass lassen wir uns nicht einschüchtern“, erklärte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch auf Instagram. Hamburgs Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) appellierte: „Allen HamburgerInnen möchte ich sagen: Es ist heute wichtiger denn je, sich als Ally (Verbündeter) zu zeigen und sich schützend und supportend (unterstützend) einzureihen.“ Hamburgs CDU-Chef Dennis Thering wünschte auf Instagram „Happy Pride!“ mit einer Regenbogenflagge.

An der Demonstration beteiligen sich auch Politiker von SPD und Grünen. Foto: Georg Wendt/dpa
An der Spitze des Zuges liefen Miersch, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) neben Dragqueen Olivia Jones. Auch Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) war zu sehen. Die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang schrieb aus Hamburg: „Wir lassen uns die Lebensfreude nicht nehmen. (...) Die Freiheit, die in dieser Lebensfreude liegt, ist für alle unerträglich, die den Tod mehr lieben als das Leben.“
Die Lastwagen im Umzug wurden von großen Unternehmen wie Lufthansa Technik, Vattenfall, Beiersdorf oder Eurowings gesponsert. Auch die SPD und die Feuerwehr waren mit eigenen Trucks vertreten, ebenso die evangelische Kirche, der Landesverband der Hospiz- und Palliativarbeit und das Universitätsklinikum Eppendorf. Für Rollstuhlfahrer bot ein „CSD-Inklusionstruck“ Mitfahrgelegenheiten an.
„Gegen Ausgrenzung und beknackste Prüderie“
Unter den angemeldeten Fußgruppen war ein breites Spektrum vertreten, das vom Tierschutzverein über Fetisch-Gruppen bis zum städtischen Kindergartenbetreiber Elbkinder reichte. Bunte Kostüme, hohe Absätze, Leder, Latex, Seifenblasen und viel Glitter prägten das Bild.
Udo Lindenberg schrieb auf Instagram: „Lasst uns Haltung zeigen. Gegen Hass und Hetze. Gegen Gewalt. Gegen Ausgrenzung und beknackste Prüderie. Für Vielfalt. Für Respekt. Für Menschlichkeit. Für ein friedliches Miteinander. Für die wunderbare LGBTQIA+-Community.“ Dazu postete der Sänger ein Video, auf dem er mit Olivia Jones tanzt. Der 80-Jährige hatte kürzlich mehrere Auftritte wegen Krankheit abgesagt.
Berliner CSD zeigt Flagge
Der Berliner CSD-Verein beteiligte sich an der Demonstration in Hamburg mit einem großen Lastwagen, auf dem rund 100 Menschen in schwarzen T-Shirts standen und Fahnen schwenkten. „Wir sind hier, um Flagge und Präsenz zu zeigen. Um zu zeigen: Wir weichen keinen Schritt zurück und lassen uns nicht verängstigen“, sagte Monique King, die beim Berliner CSD das Bühnenprogramm verantwortet.
Am Freitagabend hatte Hamburg Pride nach Angaben von Opitz auf einem Straßenfest in der Innenstadt eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags abgehalten. „Das Gemeinschaftsgefühl der Community war spürbar“, sagte der Vereinssprecher.
Schura: Islam gestattet keine Selbstjustiz
Die Schura - Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg - verurteilte den Anschlag in Berlin sowie jede Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität. „Wenn Menschen den Islam benutzen, um Hass oder Angriffe auf andere zu rechtfertigen, missbrauchen sie unsere Religion. Der Islam gestattet keine Selbstjustiz“, hieß es in einer Mitteilung.
Der Christopher Street Day wird weltweit gefeiert. Die Bewegung geht auf Ereignisse im Juni 1969 in New York zurück. Nach einer Razzia der Polizei in der Szenebar „Stonewall Inn“ kam es damals zu Protesten von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen. Hauptschauplatz von Straßenschlachten war die Christopher Street im Künstler-Viertel Greenwich Village in Manhattan.
Streit um Regenbogenflaggen an Einkaufspassage
Am Rande der Demonstration in Hamburg verweigerten Sicherheitskräfte mehreren Personen mit Regenbogenflaggen den Zutritt zur Europa-Passage. Der Sicherheitsdienst habe an zwei Eingängen Menschen mit dem Pride-Symbol abgewiesen oder dazu aufgefordert, ihre Flaggen einzurollen, sagte ein Polizeisprecher. Als Begründung hätten sich die Sicherheitskräfte auf das Hausrecht bezogen. Das Center Management der Einkaufspassage reagierte auf eine Anfrage zunächst nicht - außerhalb der Geschäftszeiten sei das Management am Wochenende nicht zu erreichen, hieß es.
Die Stadtreinigung Hamburg kehrte nach dem Straßenumzug rund 13 Tonnen Müll zusammen, wie eine Sprecherin des städtischen Unternehmens mitteilte. Im vergangenen Jahr waren nach dem Christopher Street Day mit 260.000 Beteiligten noch 24 Tonnen Müll angefallen, im Jahr 2024 hatten 250.000 Demonstranten nach damaligen Angaben der Stadtreinigung sogar 32 Tonnen Abfall produziert.
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