TZoff um Moorschutz: Landwirte bangen um fruchtbare Böden im Kreis Stade
Manfred Hinrichs, Ortsvertrauensmann der Landwirte aus Buxtehude-Neuland. Foto: Richter
Das neue RROP, das Regionale Raumordnungsprogramm, wurde bei der Zukunftswerkstatt des Landkreises heftig diskutiert. Besonders kontrovers: Moorschutz und Kleiabbau.
Landkreis. Manfred Hinrichs ist Landwirt aus Buxtehude-Neuland. „Dieses Moor wird seit tausend Jahren bewirtschaftet“, erklärt er. Jetzt fürchtet er, dass es damit zu Ende gehen könnte. Denn im Entwurf des neuen RROP ist fruchtbares Land als Moorschutzgebiet vorgesehen. „Ich habe Böden, die haben 50 Bodenpunkte. Und die sollen in den Torferhalt kommen“, erklärt Hinrichs, der auch Ortsvertrauensmann der Landwirte ist.
Blick auf das Naturschutzgebiet „Moore bei Buxtehude“. Foto: Richter
„Torfgebiete können landwirtschaftlich sehr gut weitergenutzt werden“, sagt Dr. Stefano Panebianco, Dezernent vom zuständigen Amt für regionale Landentwicklung in Lüneburg. Er hört nicht, wie jemand in einer hinteren Reihe kopfschüttelnd sagt: „Das ist doch ein Witz.“
Schwierige Suche nach Kompromissen
Die Aufstellung des neuen RROP birgt Herausforderungen. „Wir müssen Vertrauen aufbauen und Verunsicherung abbauen“, sagt Frank Havemann (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Klimaschutz, Umwelt und Regionalplanung. Das zu erreichen, ist ein Ziel. Ein weiteres: Viele auf den ersten Blick widersprüchliche Anliegen unter einen Hut zu bekommen.
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„Wir versuchen die Quadratur des Kreises“, räumt Panebianco ein. Um zu erklären, wie das funktionieren soll, sind auch Kreisbaurätin Madeleine Pönitz, ihr Kollege Simon Grotthoff sowie Jan-Christoph Sicard vom beauftragten Planungsbüro auf dem Podium. Viele Insider aus Verwaltung, Politik, Verbänden und interessierte Laien sind gekommen. Vor allem Landwirte.
Ohne Entwässerung nasse Füße in Buxtehude
Landwirte wie Manfred Hinrichs, dessen Vorfahren Land gewannen, indem sie Gräben aushoben, um das Moor zu entwässern. Bis heute profitieren davon nicht nur sie selbst, betont er: „Wenn das Schöpfwerk zwei Tage stillsteht, wird Buxtehude überschwemmt.“

Auf dem Podium: Fachausschussvorsitzender Frank Michael Havemann (CDU), Landrat Kai Seefried, Kreisbaurätin Madeleine Pönitz und Planer Jan-Christoph Sicard. Foto: Richter
Als die Moore urbar gemacht wurden, wusste man nicht, dass mit der Entwässerung große Mengen CO2 freigesetzt werden, das über Jahrtausende in den nassen Torfschichten gebunden war. Heute will der Gesetzgeber diese Emissionen stoppen - auch mit Hilfe des RROP.
Nach Stand der Forschung speichert eine 15 Zentimeter hohe Torfschicht etwa so viel Kohlenstoff wie ein 100-jähriger Wald auf gleicher Fläche. Entwässerte Moore sollen europaweit 230 Megatonnen klimaschädliche Emissionen pro Jahr freisetzen - anderthalb bis zweimal so viel wie der gesamte europäische Flugverkehr.

Wiedervernässte Torfabbauflächen im Tister Bauernmoor bei Sittensen. Foto: Richter
Moorschutz ist darum einer der Schwerpunkte des neuen RROP. Dabei spielt auch Wiedervernässung eine Rolle. Im RROP-Entwurf sind 15 „Vorranggebiete Torferhalt“ aufgeführt, erklärt Landvolk-Geschäftsführer Christoph Wilkens. Die Bewirtschafter von Flächen in diesen Bereichen seien besorgt.

Jan Platz vom Landvolk bei der Zukunftswerkstatt zum RROP. Foto: Richter
„Wir ziehen jetzt Proben, um nachzuweisen, dass wir kein Torfgebiet mehr sind“, sagt Manfred Hinrichs. Auch Jan Plath, Vorsitzender des Landvolks Stade, hat seinen Boden untersuchen lassen: „Da ist kein Torf.“ Außerdem gibt er zu bedenken: Der CO2-Ausstoß aus der Bodennutzung habe in den letzten Jahren nicht stark zugenommen. Für das CO2 bleibe eindeutig das Verbrennen fossiler Treibstoffe ausschlaggebend.
Biotopverbund: Verlieren die Flächen an Wert?
„Uns bewegt der Biotopverbund wirklich stark“, erklärt Marten Balthasar von den Junglandwirten. Dazu gehören Gewässer-, Moor-, Offenland- und Waldbereiche, die mindestens durch Korridore miteinander verbunden bleiben sollen. Die Befürchtung: Die Ausweisung im RROP könnte eine Weiterentwicklung der Betriebe verhindern und den Wert der Flächen mindern. Er sei nicht der Einzige, der sich frage: Kann ich meinen Hof im Außenbereich dann noch erweitern?

Auf dem Podium: Marten Balthasar, Christoph Wilkens, Frank Havemann, Kai Seefried, Madeleine Pönitz und Jan-Christoph Sicard.
„Ist das jetzt eine Enteignung?“ Diese Frage stellt Landrat Kai Seefried und gibt an Jan-Christoph Sicard vom beauftragten Planungsbüro weiter. Er sagt, dass er den Landwirten diese Sorge nehmen könne: „In einem Vorbehaltsgebiet ist Landwirtschaft nicht genehmigungspflichtig. Sie müssen an Ihrer Bewirtschaftungsform erst mal gar nichts ändern.“
„Erst mal?“, fragt jemand. Kreisbaurätin Madeleine Pönitz formuliert vorsichtiger: „Stand jetzt: nein.“ Es sei denn, der Gesetzgeber mache eine neue Vorgabe. Bei einem raumwirksamen Bauvorhaben im Vorranggebiet sei zu prüfen, ob die Ziele vereinbar seien. Oft sei das in der Praxis der Fall, sagt Sicard. Als Beispiel nennt er den Moorverbund, wo es das Ziel einer trittsteinmäßigen Wiedervernässung gebe: „Das geht aber nicht ohne das Einverständnis des Landwirts.“
Landwirte sollen Klima schützen - und die anderen?
Eine Ungerechtigkeit bemängelt Martin Lüdders, Landwirtsohn aus Drochtersen: „Von Landwirten wird viel erwartet. Wir haben auch großes Interesse, den Klimaschutz zu unterstützen. Aber was ist mit den anderen, die große Industriegebiete, die A20 oder einen Surfpark planen?“
Wie berichtet, bewegen auch Deichschutz und Klei viele Menschen. 540 Hektar fruchtbarer Boden als Kleiabbaugebiet in Kehdingen - für diesen Vorschlag im RROP-Entwurf hagelte es erneut Kritik. „Unser Wunsch ist, dass sich im neuen Entwurf kein einziger Hektar davon mehr wiederfindet“, sagte der ehemalige Baljer Bürgermeister Hermann Bösch.
Das versprach der Landrat nicht, kündigte aber an: „In der zweiten Auslegung wird es anders aussehen.“ Nun geht es darum, die Stellungnahmen auszuwerten, abzuwägen und den zweiten Entwurf fertigzustellen. Bis Ende 2027 soll das neue RROP rechtskräftig sein.
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